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Schon wankt gebückt das alte Jahr,
Man wird ihm bald die Türe weisen.
Sein Mund ist welk und dünn sein Haar,
Am besten tut es, heim zu reisen.
Es hat nicht alles wahr gemacht
Von dem, was wir im Traum gesehen;
Man hat gescherzt, man hat gelacht —
Die Wunder blieben ungeschehen.
Doch tut der liebe Kerzenschein
Sein Möglichstes in diesen Tagen,
Auf dass wir unser Bündelein
Fein ohne Groll hinübertragen. Alfred Huggenberger

Na ja, liebe Gemeinde, ob da Kerzenschein allein wohl reicht? Klingt zwar irgend wie romantisch, dass dieser sein Möglichstes tut, aber dann doch auch rührselig hilflos. Es sei denn — der Kerzenschein stehe für mehr. Es sei denn — der Kerzenschein sei eine versteckte Metapher und stehe für Grösseres, für das Weihnachtswunder etwa, dass da tatsächlich ein Licht scheint mitten in der Finsternis. Ja, dann wäre der Kerzenschein eine Metapher für Christus. Und das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht. Se non è vero è ben trovato, und wenn es nicht wahr ist, ist es zumindest gut erfunden.
Das kleine Silvester Gedichtlein stammt übrigens von Alfred Huggenberger. Und manches von dem, was uns heute Abend wahrscheinlich so durch den Kopf geht, ist in diesen Versen eingefangen. Das Jahr wird als alter Mann vorgeführt, der in seinen letzten Zügen liegt, welker Mund, dünnes Haar, gebückter Gang. Und der Blick zurück auf Vergangenes ringt uns einmal mehr das nüchterne Eingeständnis ab: Auch dieses Jahr hat nicht alles wahr gemacht von dem, was wir im Traum gesehen. Träume, so lehrte uns Sigmund Freud, sind ja häufig nichts anders als ins Unterbewusste abgewanderte unerfüllte Wünsche. Das Traumland ist das Exil der Wünsche. Nein, es sind kaum all unsere Wünsche in Erfüllung gegangen. Trotzdem haben wir auch gescherzt und gelacht. Gott sei Dank — Gott sei Dank hatte das auch seine Zeit und nicht nur das Klagen und Weinen.
Ja, die Bilanzen zu Silvester sind so verschieden wie die Menschen, die sie ziehen. Der eine wägt das Glück, die andere den Kummer. Und doch gibt es etwas, das beide verbindet, das beiden gleichermassen gilt, das beiden verheissen ist. Zumindest für die Glieder einer Christengemeinde gilt das. Und als solche sind wir ja heute Abend hier zusammengekommen. Bei Matthäi am Letzten steht ein Wort des auferstandenen Christus. Er sagt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Mt 28, 20b

Das also sagt uns Christus zu dieser abendlichen Stunde heute: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Für den Glauben an diesen Christus ist das ein sehr tröstliches und auch ein sehr fröhliches Wort, liebe Gemeinde. Der Heiland ist bei uns. Er selber spricht sich mit diesem Versprechen seiner Gemeinde zu. Ein freundlicher Zuspruch. Wenn am Abend die Kinderlein ins Bett gebracht werden und sie haben noch Angst oder sind unruhig von den Wirren und Eindrücken des Tages, dann sagt die Mutter auch: Ich bin ja bei euch. Und in diesem "Ich bin bei euch" schwingt mit, ihr müsst keine Angst haben, es ist alles gut, solange ich da bin.
Gerade so soll uns dieses Wort zur Stunde ans Ohr dringen. Nicht etwa, damit sie einschlafen, so sehr langweile ich sie hoffentlich noch nicht, sondern damit sie das unglaubliche Glück dieses Versprechens entdecken. In der Tat, ein unglaubliches Glück, will heissen, ein Glück um das nur der Glaube weiss, der Unglaube, der fragt verwirrt: Wer bitte soll hier sein? Ist da jemand?
Christus ist hier. Jetzt, hier mitten unter uns, wo wir in seinem Namen versammelt und auf seine Stimme konzentriert sind. Aber vielleicht fragt der Unglaube ja noch dümmer: Was nützt mir das, wenn er denn hier wäre? Eine Frage, über die der Glaube nur milde lächeln kann. Wer fragt schon nach dem Nutzen, wenn ihn die Liebe anrührt. Ja, es sind liebe Worte, diese Worte des Auferstandenen. Seine ganze Liebe für uns kommt darin zur Geltung. Und wer immer diese Liebe erwidert, wer ihn ebenfalls lieb hat, den macht sein Wort eben glücklich. Welch ein Glück, dass er da ist und nicht irgendwo weit weg hockt und sich einen Deut um uns kümmert. Siehe, ich bin bei euch.
Ist es nicht so: Die, welche wir lieb haben, die möchten wir immer um uns wissen? Deshalb gehört es zum grössten Glück eines Menschen, wenn ihm ein anderer zusagt, ich möchte für immer bei dir sein. Ich möchte Tisch und Bett, Freud und Leid, Haus und Herd mit dir teilen. Das macht uns glücklich, weil wir uns dann angenommen und bejaht wissen. Wenn Christus sich seiner Gemeinde verspricht, dann bejaht er uns nicht weniger, als zwei Liebende das tun, wenn sie sich einander versprechen.
