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Ein anderes Gleichnis legte Jesus ihnen vor: Das Himmelreich gleicht einem, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während aber die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und machte sich davon. Als die Saat aufging und Frucht brachte, da kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da traten die Knechte zum Hausherrn und sagten zu ihm: Herr, war es nicht guter Same, den du auf deinen Acker gesät hast? Woher kommt dann aber das Unkraut? Er antwortete ihnen: Das hat ein Feind getan! Da fragten ihn die Knechte: Sollen wir also hingehen und es ausreissen? Er sprach: Nein, damit ihr nicht, wenn ihr das Unkraut ausreisst, auch den Weizen mit herauszieht. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte. Und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Reisst zuerst das Unkraut aus und schnürt es zu Bündeln, um es zu verbrennen, den Weizen aber bringt ein in meine Scheune! Mt 13, 24-30

Liebe Gemeinde! In weltlichen Bildern spricht Jesus von himmlischen Wahrheiten. Im Gleichnis berührt sich, was sich nicht gleichsetzen lässt: Gottes Reich und unsere Alltagswelt. Jesus lehrt uns durch das Einmaleins der Welt das ABC des Himmelreichs. In Jesu Gleichnis kommt uns Gott nahe, so dass in Mitten unserer Lebenswelt sein Reich erkennbar wird.
Vom Himmelreich da verstehen wir wenig. Deshalb hilft uns Jesus mit Gleichnissen aus. Von der Welt hingegen verstehen wir mehr. Ja, wir wissen, dass es Feinde gibt im Leben, Unkraut unter dem Weizen und Übereifer unter den Menschen. Wir verstehen die Bildersprache Jesu sehr wohl. Und auf dem Hintergrund dessen, was sich hier bei uns zuträgt, sollen wir lernen, was dereinst sein wird. Auch dieses Gleichnis, dieses vielleicht ganz besonders, ist auf Zukunft hin angelegt. Nicht auf jene Zukunft, die wir auf Erden noch vor uns haben, sondern auf jene Zukunft, die Gott mit uns noch vor hat und die auch nicht abbricht, wenn der Tod einbricht, sondern dann erst anbricht, wenn der Allmächtige die letzte Posaune blasen lässt.
Da ist also ein Mensch, der sät guten Samen. Er wirft keinen Müll aufs Feld. Er sät gute Saat. Er sät für die Zukunft. Und dann geht er wie alle Leute schlafen. Schliesslich wächst die Saat von selbst. Wir meinen ja je länger je mehr, wir müssten uns auch hier noch einmischen und dem Samen diktieren, wie schnell und in welcher Form er wachsen soll. Und je mehr wir uns einmischen, desto mehr wird uns die Natur ausschliessen. Je mehr Giftmischer mitmischen, desto mehr werden andere Geschöpfe darunter zu leiden haben.
Aber gut — während der Mensch also schläft, tritt sein Feind auf den Plan. Die Konkurrenz schläft nicht. Sie sät Unkraut, Afterweizen, wie Luther so treffend übersetzt hat, Lolch, wie uns die Botanik lehrt. Ist dem Weizen zunächst sehr ähnlich und trügt wie jeder Schein. Mit der Zeit erst merken es die Knechte. Herr, war es nicht guter Same, den du auf deinen Acker gesät hast? Hören Sie den leicht vorwurfsvollen Unterton? Kommt er Ihnen bekannt vor? Ist nicht auf diesen Ton so mancher Vorwurf gestimmt, den wir machen? Dabei wissen wir doch meistens einfach zu wenig. Also kompensieren wir unser Nichtwissen mit blindem Eifer. Und blinder Eifer schadet nur. Das müssen die Knechte im Gleichnis nicht weniger als wir einsehen. Vorsicht! Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte, ist der weise und barmherzige Befehl des Herrn.
Liebe Gemeinde! Blinder Eifer schadet nur. Er schadet dann besonders, wenn er dem HerrGott vorgreifen will. Es ist nicht unsere Sache, aus Gottes Acker eine Monokultur zu machen. Es ist eben — und es war das auch immer in der Kirchengeschichte — ein Irrtum, wenn Menschen meinen, sie müssen aus Gottes Volk, aus seiner Gemeinde, ein heiliges, unbeflecktes Substrat herausfiltern. Den guten Weizen vom Afterweizen zu trennen, ist nicht unsere Aufgabe. Richtet nicht vor der Zeit, schreibt der Apostel Paulus an die Korinther. Jesus sagt mit seinem Gleichnis dasselbe. ER wird den Schnittern sagen, was in die Scheune kommt und was verbrannt wird. ER wird es ihnen sagen und nicht wir. Gott sei Dank können und dürfen und müssen wir das nicht sagen!
