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Das Himmelreich ist einem Netz gleich, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art fing. Als es voll war, zogen sie es an Land, setzten sich, sammelten die guten in Körbe und warfen die schlechten weg. So wird es sein, wenn diese Welt zu Ende geht: Die Engel werden ausziehen und die Bösen mitten aus den Gerechten aussondern, und sie werden sie in den Feuerofen werfen; dort wird Heulen und Zähneklappern sein. Mt 13, 47-50

Liebe Gemeinde! Es kann einem durchaus passieren, dass man erschrickt, wenn man dieses Gleichnis hört. Vielleicht sogar so erschrickt, dass man selber zu heulen beginnt oder mit den Zähnen zu klappern. Das wäre zumindest ein klares Signal eigener Betroffenheit. Und Betroffenheit wäre nicht die schlechteste Reaktion. Ein Gleichnis also, das uns den Schrecken einjagt? Bei Matthäus steht es am Schluss einer ganzen Reihe von Gleichnissen und gehört nicht zu jenen Abschnitten, die gerne und viel gepredigt werden. Das Gleichnis steht eher am Rande — zumindest in landeskirchlichen Kreisen. Sollen wir es also einfach jenen überlassen, die es gerne ein bisschen schrecklicher haben, jenen, die erst so richtig warm laufen, wenn sie den Drohfinger heben können, die gerne Schwarz Weiss malen, Moral anstatt Evangelium predigen und die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilen, wobei sie selber dann am genausten wissen, wer auf welche Seite zu zählen ist? Sollen wir wirklich dieses Gleichnis denen überlassen?
Das Gleichnis selber verbietet uns das, denn im Netz liegen doch Fische aller Art, und nicht nur einer bestimmten Sorte. Wir kommen darauf zu sprechen. Aber wieso steht es eigentlich in unseren Kreisen eher am Rand? Weil uns da Gottes Reich nicht so vor Augen gemalt wird, wie wir das vielleicht gerne hätten? Harmlos, ungefährlich und bedeutungslos. Denken wir so vom HerrGott? Dann hätten wir das Gleichnis allerdings bitter nötig. Aber dass uns Gottes Reich eben genau nicht so in die Ohren gelegt wird, das ist doch gerade das Spannende und dann auch das Wahre in diesem Gleichnis. Wahr ist nicht primär das, was uns gefällt, sondern das, was uns das Evangelium aufträgt. Heute tischt es uns gefangene Fische auf.
Mit dem Himmelreich verhält es sich also wie mit einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art fing. — Haben sie schon einmal einen Fisch gesehen, der freiwillig ins Netz geht? Verhält es sich mit dem Himmelreich nicht ähnlich? Es steht doch keiner am Morgen auf und nimmt sich vor: "So, heute werde ich Christ." Genau so wenig wie einer am Morgen aufsteht und beschliesst: "So, heute verliebe ich mich." Ja, das kann man oder frau sich schon vornehmen, aber der Tag wird kaum entsprechend verlaufen, wie sich das frau oder man ausgedacht hat. Die grossen und wichtigen Dinge in unserem Leben, die machen wir nicht, die widerfahren uns. Wer sich in Gottes Reich wiederfindet, der gleicht eben mehr einem Fisch, der ins Netz ging als einem Fischer, der sich entschliesst, dies oder das zu tun oder zu lassen.
Muss man sich mal in aller Deutlichkeit vorstellen. Wer in Christus Jesus seinen Heiland gefunden hat, der ist Gott ins Netz gegangen. Wer an Christus glaubt, ist von Gott gefangen worden. Nix da mit freiem Willen und eigenem Entschluss! Christen sind Gefangene Gottes. Klingt vielleicht merkwürdig in unseren zeitgenössischen Ohren, ist aber nichts desto trotz wahr. Der Apostel Paulus zum Beispiel, der sagt das genau so, ausdrücklich, mehrmals. Ich, Paulus, der ich der Gefangene Christi Jesu bin. Paulus hat sich nicht bekehrt, er wurde bekehrt.
