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Kommt zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich werde euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und den Geringen von Herzen zugetan; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht. Mt 11, 28-30

Die Leichtigkeit des Evangeliums, liebe Gemeinde, die Unbeschwertheit des Christus-Glaubens, die dürfen wir heute morgen miteinander entdecken. Und wir müssen dazu keine speziellen Übungen machen. Keine Yogaübungen und kein autogenes Training, keine Om-Silben summen und keine Litaneien beten, kein Tantra und kein Hintra, sondern einfach gut zuhören, was der Herr verheisst und in seiner Kraft an uns auch verwirklichen wird.
Kommt zu mir, alle. Ich könnte jetzt eine lange rhetorische Kunstpause machen. Und wenn ich schon etwas älter, mein Haar graumelierter und meine Sehkraft schwächer wäre, dann könnte ich zusätzlich noch mit langsamer Gebärde die Brille von der Nase nehmen, mich über den Kanzelrand bücken und der Gemeinde tief in die Augen schauen. Und es gäbe sicher einige, die fänden das ganz schön und beeindruckend vom Herr Pfarrer und wären besonders entzückt, wenn er dazu noch einen Talar tragen würde. Es wäre dann halt irgendwie so feierlich. Aber wir wollen all diese Theatralik, diesen Schnicknack weglassen und uns allein auf das konzentrieren, was uns alle konzentriert, nämlich Christi Einladung an uns. Kommt zu mir, alle.
Also wenn jetzt einer von uns nach dem Gottesdienst draussen vor der Kirche hinsteht und die ganze versammelte Gemeinde zu sich nach Hause einlädt, dann wären wir mit Sicherheit beeindruckt von solcher Grosszügigkeit. Nun, was Jesus sagt, ist ja nicht weniger grosszügig. Das gilt es zu bedenken. Es soll keine und keiner aussen vor bleiben — alle sind wir gerufen, eingeladen zu IHM zu kommen. Und es wird wie bei jeder Grosseinladung sein, nicht alle werden kommen wollen. Aber das muss jetzt nicht unsere erste Sorge sein. Morgen vielleicht wieder, aber jetzt nicht. Jetzt gilt es nur Jesu Wort zu hören und ihm zu folgen. Kommt zu mir.
Und ganz besonders — das wollen wir hier eben so deutlich rausstreichen — gilt die Einladung den Mühseligen und Beladenen. Die ruft er auch, ja gerade die ruft er zu sich, der Heiland. Da werden für einmal nicht die Reichen und Schönen, die Glückspilze und Erfolgreichen ins Rampenlicht gestellt, sondern jene, die mühselig und beladen sind. Weiss Gott, es gibt genug Mühsal und Belastung in unserer Welt! Wessen Tagebuch wüsste davon nichts zu berichten?! Der Heiland ignoriert das nicht. Er ruft sie zu sich, die Erniedrigten und Beleidigten. Gerade ihnen ist er von Herzen zugetan. — Vater, lass sie es hören und beherzigen!
Da können wir also nachhaltig lernen, von IHM lernen, dass er mit anderem Mass misst als wir. Himmlische Uhren ticken anders als irdische — ganz anders. Was in der Welt geplagt wird, was mühselig und kaputt ist, das ist ihm wichtig, das lässt er nicht einfach durchfallen, das fängt er im Netz seiner Barmherzigkeit auf. Gerade jenen, die keinen Platz haben in unserer Welt, bietet er Raum an. — Muss jetzt wirklich noch gesagt werden, was das für uns als Christen und Christinnen für Konsequenzen hat im Umgang mit sozial Schwächeren? Wenn der Heiland doch auch und gerade die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, wie könnte es dann sein, dass seine Gemeinde von diesen nichts wissen will? Das wäre nicht seine Gemeinde — das wäre irgend ein Club, aber keine Christengemeinde.
