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Irgendwann war die Abdankung vorbei. Die Urne in der Erde. Die Blumen verteilt. Die Lichter gelöscht. Sie sass alleine im Halbdunkel und begann bitterlich zu weinen. Selig, sind die Trauernden, hatte der Pfarrer in der Kirche gepredigt. Sie fühlte sich alles andere als selig. Ihre Tapferkeit wich einer bodenlosen Trauer. Und ein namenloser Schmerz würgte sie ab. Es dauerte Stunden, bis sie nur halbwegs wieder funktionierte. Das Buch mit der Karte fiel ihr erst viel später auf. Eine alte Schwarzweissfotografie. Zu sehen war eine schmale Brücke im Nebel. Etwas ausserhalb der Mitte ein kunstvoller schmiedeeiserner Kandelaber, der ein diffuses aber warmes Licht verströmte. Auf der Rückseite stand in der von ihr so geliebten Handschrift: "Lass die Lampe nicht ausgehen. Matthäus 25, Verse 1 bis 12." Mit zitternden Händen öffnete sie das Buch und las:
Dann wird das Himmelreich zehn Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, den Bräutigam zu empfangen. Fünf von ihnen aber waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nämlich nahmen wohl ihre Lampen, nahmen aber kein Öl mit. Die klugen aber nahmen ausser ihren Lampen auch Öl in ihren Gefässen mit. Doch als der Bräutigam ausblieb, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber erhob sich ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus, ihn zu empfangen! Da standen die Jungfrauen alle auf und richteten ihre Lampen her. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen sind am Erlöschen. Da antworteten die klugen: Nein, es würde niemals für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft euch welches! Doch während sie unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen. Später kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber entgegnete: Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht! Mt 25, 1-12

Hinter der Tür wird gefeiert, liebe Gemeinde, ausgelassen gefeiert, denn an eine solche Hochzeit ist man nicht alle Tage geladen. Wenigstens ein Blick durchs Schlüsselloch? Aber nein, nicht einmal das ist uns vergönnt! Stattdessen fällt die Türe hart ins Schloss. Und wir stehen draussen zusammen mit den fünf törichten Jungfrauen. Am Ende des Gleichnisses hat uns der Erzähler genau dort, wo wir nicht enden wollen — nämlich draussen vor der Tür. Noch härter aber als die Türe ins Schloss fällt, gellt das Wort des Herrn in den Ohren all jener, die das Evangelium vom gnädigen Gott zu hören gekommen sind und nun zu hören bekommen: Ich kenne euch nicht. Der, welcher dem Menschen bis ins Herz hinein sieht, ihn sein eigen nennt und ihn beim Namen ruft, erkennt ihn nicht mehr? Das ist hart, sehr hart. Nix da mit Freudenfest. Trübsal blasen. Tränen schlucken. Trauer bekämpfen. Versäumt. Verpasst. Verfehlt. Eine Szenerie, die sich in verdünnter Form allwöchentlich vor den vermeintlichen Glückstempeln der Jugend wiederholt. Der Türsteher hat kein Erbarmen. Die fünf Ladies stehen draussen im Regen. Drinnen tanzen und feiern sie. Draussen stampft nur der Bass. Irgendwann zotteln sie frustriert nach Hause. — Nur, wo ist jetzt ihr Zuhause?
Ein geheimnisvolles und zugleich abgründiges Gleichnis, liebe Gemeinde, das seit jeher faszinierte. Ein Bilderreigen sondergleichen, beinahe schon eine Bilderorgie, die uns da mit Worten vor Augen gefilmt wird. Man muss die Phantasie an die Zügel nehmen, damit sie nicht mit einem durchgeht und das Wesentliche verwischt. Wesentlich ist in diesem wie in jedem anderen Gleichnis, dass es vom Himmelreich erzählt. Und indem es das tut, kommt es denn auch schon das Himmelreich, leise und wie auf Katzenpfoten. Im Gleichnis ist vorweggenommen, was dereinst wird kommen, eben Gottes Reich. Wo aber Gottes Reich nahe herbeigekommen, da ist Christus nicht fern. Für christlichen Glauben gilt: Wo Gott gegenwärtig ist, da ist auch Christus Jesus präsent. Ich und der Vater sind eins, lesen wir bei Johannes.