Und wissen sie, liebe Gemeinde, die Rede, dass wir Gefangene seien, die ist gar nicht so dramatisch, wie moderne Menschen häufig vorschnell meinen. Sind wir letztlich nicht alle gefangen? Alle gehen wir doch am Ende dem Tod in die Fänge, ob wir schon sehnsüchtig drauf warten oder ob wir noch gar nicht dran denken mögen. Keiner ist unbefangen, der die selbe Luft atmet wie wir. Die entscheidende Frage ist nur die: Wer hält mich denn gefangen? Der lebendige Gott oder ein jämmerlicher Abklatsch? Meine eigenen Sehnsüchte oder Ängste? Meine genetische Veranlagung oder mein soziales Umfeld? Da lob ich mir doch meinen Gott, den lebendigen und gnädigen Gott, dass er mich gefangen hält. Lieber sein Diener als der Sklave eines anderen.
Und diese Fische, die liegen also kreuz und quer durcheinander im Netz — Fische aller Art. Noch wird nicht unterschieden zwischen guten und schlechten. Noch liegen sie Kopf an Kopf und Bauch an Bauch. Ja, Donnerwetter, das ist ja ein einziges Durcheinander. Genau! Ein Durcheinander ist die Kirche. Die Alten haben gesagt: ein Corpus permixtum. So viel Latein versteht jeder. Ein gemischter Leib. Der Corpus Christi ein Corpus mixtum. Nein, nicht die Guten, Braven, Frommen auf der einen Seite und die Bösen, Frechen, Gottlosen auf der anderen Seite. Um Gottes Willen und um dieses Gleichnisses und anderer Gleichnisse Willen: Noch ist Gottes Reich ein Durcheinander. Und keiner, der den Tod schmecken muss, soll sich anmassen Richter zu spielen und also zu wissen, welches die wahre Gemeinde oder die wahre Kirche sei. Zwingli, der Zürcher Reformator, hat das einmalig präzis und klar formuliert. "Welch ist Christi Kilch? Die sin Wort hört. Wo ist die Kilch? Durch das gantz Erdrych hin. Wer ist si? Alle Gleubigen. Wer kennt sie? Gott." Gott allein kennt die guten Fische. Er allein. Allein Gott in der Höh sei Ehr.
Ja, und dann ist uns eben in diesem Gleichnis auch noch gesagt: Als das Netz voll war, zogen sie es an Land, setzten sich, sammelten die guten in Körbe und warfen die schlechten weg. Da kommt also noch etwas. Es ist noch nicht aller Tage Abend. Da wird einmal noch eine grosse Auslese stattfinden. Und wir werden auch dann nicht über uns bestimmen, sondern andere werden uns einteilen. Ja, mehr noch: Da wird es gute und schlechte geben. Und mancher, von dem die Leute vielleicht gedacht haben, er sei ein ganz braver und guter, wird dann als schlecht befunden, und manch sogenannt Schlechter wird vielleicht als gut erkannt werden. Allein Gott in der Höh sei Ehr.
Gute und Schlechte gehen den Fischern ins Netz. Viele sind berufen, wenige aber auserwählt, heisst es an anderer Stelle beim Evangelisten. Ja, wie gesagt, in unserer Welt ist das Himmelreich noch ein Gemischtwarenladen. Brave und Böse sitzen nebeneinander, Gläubige und Scheinheilige teilen sich noch die selbe Bank, Heuchler und Demütige gehen durch die selbe Türe. Aber, das wird nicht immer so sein. Am Jüngsten Tag wird die Spreu vom Weizen getrennt, und zwar vom lebendigen Gott und seinen Helfern. Also nicht wir werden die Spreu vom Weizen trennen. Wir sind ja der Weizen oder eben nur die Spreu.
So wird es sein, wenn diese Welt zu Ende geht: Die Engel werden ausziehen und die Bösen mitten aus den Gerechten aussondern. Stellen sie sich einmal vor, was das für eine ungeheuer wohltuende Verheissung für alle jene ist, die sich bis dato zu den Opfern, zu den Betrogenen, zu den Erniedrigten und Beleidigten zählen müssen! Was für eine Hoffnung für all jene, die darunter leiden, dass immer wieder Betrüger und Schurken siegen, dass Ausbeuter in Saus und Braus leben, dass Diktatoren ungeschoren davon kommen und Kriminelle das Sagen haben! Nein, die Guten werden nicht immer unter den Bösen zu leiden haben. Irgendwann werden sie getrennt. Am jüngsten Tag müssen die Opfer ihre Täter nicht mehr ertragen. Wenn das keine gute Verheissung ist!
