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Dann entgegneten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern: Meister, wir wollen von dir ein Zeichen sehen! Er aber antwortete ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und ihm wird kein Zeichen gegeben werden, ausser dem Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona im Bauch des Fisches war, drei Tage und drei Nächte, so wird der Menschensohn im Schoss der Erde sein, drei Tage und drei Nächte. Die Männer Ninives werden im Gericht aufstehen gegen dieses Geschlecht und es verurteilen, denn sie sind auf die Predigt des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona! Die Königin des Südens wird im Gericht auftreten gegen dieses Geschlecht und es verurteilen, denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo! Mt 12, 38-42

Liebe Gemeinde! Standen sie auch schon einmal vor verschlossener Türe? Der Zündschlüssel steckt noch und locker schlägt man die Autotüre zu, womöglich irgendwo im Ausland – unangenehme Situation. Oder schnell durch die Kellertüre in den Garten zum Kompost, und sie hören gerade noch, wie die Einweg-Türe ins Schloss fällt. Da steht man dann in den Pantoffeln und schimpft sich selber. Oder im strömenden Regen vor einem Eingang verabredet, aber der, welcher den Schlüssel hat, lässt auf sich warten. Und den Eingang, den hat der Architekt aus ästhetischen Gründen ausgerechnet ohne Vordach konzipiert. Da steht man dann in doppeltem Sinne im Regen. – Ja, so manche Türe bleibt einem ohne Schlüssel versperrt.
Auch für unseren heutigen Evangeliums-Abschnitt braucht man den passenden Schlüssel. Sonst ist das ein sperriger Text, der einen von den fröhlichen Gaben des Evangeliums mehr ausschliesst, als an sie rannlässt, der einen sang und klanglos im Regen stehen lässt. Das gilt natürlich grundsätzlich für den Umgang mit biblischen Texten. Wer den Schlüssel nicht hat, bleibt draussen. Aber für diesen gilt es, so denke ich, in besonderem Masse.
Zum einen, weil er uns so etwas wie biblisches Grundwissen abverlangt, ohne das es kein vorwärtskommen gibt. Die Namen Jona und Ninive sollten an eine alttestamentliche Propheten-Legende erinnern und nicht etwa an Produkte aus der Werbung und die Königin des Südens an die Königin von Saba, welche von der Weisheit Salomos so entzückt war, dass sie ihn mit Gold und Gewürzen überhäufte.
Zum andern aber versperrt sich der Text gerade auch in der Reduktion auf ein bloss zeit- und also allzu geschichtsgebundenes Verständnis des geschilderten Disputes. Das käme dann ungefähr so daher, dass man den vorösterlichen Jesus und den nachösterlichen Christus auseinanderdenkt. Dabei ist die Kunst des neutestamentlichen Glaubens gerade umgekehrt gelagert: Den Jesus und den Christus zusammendenken, und die Schnittstelle dieses Denkversuches das ist sein Kreuz. Nachösterliche Überheblichkeit denen gegenüber, die dem historischen Jesus begegneten, ist also ganz und gar, weil überhaupt nie angebracht. Der Standpunkt: Ja, die Pharisäer wussten eben noch nicht, was wir wissen, lässt sich kaum einnehmen. Nur schon deshalb nicht, weil Jesu Worte damit im Panzerschrank der Geschichte eingesperrt würden, als gingen sie uns heute weniger an als die Menschen damals.
Aber wer oder was oder wo ist nun dieser Schlüssel, der uns die sperrigen Worte öffnet. Nun es ist immer der Gleiche, auch wenn wir uns immer gleich schwer mit ihm tun. Es ist nichts, was wir an uns herumtragen oder aus unserer Tasche ziehen könnten. Es ist Gottes Geist, der uns verständig macht, indem er uns allererst einmal hörbereit macht. Der uns so lange und so genau hinhören lässt, bis wir über ein Schlüssel-Wort, über ein so kleines und in der Werte-Skala unserer Tage so gesunkenes Wort wie "ehebrecherisch" stolpern. Wir stolpern und fallen auf die Nase, nicht um liegenzubleiben, sondern damit ein anderer uns aufrichten kann, und zwar so, wie wir uns aus eigener Kraft gar nie aufrichten könnten. Ein ehebrecherisches Geschlecht. Das ist das Schlüssel-Wort zum Text.
