Navigation
Was meint ihr? Es hatte einer zwei Söhne; und er trat zum ersten und sagte: Geh mein Sohn und arbeite heute im Weinberg! Der aber entgegnete: Ich will nicht; später aber reute es ihn, und er ging hin. Da trat er zum anderen und sagte dasselbe. Der aber entgegnete: Ja, Herr! und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste! Da spricht Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen kommen vor euch ins Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt, die Zöllner und Dirnen aber haben ihm geglaubt. Ihr aber, die ihr das gesehen habt, habt euch auch hinterher nicht eines Besseren besonnen und ihm geglaubt. Mt 21, 28-32

Liebe Gemeinde! Das Gleichnis setzt mit einer Frage ein. Was meint ihr? Fragen verlangen nach Antworten. Eine Binsenwahrheit. Diese Frage verlangt unsere Antwort. Wir sind gefragt durch diese Frage. Und wir können auf diese Frage eine Antwort geben. Es ist nicht so, dass dort, wo Gottes Wort gehört wird, unsere Meinung nichts mehr zählt und unsere Erfahrungen belanglos sind. Bibelleserinnen und Bibelleser müssen sich keiner Gehirnamputation unterziehen. Ganz im Gegenteil: Unsere Erfahrungen im Verhältnis zu Gottes Wahrheit — darum geht es gerade. Und genau das bringt ein Gleichnis zusammen: Unsere Erfahrungen und Gottes Wahrheit. Das ist das Wunder jeden Gleichnisses, dass etwas von Gottes Licht in unsere Welt fällt, dass sich da Erde und Himmel zart berühren "als hätt der Himmel die Erde still geküsst". Gleichnisse berühren. Sie berühren unsere Welt und Gottes Reich und im besten Fall auch unser Herz.
Was meint ihr? Nein, ihr müsst eure Meinung nicht beim Eingang deponieren, wie Schirm oder Mantel, wenn ihr eine Kirche betretet. Und ihr müsst auch keine Kniefälle machen vor kirchlichen Dogmen, sondern ihr dürft euer Denken in aller Freiheit am Evangelium von Jesus Christus messen. Aber daran sollt ihr es messen und wenig nötig auch vermessen lassen, will heissen: Die Richtschnur eures Denkens sei kein anderer als Christus Jesus selber. Er ist der Schlüssel zu diesem Gleichnis und zu unseren Herzen. Er bringt Himmel und Erde zusammen. Er schafft es, dass wir in unserer Wenigkeit Gott in seiner Heiligkeit erkennen.
Was meint ihr also? Wenn einer zwei Söhne hat und der eine tut nicht, was er verspricht, der andere aber tut, was er nicht versprach, wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Jener, der versprach in den Weinberg zu gehen, dann aber nicht hinging oder jener, der bereute, was er sagte und später dann doch hin ging? Und falls sie selber Kinder haben oder hätten, falls sie keine haben, wer von beiden wäre ihnen denn lieber: Der Ja-Sager und Nichtstuer oder der reuige Nein-Sager? — Nicht wahr, wir können ganz spontan auf diese Frage antworten. Es fällt uns nicht schwer, uns zu entscheiden und Stellung zu beziehen. Manchmal tun wir uns damit ja sehr schwer, die richtige Entscheidung zu treffen. Wir wägen ab, suchen Gründe und Argumente, wir holen Ratschläge ein und besprechen uns untereinander. Aber hier ist es anders. Ohne zu zögern würden wir doch alle antworten: Der erste hat den Willen des Vaters getan. Der erste wäre uns lieber — auf jeden Fall. Der zweite ist doch ein blosser Schaumschläger, ein Lippenbekenner, ein Scheinheiliger. Der tut nicht, was er verspricht. Dann doch lieber der erste, der wenigstens nachträglich seinen Entscheid korrigiert.
Dasselbe antworteten auch die Gegner Jesu damals. Die ist also nicht veraltet, die Bibel, die ist zeitlos. Damals wie heute war man der Meinung: Der erste hat den Willen des Vaters getan. Und mit dieser Antwort, liebe Gemeinde, haben sie sich selber, haben auch wir uns, das Urteil gesprochen. Wir wissen doch ganz genau, wer den Willen des Vaters tut, das ist der Clou dieses Gleichnisses. Wir kennen die rechte Antwort und weil wir sie kennen, stehen wir selber in der Verantwortung.