Oder stellen sie sich einmal vor, der unliebsame Nachbar hätte am Tag der Ernte das Sagen. Herrjemine! Das gäbe eine blutige Ernte! Eine grässliche Hexenjagd! Nein, Jesus wird die Schnitter einteilen. Und das ist gut so. Eine grosse Befreiung, dass wir diese Last nicht zu tragen haben, eine letzte Entscheidung herbeiführen zu müssen. Auch diese Last ist uns von Christus abgenommen. Und da ist doch jeder ein bisschen blöd oder vermessen, der sie sich selber wieder auflädt.
Und ich weiss, dass man sich diese Last auch sehr raffiniert wieder auf den Buckel schnallen kann, zum Beispiel in der Frage: "Was geschieht mit denen, die nicht gerettet werden?" Ist das allen Ernstes unsere Sorge? Nein! Unsere Sorge oder besser unsere Aufgabe ist doch eine ganz andere. Unsere Aufgabe ist es — gerade auf dem Hintergrund dieses Gleichnisses — die Geduld als etwas Gottgemässes zu erkennen und dann auch schätzen zu lernen. Die Geduld setzt auf den HerrGott und nicht auf sich selber.
Die Knechte haben keine Geduld. Und sie sind uns in dieser Ungeduld ja nicht einmal unsympathisch. Manchmal könnte einem wirklich der Kragen platzen, was für Mist in christlichen Kirchen verkündet wird. Dämlicher und dümmlicher geht’s zum Teil nicht mehr. Aber nun ist uns eben dieses Gleichnis eine grosse Hilfe, dass wir in unserem Eifer nicht auf die schiefe Bahn geraten, sondern unseren Blick auf den richten, der uns alle einmal richten wird. Die Knechte, die sehen zwar sehr wohl den Afterweizen, und der Herr bestätigt das auch, dass es Unkraut gibt, aber er hält dagegen, dass Gott sein Reich selber bestellt. Auch wir werden da Gäste sein und nicht Hausdamen und Hausherren.
Und das alles, diese ganze Wirrnis, diesen blinden Eifer, dieses verunkrautete Weizenfeld bringt jene dunkle Macht zu Stande, die heimlich wirkt und im Gleichnis ganz knapp als der Feind vorgestellt wird. Jene Macht, die wir sehr wohl kennen und auf vielen Schauplätzen der Welt am Werk sehen und die wir doch aus eigener Kraft weder überwinden noch besiegen können. In diesem Augenblick, wo wir dem Evangelium zuhören, mischt sie ihre Giftsaat dazwischen. Mischt sich ein, wenn Menschen miteinander reden. Vermischt unsere eigenen Vorzugsgedanken mit Gottes Wort, und übrig bleibt ein fader grauer Brei — viere essen davon und da waren’s nur noch drei. Ja, ja Luther hat schon recht: Baut Gott eine Kirche, dann setzt der Teufel sofort eine Kapelle daneben.
Wie sehr lehrt uns doch das Gleichnis, dass diese Welt noch nicht erlöst und die Gemeinde Christi noch nicht vollkommen ist! Und doch macht es uns auch Hoffnung, dass Gottes Reich über das Böse siegt. Aber — und das ist nun für einen reiferen Glauben, für einen wirklich evangelischen Glauben etwas ganz Entscheidendes — Gottes Reich, seine Herrschaft geschieht jetzt noch im Verborgenen. Sie tritt nicht eindeutig in Erscheinung, so dass man sagen könnte: Siehe hier, siehe dort, sondern vermischt mit viel Kraut und Unkraut. Aber sie wächst dem Tag der Entscheidung entgegen.
Richtig verstanden, ist einmal mehr auch das eine grosse Befreiung. Wir können uns von den leidigen Ansprüchen nach einer perfekten Christengemeinde getrost lösen. Es gibt keine vollkommene Kirche. Alle gleichen sie einem verkrauteten Weizenfeld. Das heisst nicht, dass wir alles gutheissen müssen, was in der Kirche geschieht. Aber es befreit uns davon, an unseren eigenen Idealen und Ansprüchen kläglich zu scheitern. Das Gleichnis macht eben klar: So schaut’s auch bei euch aus, Weizen und Afterweizen stehen dicht an dicht. Und erst bei der Ernte wird getrennt. Jesu Gleichnisse sind keine Befehlsausgaben, sondern Beschreibungen von Wirklichkeit. Sie sind das Bilderbuch Gottes.