Ehebruch, das heisst doch immer Treuebruch. Wer als ehebrecherisch tituliert wird, der wird als treulos erfunden. Das ist nicht etwa an den Haaren herbeigezogen, sondern im alttestamentlichen Sprachgebrauch begründet und beglaubigt. Das Verhältnis zwischen Israel und Jahwe ist ehebrecherisch, wo es götzendienerisch ist. Israel die treulose Hure kann von den Angeboten fremder Götter nicht genug bekommen und prostituiert sich darum auf jedem Hügel und unter jeder Zeder. Einziger Störmoment in dieser Metapher, ein geschlechter-spezifischer: Männer und nicht Frauen führen eindeutig die Ehebruchstatistik an. Aber gut, es geht um Ehebruch und also um Treulosigkeit. Spinnen wir den Faden weiter.
Wer die Ehe bricht, schändet die Treue und schürt damit Misstrauen. Ein denkbar schlechter Nährboden für die Liebe, die ja in der Regel Anfang und Grund für eine Ehe abgibt. Die Liebe, die mag zwar eifersüchtig sein, aber misstrauisch ist sie nicht. Der Begriff ehebrecherisch soll hier also die Untreue der Gottesbeziehung charakterisieren. Und aus dieser Gottesbeziehung heraus wird ein Zeichen gefordert. Das ist so verkehrt und scheinheilig, wie wenn ein Ehepartner fremd gehen würde und dann noch die Dreistigkeit hätte, von seiner Partnerin Liebes-Beweise zu verlangen. Solches Verhalten wäre nicht nur anmassend, es wäre auch böswillig, weil es wie alles Böse in einer grundlegenden Verkehrtheit fusst.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten outen sich, wie wir heute vielleicht sagen würden, sie outen sich mit ihrer Frage als Unverständige, als solche, die ihr Gegenüber, diesen Jesus aus Nazareth, in seiner Tiefe noch gar nicht erkannt und geglaubt haben. In ihrem Unverständnis werden sie zum Identifikations-Beispiel quer durch die Zeiten. Was Menschen heute mit Pharisäern und Schriftgelehrten damals und also mit diesem Text verbindet, ist der Unglaube, der Falsch-Glaube, dass ein sichtbares, womöglich noch ein besonders sensationelles Zeichen, der eigentlichen Wirklichkeit dieses Nazareners und seiner Verkündigung einträglich wäre. Dem ist nicht so. Dem kann nicht so sein, sonst hätte Jesus wohl kaum so schroff geantwortet.
Seine Antwort ist ja einmal mehr eine schallende Ohrfeige. In seiner Antwort wird die Forderung zurückgewiesen; sofern ihr Anliegen honoriert wird, wird es in der Antwort transformiert. Es wird kein bestätigendes, sondern ein richtendes Zeichen sein, das sich als solches auswirkt auf die, die es fordern. nach Geense
Was steckt aber hinter der Schroffheit dieser Antwort? Nun, um es kurz zu sagen: Die Möglichkeit eines besseren Glaubens als den, welche die Pharisäer, man ist geneigt zu sagen, von Gesetzes wegen, mitbringen. Das ist übrigens auch der Gewinn, der uns heute in Aussicht gestellt ist, wenn wir auf diesen Text hören. Ein besserer Glaube, und zwar in sofern besser, als er sich eben weniger an das Sichtbare, als vielmehr an das Unsichtbare bindet, das was den Augen im Kopf nun einmal weniger zugänglich ist als den Augen des Herzens und insofern ein Plus, ein Mehr an Vertrauen provoziert an den ja ebenfalls unsichtbaren Gott und sein Reich.
Oder anders gesagt: Wo Garantien gefordert werden, und das sind sichtbare Zeichen ja wohl, da bekommt das Vertrauen eine so andere, geringere Qualität, dass es eben letztendlich gar kein Vertrauen mehr ist. Ein Glaube, der Beweise braucht, ist nicht Glaube, jedenfalls nicht der Glaube, der an die Wirklichkeit Christi herankommt, weil er sich gerade dieser Wirklichkeit verdankt. So wollen eben diese Worte aus dem Matthäusevangelium dem Glauben helfen, Glaube zu sein. nach Schweizer
Denn, das müssen wir noch einräumen, liebe Gemeinde, so abwegig ist ja die Forderung der Pharisäer nach einem Zeichen gar nicht. Die Bibel ist voll von Zeichen, welche Menschen z. T. von Gott direkt gegeben werden. Und die Legitimation beispielsweise von Propheten hatte häufig Zeichengestalt. Denken wir etwa an ein ganz bekanntes Beispiel: Auf Elias Bitte hin fällt auf dem Berg Karmel den 40 Baalspropheten zum Zeichen Feuer vom Himmel. So abwegig ist die Forderung also nicht, und mit der pharisäischen Scheinheiligkeit muss man vorsichtig umgehen, weil sich dahinter auch gefährliche Antisemitismen verbergen können. Der Typus des Pharisäers, nicht die Person ist im Fadenkreuz. Sie sind der Spiegel, in welchem wir uns selber entdecken und zuweilen erschrecken.