Unser Gleichnis erzählt denn auch von der Wiederkunft des Menschensohns und seiner Gemeinde, die auf ihn wartet. Zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, den Bräutigam zu empfangen. Das Licht der Welt und die Lichtlein in der Welt. "Wie schön sich Bild an Bildchen reiht." Trakl Der Bräutigam aber lässt auf sich warten. Er bleibt aus. Er nimmt sich Zeit. Und so wird es Nacht. Die Lampen der Jungfrauen scheinen in das Dunkel hinein und irgendwann übermannt sie der Schlaf. Alle schlafen sie ein, die klugen nicht weniger als die törichten. Schlaft Kindlein schlaft, Vater hütet wohl die Schaf …
Es ist eine der Wohltaten dieses Gleichnisses, liebe Gemeinde, dass alle zehn Jungfrauen einschlafen und nicht etwa die klugen als unermüdliche Heldinnen dargestellt werden, die sich durch Fasten und Beten oder auch nur mit schwarzem Kaffee und Meditation wach halten. Gott sei Dank, keine religiösen Superweiber, in deren Gegenwart uns Angst und Bang würde angesichts eigener Schwäche! Nein, nichts dergleichen. Ein menschenfreundlicher Gott lässt sie alle gleichermassen sanft entschlafen, derweil die Nacht auf ihrer düsteren Stute reitet und blaue Ähren über die Flur zerstreut. nach Neruda
Und dann kommt er. Mitten in der Nacht — beinahe wie ein Dieb. Aufregung macht sich breit. Jäh findet der süsse Schlaf ein Ende. Mitten in der Nacht aber erhob sich ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus, ihn zu empfangen! — Wer spricht hier? Der Heilige Geist? Der Engel mit der siebten Posaune? Oder der Vater des Bräutigams höchstpersönlich? — Schleunigst rüsten die Damen ihre Lampen wie aufgescheuchte Soldaten, die mitten in der Nacht aus ihren Schlafsäcken geschrien werden. Plötzlich ist er gekommen. Hört es, ihr Möchtegern-Propheten, ihr Freizeit-Apokalyptiker und Weltuntergangs-Neurotiker — urplötzlich kommt er und nicht dann, wenn ihr es berechnet und erst recht nicht, wenn ihr damit droht, ihr Glaubens-Piraten, sondern genau dann kommt der HERR wieder, wenn es IHM gefällt. C` est tout. Das dürfen wir ebenfalls mitnehmen heute morgen: Der menschenfreundliche Gott ist auch ein absolut souveräner und freier Gott und kein Hampelmann von Fanatikern und Spinnern. Ich bin, der ich bin. Und ich komme, wann ich komme. Komme ich heute nicht, komme ich morgen. Vielleicht.
Zu dumm nur, dass den törichten Jungfrauen just im entscheidenden Moment das Öl ausgeht. Die Torheit der Törichten entlarvt sich selber. Daraufhin ist das Gleichnis ja angelegt. Allen ist klar, dass es töricht ist, eine Lampe ohne Öl mitzunehmen. Aber ist auch allen klar, dass es töricht ist, auf bessere Zeiten zu warten, ohne an den auferstandenen Christus zu glauben? Denn töricht sind die fünf Jungfrauen nicht nur, weil sie kein Öl mitnahmen, sondern gerade auch, weil sie sich im entscheidenden Moment an die Klugen und nicht an den Bräutigam selbst wandten. Klar ist es dumm, nicht um Reserve besorgt zu sein. Aber ist es etwa weniger dumm, nicht um den rechten Christus-Glauben besorgt zu sein? Was aber ist der rechte Glaube? Wie schaut er aus? Woher ihn nehmen, wenn nicht stehlen?
Das Gleichnis antwortet uns auf seine Art — geheimnisvoll und rätselhaft zugleich. Es sagt indirekt: Schaut zu, dass euch das Öl nicht ausgeht. "Die Kirchenväter haben viele schöne Deutungen für das Öl gefunden: Origenes sah in ihm das Wort der Lehre, Chrysostomus das Erbarmen, die Wohltätigkeit, Hieronymus die Werke der Tugend, Augustin die Liebe, Luther den Glauben und die Salbung des Geistes, Vilmar die Gnadengaben." Bohren Alles recht und gut und doch alles mehr schlecht als recht. Denn, was es mit dem Öl wirklich auf sich hat, das ist gerade das Geheimnis des Glaubens und dem muss jeder selber auf die Spur kommen. Da geht es nicht an, dass einer faul in den Sessel fällt und spricht: "Nun, sag mal, Pfaffe, was hat es mit dem Öl auf sich? Präsentiere mir die Lösung." Des Gleichnis Lösung musst du selber finden, denn das ist des Gleichnis Lösung. Helfen kann dir dabei allein der Bräutigam.