Aber warum sollen wir eigentlich gerade IHM folgen und auf IHN hören? Wieso seine Einladung annehmen und nicht eine andere? Was unterscheidet denn sein Angebot von anderen? Was macht es besser, reizvoller, attraktiver? — Vielleicht weil da einer verspricht, dass sein Joch nicht drückt und seine Last leicht sei? Aber das können andere ja auch behaupten. Wer hilft uns über die garstige Kluft von der Botschaft zum Glauben? Wer garantiert uns denn, dass es sich auch so verhält, wie er verspricht?
Seine Gemeinde garantiert es. All jene, die seiner Einladung gefolgt sind und im Glauben an IHN die Wahrheit seiner Verheissung erfahren haben, all jene, die für IHN und sein Wort Zeugnis geben. Nein, die Wahrhaftigkeit seiner Verheissung kann man nicht beweisen, die kann nur im eigenen Leben erfahren werden. Um die Wahrhaftigkeit seiner Verheissung zu erleben, muss man sich ganz persönlich auf seine Verheissung einlassen. Anders geht es nicht. Es gibt hier einfach keinen sogenannt neutralen Standpunkt. Entweder man tritt ein oder man bleibt draussen.
Das klingt radikal — das weiss ich schon. Aber das Radikale — so will es das Wort in seinem Ursprung — ist ja nichts anderes als das, was an die Wurzel und also an die Substanz geht. Und das Evangelium, das geht nun mal an die Substanz. Das ist kein Giesskännlein, das uns mit Religiösem berieselt, sondern das gleicht mehr einem reinigenden Gewitter. Aber nach dem Sturm — und es ist bei Leibe kein Sturm im Wasserglas — kommt die Ruhe. Ich werde euch Ruhe geben, sagt Jesus. Wer bei mir einkehrt, kann Pause machen. Kommt zu mir und pausiert — so will es das Griechische Wort im Ursprung.
Wissen sie oder wissen sie es noch, wie Kinder reagieren, wenn die Lehrerin sagt: Pause! oder die Pausenglocke ertönt. Alles stehen und liegenlassen und nix wie raus aus dem Schulzimmer. So dürfen und so sollen wir reagieren, wenn der Herr uns herausruft aus dem Trott des Alltags, um Pause zu machen, damit wir uns erholen können, um dann mit neuem Elan an die Arbeit zu treten. Bei ihm kann man die Seele baumeln lassen — mehr als in jedem Ferienclub. Wen er eben hat, der hat das Leben. Der grosse Theologe Friedrich Schleiermacher hat deshalb wohl zu Recht christliche Gottesdienste "Unterbrechungen des übrigen Lebens" genannt.
Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen, um einem Dichter das Wort zu erteilen. Werner Bergengruen nimmt in seinen Lombardischen Elegien auf unsere Verse Bezug und stellt sie gleichzeitig in einen grösseren Zusammenhang. Spitzen sie die Ohren für eine sowohl poetische wie auch lebensnahe Delikatesse!
"Des Lebens Handwerk mühsam zu erlernen, / sind wir geboren. Ach, wir lernten spät. / Da wirs gelernt — wie wenig lernten wirs! - / ist schon der Aufbruch nahe. [gemeint ist der Tod] / Der Jugend Ungestüm (so klagt die Klage), / sich selbst genug, weiss noch zu lieben nicht, / und wo sies meint, da meint sie nur sich selbst./ Mich reun die jungen, die geschwinden Tage, / und ums Verkannte hab ich Reu und Leid, / der ich spät der Liebe Kunst erfahren, / das Joch, das sanft ist, und die Last, die leicht. / Doch alle Stunde ist der Liebe Zeit, / es sei in jungen, sei in alten Jahren, / und jeden Tag wird neu der Ring gereicht."