Und ich sage noch etwas, das wahrscheinlich nicht allen Ohren passen wird, aber ich sag’s trotzdem, weil mich gerade dieses Gleichnis dazu ermutigt. In einer Kirche sind nicht nur jene gesammelt, die es mit dem Evangelium ganz ernst nehmen, sondern auch solche, die vielleicht halbherzig, gleichgültig oder gar lästerlich mit der Botschaft Christi umgehen. Die Kirche darf zwar kein Gemischtwarenladen werden, sie bietet nur eines feil — das Evangelium vom gekreuzigten Auferstandenen — aber im Blick auf die Menschen in ihr ist sie eine Mixtur von grosser Bandbreite. Angefangen bei denen, welche es ernst meinen, bis hin zu jenen, denen es letztlich egal ist. Unter einem wichtigen Vorbehalt allerdings: Gott allein teilt ein. Er allein kennt die letzte Wahrheit über uns.
Eine Volkskirche findet in diesem Gleichnis deshalb auch ihre Legitimation als offene Kirche für alle. Das Gleichnis steht also gegen jede auserwählte Gemeinschaft, gegen jeden geheimen oder esoterischen Zirkel und gegen jede selbstherrliche Kerngemeinde. Wie könnte es auch anders sein, da doch der Heiland selber in seinen Reihen den Judas duldete. Das Gleichnis steht aber auch gegen jedes Programm, das Gottes End-Urteil vorgreifen will. Und vor allem steht es gegen jeden Scheiterhaufen. Dafür steht es für die Hoffnung des Glaubens, dass Gott das Böse an seinem grossen Tag endgültig überwinden wird. Und es steht auch dafür, dass der Glaube an diesen Gott in die Zukunft gerichtet ist und sich weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart länger aufhält als irgend nötig.
Lassen wir zum Schluss noch einen der Kirchenväter zu Wort kommen. Cyprian schreibt: "Wenn es auch offensichtlich in der Kirche Unkraut gibt, so darf doch weder unser Glaube noch unsere Liebe derart Anstoss daran nehmen, dass wir selbst die Kirche verlassen, weil wir Unkraut in ihr bemerken. Wir haben vielmehr lediglich daraufhin zu arbeiten, dass wir Weizen zu sein vermögen …" Weder der Glaube — unsere Beziehung zu Gott — noch die Liebe — unsere Beziehung zu den Menschen — soll am Unkraut Anstoss nehmen. Sondern im Glauben und in der Liebe regiere die Geduld. Denn die Geduld wird von der Hoffnung getragen, dass bei Gott kein Ding unmöglich sei. Amen.

Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Du lässt deine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt schneien über Gerechte und Ungerechte. Gross, manchmal unbegreiflich gross, ist deine Barmherzigkeit. Gib uns nur etwas davon ab, und unsere Welt wird im täglichen Umgang angenehmer und liebreicher und milder. Mach uns empfänglich für deine Gnade. Mach uns für deine Wahrheit bereit. Wir preisen dich — unser Gott.
Herr Jesus Christus!
In deinem Namen bitten wir und in deinem Namen hoffen wir. Bitten um Geduld für uns selber und um Nachsicht für unsere Nächsten. Bitten dich um Frieden unter den Völkern, den Geschlechtern, den Generationen. Bitten dich um Demut für die Mächtigen und um Selbstvertrauen für die Kleinen. Bitten dich für deine Kirche, dass sie auf dein Wort baut und auf deine Verheissung traut. Bitten dich als Bruder für die Schwestern und Brüder in mancherlei Not. Und hoffen auf dich, der du kommen wirst. Hoffen auf dich, der du richten wirst. Hoffen auf dich, der du der Bös-Gestalt die Zähne brichst und den Nacken beugst. Du wirst die Ernte einfahren, so wahr du lebst und regierst. Gelobt seist du!
Gott, Heiliger Geist!
Wir stehen dicht an dicht im Weizenfeld. Hilf uns, dass wir uns da nicht auf die Nerven gehen, sondern gegenseitig stützen und aufrichten. Lass uns eine offene und einladende Gemeinde sein und kein engstirniger Sonderclub. Und gib uns den Mut, Afterweizen zu benennen und die Demut ihn zu dulden. Die EntScheidung liegt bei dir. Ehre für dich — Heil für uns. Amen.

Interlaken, im Januar 2000