Es geht hier nicht darum, über jene im Feuerofen zu triumphieren. Das Evangelium befriedigt nicht sadistische Phantasien. Aber das Gleichnis eröffnet den Opfern eine Zukunft, in der göttliche Gerechtigkeit ihren Platz haben wird. Himmlische Gestalten werden auslesen. So wird es sein, wenn diese Welt zu Ende geht. Das geht also nicht immer so weiter. Irgendwann kommt nicht nur das persönliche Ende, irgendwann wird auch das grosse Ende kommen. Wobei im griechischen Wort für Ende auch unser Deutsches Wort für Ziel mitschwingt. Das heisst, das kommende Ende wird diese Welt auch ans Ziel bringen. Es ist kein abruptes Ende, kein plötzlicher Sturz ins Leere, ins Nichts, so wie jene Brücke in Portugal, die unlängst einbrach. Nein, das Ende ist zugleich das Ziel, die Erfüllung, die Vollendung. Das ist in einem guten Sinn beruhigend. Wenn Gott diese Welt ans Ende bringt, dann bringt er sie auch ins Ziel. Der bricht die Übung nicht plötzlich ab, weil er die Nase voll hat. Der bleibt dran, bis er seine Welt dort hat, wo er sie haben will. Und wo der treue und gnädige Gott sie letztlich haben will, das lehrt uns der auferstandene Christus. Wo wir Gott haben wollen, das lehrt uns das Kreuz.
Und Heulen und Zähneklappern wird dann nichts als Ausdruck eigener Zerknirschtheit sein. Wir werden wissen, wie es in Wahrheit um uns steht und werden uns dieser Wahrheit nicht mehr entziehen können. Helfen kann uns da allein Christus. Selber werden wir uns nicht mehr zu helfen wissen — ähnlich einem Fisch am Strand. —
Erschreckt sie das, liebe Gemeinde? Denken sie jetzt: Ojemine, ich bin auch ein schlechter Fisch, werde bestimmt ausgezählt und in den Feuerofen geworfen? Was soll ich bloss tun? So müssen sie nicht denken. Wirklich nicht, weil dann hätten sie kaum verstanden, warum uns Jesus dieses Gleichnis erzählt. Doch darum, um uns zu warnen und uns so zu helfen, einzig bei IHM unser Heil zu suchen. Wir werden doch vor Gott nicht gut durch unsere Taten, sondern durch Jesus, den guten Heiland, der uns gut macht. Er macht uns gerecht und gut vor Gott, nicht wir.
Wenn sie in ein fernes Land verreisen und der eine Arzt sagt ihnen: Ach, ihr Reiseziel ist unproblematisch, sie müssen vorbeugend keine Medikamente einnehmen. Gehen sie einfach und geniessen sie es. Und dann kommen sie mit Malaria und Gelbfieber und Bilharziose zurück. Frage: War das ein guter Arzt? — Oder doch lieber jenen Arzt konsultieren, der sie warnt: Achtung, da gibt es Gefahren, mit denen sie nicht vertraut sind. Seien sie vorsichtig und schützen sie sich angemessen! Wohl doch lieber letzterer — oder? Ist unser Gleichnis nicht so zu lesen und zu deuten?
Dass wir durch dieses Gleichnis gewarnt und vielleicht auch erschreckt werden, das ist an und für sich schon Ausdruck von Gottes sorgsamem Gnadenwillen. Und es ist auch ein Fingerzeig, dass der lebendige Gott ein freier Gott ist. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, lässt der Heilige den Mose wissen. Das Gleichnis ist also nicht mehr und nicht weniger als ein Gleichnis. Es ist nicht die von Gott geschaffene Wirklichkeit. Es zählt wie alles Irdische zum Vorläufigen, lehrt uns aber den weisen Spruch: Eine Liebe, die offen tadelt, ist allemal besser als eine, die ängstlich schweigt. Deshalb: Dank sei Christus, der Heil spricht und manchmal auch heilsam erschreckt. Amen.