Wunderbar, da gibt uns der Dichter einen Schlüssel in die Hand. Das Joch, das uns Jesus auflegt, ist das Joch der Liebe und das drückt nicht. Wir sprechen jetzt hier nicht von der Liebe zwischen Mann und Frau, wohlverstanden, nicht vom Eros, sondern von der Agape, nicht von dem, was unsere Hormone steuern, sondern von dem, was Christus in uns und an uns wirkt — die Verbundenheit mit IHM.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir. Lieber wäre uns natürlich überhaupt kein Joch tragen zu müssen — klar. Klingt irgendwie nach Unterdrückung, schliesslich sprechen wir auch vom Joch der Unterdrücker. Aber gibt es das überhaupt — ein Leben ohne Joch, ohne Lasten, ohne Sorgen und Kummer? Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil (Schiller), scheint doch weit näher an der Wirklichkeit dran zu sein. Und nun ist es wirklich nur ein kleiner Schritt zur Einsicht, dass dann ein sanftes Joch allemal besser ist als ein schweres. Und genau das verheisst uns der Heiland, ein Joch — nicht kein Joch — ein Joch, das nicht drückt, eine Last, die im Vergleich zu anderen Lasten leicht ist, und zwar deshalb leicht ist, weil ER uns tragen hilft. Ist das ein Versprechen oder nicht?
Nirgends ist uns gesagt, dass der Glaube an Christus und der Gleichschritt mit Jesus nur eitel Sonnenschein beschere. Auch hier wird uns solches nicht gesagt. Gesagt und verheissen ist uns nur dies: Mein Joch drückt nicht. Das drückt dich nicht zu Boden. Das lässt dich frei und aufrecht gehen, wie es einem Menschen würdig ist. Mein Joch ist ein menschenwürdiges Joch. Und meine Last lässt sich tragen, auch über weite Strecken, weil sie leicht ist. Und das ist nur deshalb so, weil es mein Joch und meine Last ist. Die Lasten und die Joche, die ihr euch selber aufbürdet oder von anderen aufgebürdet bekommt, die sind viel schwerer. Die halten euch nieder und machen euch klein und schäbig. Ich aber, ich bürde keinem eine Last auf, die er nicht auch tragen könnte und lege niemandem ein Joch auf, das ihn zu Boden drückt. Ich bin eben sanft und kein Tyrann. Ich tyrannisiere nicht, ich befreie.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir. Das will gelernt sein. Niemand saugt das mit der Muttermilch ein. Wir kommen nicht als Fertigprodukt zur Welt, sondern als blinde Anfänger. Bei den Evangelisten ist immer wieder davon die Rede, dass Jesus die Menschen lehrte und diese demzufolge zu lernen hätten. Dem herrschenden Zeitgeschmack widerspricht das wohl eher. Viele hätten es lieber ein bisschen weniger belehrend, aber dem Evangelium entspricht es — allen Modeströmungen zum Trotz. Der Christus-Glaube will auch gelernt sein. Dass er sich trotzdem nicht machen lässt, darauf wollen wir heute nicht weiter eingehen. So reif sind wir doch nach Pfingsten, dass wir diese feine Unterscheidung allmählich kapiert haben!
Was wir bei Christus alles lernen können und was wir vor allem ganz persönlich noch zu lernen haben, muss ein jeder für sich selber rausfinden. Nicht alleine mit sich selber, sondern im Zwiegespräch mit Gott, im Gebet kann er das rausfinden. Die Ruhe, die Erquickung, die Christus in Aussicht stellt, wird nicht für jeden gleich beschaffen sein. Im Haus des Vaters gibt es viele Wohnungen und keinen Massensaal. Gemeinsam haben wir nur dies, dass wir alle von ihm gerufen sind. Geben wird er dann einem jeden das, was er braucht. Das will uns doch ermutigen, auch mit persönlichem Kummer und eigenen Sorgen vorstellig zu werden. Der Barmherzige wird sie nicht in den Wind schlagen. Dagegen steht sein Wort: Kommt zu mir, alle. Und etwas Besseres können wir gar nicht tun, als den HerrGott beim Wort zu nehmen, ihn dort zu packen, wo er sich selber offenbart — im menschgewordenen Wort, im Heiland Jesu Christi. Das ist ganz leicht. Wir müssen es nur tun — Gott beim Wort nehmen. Amen.

Interlaken, im Juni 2001