Aber das alles, macht eben erst deutlich, wie völlig realitätsfremd die Forderung ins Angesicht Jesu ist. Hier ist, sagt es Jesus bei Matthäus ausdrücklich, hier ist mehr als Jona und mehr als Salomo, das heisst, hier steht ihr eben nicht mehr vor einem der Propheten, auch nicht vor dem grössten, hier steht ihr auch vor mehr als vor einem weisen König, hier steht ihr dem lebendigen, menschgewordenen Gott gegenüber. Das ist die Wirklichkeit, an der die Forderung nach einem Zeichen Schiffbruch erleidet. Und mit dieser Wirklichkeit tun sich Menschen schwer, gestern wie heute, weil Gottes Wirklichkeit so ganz anders ist als das, was wir uns ausdenken und ausmalen können.
Dass uns als Christen dennoch für diese schwer fassbare Wirklichkeit ein Zeichen gegeben ist, nämlich das Zeichen des Kreuzes, dem wir in der Passionszeit in besonderer Weise entgegen gehen, das deuten wir als Gnade. Und uns ist im Zeichen des Jona zusätzlich angedeutet, dass Gottes Barmherzigkeit grösser ist als die zerstörerischen Eigenmächte der Gottes-Flüchter. Nur, diese Zeichen sind uns von Gott aus Gnade gewährt und insofern etwas ganz anderes als menschliche Zeichenforderungen. Es ist darauf zu achten, wer wem was abverlangt oder gewährt – der Töpfer dem Ton oder der Ton dem Töpfer.
Bleibt noch zu sagen, neben vielem was heute Ungesagt bleiben muss, der Ruf zur Umkehr, der ausgesprochen und unausgesprochen in diesen Worten mitschwingt, der ist dann gehört worden, wenn einer, von diesen Worten berührt, seinen Glauben auf ein Besseres hin überdenkt und dazu Gott um seinen Beistand, seinen Geist bittet. Dem Ruf zur Busse korrespondiert die Bitte um den Geist. Er hat und er ist der Schlüssel zu diesen Worten und zum Zeichen des Kreuzes, mehr als jeder Prediger mit noch so lauteren Absichten. Amen.

Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Lass uns kein ehebrecherisches und also treuloses Geschlecht werden. Anzeichen dafür gibt es ja genug, dass wir uns in diese Richtung bewegen. Die Sucht nach jenen Zeichen, die du uns nicht gewährst, weil sie uns letztlich auch nicht einträglich sind, sie ist in unseren Tagen wieder stark geworden, wir denken etwa an die z. T. verführerischen und z. T. nur noch hirnrissigen Horoskope in den Illustrierten, an die Zukunftsprognosen, die mit allem möglichen rechnen, nur nicht mit dir, an all die magischen Praktiken und esoterischen Dummheiten, die viel über die Menschen aussagen, welche sie betreiben, aber so gar nichts von dir und deinen Taten verkünden. Herr, verschone uns mit diesem ganzen Karsumpel. Mach uns mehr und mehr immun gegen all das, was dein Evangelium vergiftet. Lehre uns ein Besseres. Den Mut jenes Nazareners, seine Bereitschaft kompromisslos für dein Reich einzustehen, seine Ausdauer im Leiden, die ganze Lauterkeit seiner Worte und Taten.
Und wenn wir schon dran sind und vor dir unsere Sorgen ausbreiten, indem wir sie dir als Bitten vortragen, dann wollen wir dich heute auch für jene bitten, die über uns regieren, jene, die wir an die Macht gewählt haben, aber die nur du in der Verantwortung erhalten kannst, besonders bitten wir für die Männer und Frauen in den Krisenstäben, die in den vergangenen Tagen alle Hände voll zu tun hatten, ihr Wissen und ihr Können ist das eine, das Gelingen ein anderes, wir bitten dich aber auch für jene, die unter den Fehlentscheidungen anderer zu leiden haben, versöhne du sie mit ihrem Schicksal, lass sie nicht bitter und hart werden, dasselbe erbitten wir auch für alle, welche traurig sind aus was für Gründen auch immer, für jene die krank oder gar dem Sterben nahe sind und schliesslich bitten wir dich auch noch für jene, die nie jemand in seine Fürbitten einschliesst, die Vergessenen, die Namenlosen, die ganze grosse Zahl derer, die durch die Maschen unserer Gesellschaft, unserer Kirche und unserer persönlichen Erinnerung fallen. Wir bitten dich für sie und für uns mit den Worten des Psalms, die dem heutigen Passions-Sonntag seinen Namen geben: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Ps 25, 6 Amen.

Interlaken, Februar 1999