Jetzt ist aus einem ganz unverbindlichen Gleichnis, plötzlich eine ganz verbindliche Angelegenheit geworden, ein altes Wort top aktuell. Unsere eigene Antwort nimmt uns in die Verantwortung. Dabei ist es ganz natürlich zu und her gegangen — ähnlich einer Geburt. Die Antwort war in uns drin und Jesus half uns wie eine Hebamme, diese Antwort zu gebären. Sein Wort bringt Wahrheit ans Licht, auch dort noch, wo wir sie zu verstecken und zu verheimlichen suchen. Und ist es noch so fein gesponnen, der Herr Jesus bringt es doch an die Sonnen. Wo Gott selber sich in seiner Wahrheit offenbart, da müssen auch wir uns offenbaren. Vor Gott gibt es kein Entrinnen. Und das ist keine Drohung, liebe Gemeinde, das ist unser aller Heil. Wer Gott flieht, den lässt er nicht ins Verderben laufen, den holt er ein und den holt er in seiner Gnade auch heim.
Das nähere Umfeld unseres Gleichnisses ist hier äusserst illustrativ. Folgendermassen hat es sich nach dem Aufbau des Matthäusevangeliums zugetragen. Die machtvollen Taten und Worte Jesu in Jerusalem haben seine Gegner provoziert. Sie stellten ihn und wollten wissen: Aus welcher Vollmacht tust du das? Darauf antwortete Jesus mit einer Gegenfrage. Die Taufe des Johannes — woher stammte sie? Vom Himmel oder von den Menschen? Die rechte Antwort blieben die Gegner schuldig. Gewusst hätten sie sie, aber sie gaben sie nicht, um sich nicht die Finger zu verbrennen und antworten deshalb: Wir wissen es nicht. Genau an dieser Stelle lässt Matthäus den Jesus unser Gleichnis erzählen. Und diesem Gleichnis können die Gegner nicht mehr entwischen. Auch wir können ihm nicht entwischen, weil nur eine Antwort möglich ist und die kennen wir erst noch.
Jetzt sehen die Ältesten also ziemlich alt aus, und die Schriftgelehrten stehen ziemlich dumm da. Ihr Versuch, Unwissenheit vorzuschieben, um dem Anspruch Jesu zu entfliehen, ist kläglich gescheitert. Mit diesem Gleichnis holt er sie ein und hält ihnen den Spiegel vor. Obwohl sie die rechte Antwort wissen, verhalten sie sich selber wie der zweite Sohn im Gleichnis. Sie haben nämlich Johannes dem Täufer nicht geglaubt und sich hinterher auch nicht eines Besseren besonnen. Ja, sie müssen sich von Jesus indirekt sogar den Vergleich mit Zöllnern und Dirnen gefallen lassen, denn diese haben dem Johannes geglaubt.
Ihr grösster Fehler aber: Sie bereuen nicht. Damit kommen wir an einen entscheidenden Punkt im rechten Verständnis dieses Gleichnisses, liebe Gemeinde. Wir wären auf der falschen Spur, wenn wir meinen: "Es kommt nicht auf das Wort an, sondern auf die Tat — nicht auf das, was einer sagt, sondern auf das, was er tut." W. Fürst Derart lassen sich Wort und Tat anhand dieses Gleichnisses nicht gegeneinander ausspielen. Beide Söhne nämlich tun nicht, was sie sagen. Das ist entscheidend und darf nicht übersehen werden zu Gunsten irgendwelcher ideologischer Vorlieben. Beide tun sie nicht, was sie sagen. Aber einer bereut und der andere nicht, und das schafft den Unterschied. Ich möchte sie ausdrücklich davor warnen, dieses wunderbare Gleichnis zu banalisieren und damit auch zu moralisieren, indem sie bloss darauf schauen, ob einer auch tut, was er sagt. Stattdessen möchte ich sie einladen, gründlicher hinzuschauen und genauer zuzuhören und also zu entdecken, dass das Entscheidende darin liegt, dass einer bereut und der andere eben nicht.