So eilen denn die törichten zu den Händlern und kaufen sich Öl, während die klugen eintreten in "das Reich der abgewischten Tränen". Frey Als sie aber zurück sind, kommen sie zu spät. Die Türe ist verschlossen. Der Herr abweisend: Ich kenne euch nicht. — Gibt es ein zu spät, liebe Gemeinde? Ist die Gnade befristet? Ist draussen vor der Tür der Ort, wo Heulen und Zähneklappern sein wird? —
Das Gleichnis macht es uns nicht leicht, erschwert uns aber gerade dadurch die Flucht in billige Formeln und leere Floskeln. Nein, das Gleichnis will uns nicht die Hölle heiss machen, sondern es will uns vor dieser gerade bewahren. Deshalb lässt es uns draussen vor der Tür stehen, damit wir über Schreck und Besinnung zur Einsicht finden. Wir sollen hören, wie es enden könnte, damit es so gerade nicht enden muss. So spricht denn konsequenterweise das Gleichnis auch nicht von Vergeltung, als wäre töricht gleich böse und bedürfte der Strafe, sondern es erzählt vom Scheitern der Torheit, jener Torheit, welche die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten verkennt, dass nämlich die Gegenwart des Herrn keine berechenbare Grösse ist. Seine Anwesenheit ist lauter Gnade. Niemand hat Anrecht darauf.
Die Torheit der Törichten besteht gemäss dem Gleichnis also darin, mehr zu wissen, als ihnen zu wissen geziemt. Sie meinen verstanden zu haben und haben doch nicht kapiert, dass sie weder Zeit noch Stunde wissen. Denn die weiss der Himmlische Vater allein. Sagt Jesus. Und der muss es schliesslich wissen. Spitz formuliert, lässt sich sagen: Die Törichten erwarten den Menschensohn fieberhaft, die Klugen warten mit Geduld. Aber wieviel Geduld müssen wir denn noch haben? Genau so viel wie der HerrGott mit uns hat. Und das ist sehr viel mehr, als wir uns vorstellen können.
Am Ende des Gleichnisses stehen wir draussen vor der Tür, damit wir in Wirklichkeit nicht ausgeschlossen sind. Ohne diesen Salto lässt uns das Gleichnis nicht von dannen ziehen. Denn, wer zu spät kommt, den bestraft nicht nur das Leben, der straft vor allem sich selber. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist hingegen, wer das Gleichnis hört, sein Licht nicht unter den Scheffel stellt, sondern ausgerüstet mit reichlich Öl bereit ist, den Herrn zu empfangen. Siehe, ich komme bald. Ja, komm, Herr Jesus. Maranatha! Amen.
"Lass die Lampe nicht ausgehen", flüsterte sie leise vor sich hin. Dann löschte sie das Licht und starrte ins Dunkel hinein. Aber plötzlich war ihr, als sehe sie Licht durch den Türspalt dringen. Sie beugte sich leicht nach vorne und spürte, wie ihr Herz zu rasen begann. Immer heller und heller wurde es um sie herum. Ringsum nichts als gleissendes Licht. Und mitten drin eine Gestalt, die aussah wie ein Mensch. Er hielt in seiner Rechten eine Lampe und in seiner Linken ein Ölgefäss. "Nimm", sprach er leise aber bestimmt und streckte ihr seine Hände entgegen. Sie gehorchte zitternd und griff danach. — Seit dieser Nacht sind viele Jahre vergangen. Jeden Abend faltet sie die Hände und bittet darum, dass er wieder kommen möge. Und jeden Morgen, wenn sie erwacht, dankt sie IHM. Sie selber nennt das immer mit einem Anflug von Spitzbübigkeit "Öl ins Feuer giessen."

Interlaken, im November 2003