Ein Mensch, der bereut, der gesteht sich nicht nur einen begangenen Fehler ein, der setzt sich selber auch nicht absolut, sondern weiss um die eigene Unzulänglichkeit. Ein solcher Mensch ist alles andere als selbstgerecht. Das zeichnet ihn vor Gott aus. Das Problem der Gegner Jesu ist aber gerade ihre Selbstgerechtigkeit. Und das ist in aller Regel auch unser Problem. Tief in uns drin meinen wir doch, besser zu sein als der Mörder im Gefängnis, als der Ehebrecher im Abseits, als die Hure auf dem Strich, als der Kriminelle auf der Anklagebank, als der Säufer im Wirtshaus, als der Schläger, der Bettler, der Betrüger … Und wenn wir dann dieses Gefühl besser zu sein noch mit unserem Glauben an Gott vermischen, dann entsteht daraus das stinkige Gift der Selbstgerechtigkeit. Jesu Gleichnis neutralisiert dieses Gift. Er zeigt uns, dass Gott der Sünder, der seine Sünde erkennt, tausendmal lieber ist, als der Gerechte, der sich in seiner Gerechtigkeit sonnt.
Verpassen wir deshalb nicht die Chance im Hören auf dieses Gleichnis, in uns selber den Selbstgerechten zu entdecken, jenen alten Adam, der mir einflüstert: Du hast dir nichts vorzuwerfen, bist immer fleissig und brav gewesen, hast Gottes Gebote gehalten, und das wird der HerrGott dir bestimmt einmal belohnen. Das Erwachen aus diesem Wunschtraum könnte böse sein. Lassen wir uns besser von diesem Gleichnis wach rütteln. Den Willen Gottes tut jener, der bereut und mit Gottes Hilfe — denn allein schaffen wir das nicht — die nötigen Korrekturen in seinem Leben vornimmt. "Ich selbst kann mir nicht helfen, und Rettung ist fern von mir!", klagt der leidgeprüfte Hiob. Gott aber kann helfen, und er hilft uns auf den rechten Weg, zum Beispiel mit diesem Gleichnis Jesu.
Bereuen aber kann nur, wem Glauben gegeben ist. Reue zeigt, wen Christus anrührt. Das ist der Höhepunkt dieses Gleichnisses. Das Reich Gottes ist denen verheissen, die glauben. Nirgends steht geschrieben, dass es denen verheissen sei, die zupacken und mit ihren Händen wirken, sondern jenen, die glauben, ist es verheissen. Wir wären schon wieder ins leidige Pharisäerkostüm geschlüpft, wenn wir meinten, Erich Kästners Spruch: "Es gibt nichts gutes, ausser man tut es", sei das Eintrittsbillet ins Himmelreich. Weit gefehlt, liebe Gemeinde! So sehr dem Glauben an Christus auch Taten folgen, ist er denn ein lebendiger und fruchtbarer Glaube, so entscheidend ist die Grundeinsicht, dass nicht unsere Taten, sondern der Christus-Glaube die Tauglichkeit fürs Himmelreich bescheinigt.
So wie sich die Söhne im Gleichnis darin unterscheiden, dass es den einen reut und den anderen nicht, und eben nicht darin, dass sie nicht tun, was sie sagen, so unterscheiden sich Selbstgerechte von Sündern, Pharisäer von Huren und Schriftgelehrte von Zöllnern, dass die einen dem Johannes als dem Wegbereiter Christi glaubten und die anderen nicht. Der Unterschied ist nicht zwischen Sagen und Tun zu finden, [ ] sondern zwischen Glauben und Nicht-Glauben an das Reich Gottes, das in Johannes und Jesus nahe gekommen ist. nach A. Geense
Was bleibt noch zu sagen? Nur dies: Geh mein Sohn und arbeite heute schon im Weinberg! Meine Tochter, du selbstverständlich auch. Arbeitet daran, dass Menschen in die gnädige Wahrheit Gottes finden. Legt euch ins Zeug, indem ihr dafür gutes Zeugnis ablegt, dass Jesus von Nazareth der Christus ist, der Messias der Welt. Und lernt von ihm den Dreischritt zur Seligkeit: Hören — Glauben — Bereuen. Amen.

Interlaken, September 2002