Etwas ganz Wunderbares geschieht da: Der lebendige und ewige Gott bejaht uns in diesem Christus so, wie wir sind mit all unseren Fehlern und Mängeln. Er sagt nicht, so oder so musst du werden und dann werde ich dich auch mögen. Nein, seine Liebe ist bedingungslos und auch konkurrenzlos. Kein Mensch kann uns jemals so lieben, wie uns dieser Gott liebt. Und ich sage das nicht, um die Liebe unter den Menschen klein zu machen, sondern um sie in einem noch Grösseren zu verankern. Die Liebe sucht die Nähe. Nichts stellt sie so sehr auf die Probe wie Distanz. Christus geht nicht auf Distanz. Er sucht unsere Nähe. Ich bin bei euch.
Und Christus sagt das mit grosser Eindringlichkeit. Im Deutschen müssen wir rhetorisch betonen, was im Griechischen die Syntax regelt. Ich bin bei euch. Ich, der Auferstandene, der Richter, der ich zur Rechten des Allmächtigen sitze, der ich am Anfang war und noch am Ende sein werde, der ich die Schlüssel des Totenreiches in Händen halte, der ich gekreuzigt wurde und doch lebendig bin, ich, der Heiland und keine billige Marionette, bin bei euch und ich will euch nahe sein.
Der Glaube spürt diese Nähe, und er weiss auch, dass es ungeteilter Aufmerksamkeit bedarf, der Gegenwart des Herrn inne zu werden. Liebe will immer ungeteilte Aufmerksamkeit. Das kleine Wörtlein Siehe! will gewichtet sein. Benütze deine Sinne, setze deine Ohren und Augen dafür ein, die gnädige Nähe des Herrn zu erfahren. Und brauche deinen Verstand, wenn er dir sagt: Alle Tage bis an der Welt Ende.
Diese Welt, die da so ausgelassen feiert in der Silvesternacht, und wir wollen das gar nicht etwa madig machen, sondern im Anschluss an diesen Abendgottesdienst nicht minder fröhlich einstimmen, aber diese Welt, die wird nicht immer bestehen. Vielleicht macht sie das übrigens gerade so wertvoll. Das Einmalige ist ja immer auch wertvoll. Aber bestehen wird sie nicht für immer und ewig. Daran lässt der Herr und Heiland keinen Zweifel. Das weiss auch die Physik. Als wäre das alljährliche Silvester-Ritual des Zählens der letzten Minuten ein Gleichnis für ihr eigenes Geschick und dann eben auch für das unsere. Die Zeit wird knapp. Die Zeit läuft ab.
Aber noch einmal erschliesst uns hier die Griechische Sprache mehr als das liebe Deutsche. Nur der Evangelist Matthäus formuliert so. Sag mir wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist. Sein Christus spricht nicht von einem abrupten, jähen Ende, kein Ende mit Schrecken wie der Einsturz der Twin Towers in New York. Mit diesen Schreckbildern wird das vergangene Jahr wohl in die Geschichte eingehen. Aber hier bei Matthäi am Letzten ist von einem anderen Ende die Rede. Ich bin bei euch, bis diese Weltzeit sich vollendet. Darum geht es — um die Vollendung des Weltlaufs.
Wenn wir die Redewendung "es ist Matthäi am Letzten" gebrauchen, dann tun wir das in der Regel um festzustellen, dass es mit jemandem oder etwas aus ist. Ist es Matthäi am Letzten, dann ist es aus und vorbei. Das Jahr 2001 wird in wenigen Stunden auch Matthäi am Letzten sein. "Am letzten ist eine der formelhaften Angaben, mit denen man sich bis zur Neuzeit beim Zitieren von biblischen und anderen Texten behalf." Krauss Erst die Einteilung der Bibel in Kapitel im 13. Jahrhundert und in Verse im 16. Jahrhundert machten solche Angaben überflüssig. Die Redewendung, insbesondere ihr Gebrauch und ihre landläufige Deutung, ist also höchst ungenau. Es ist nicht einfach aus und vorbei, wenn es Matthäi am Letzen ist, sondern dann ist jemand oder etwas ans Ziel gekommen. Nicht darum geht es, dass Gott dieser Welt den Garaus macht, sondern dass diese Welt vor Gott ihre Bestimmung findet. Der Schöpfer bricht nicht einfach die Übung ab, so nach dem Motto, jetzt wird’s mir aber zu blöd, ich habe genug und hau ab. Der quengelt nicht im himmlischen Sandkasten, der handelt gezielt und bringt seine Schöpfung selber ans Ziel. Er vollendet sie und lässt sie damit ihre Bestimmung finden. —
Ob wir ihm das noch zutrauen, dass er unsere manchmal so verworrene und festgefahrene Welt trotz allem ans Ziel bringt? Ob wir im Heiland noch den himmlischen Lotsen zu erspähen vermögen? Ob wir uns das nicht gerade heute Abend hinter die Ohren schreiben und in unseren Herzen einschliessen sollten? Wenn es Matthäi am Letzen sein wird, dann fallen wir nicht in einen Abgrund, sondern dann sehen wir die Vollendung. Und vielleicht gelingt uns das sogar im Blick auf das alte Jahr — wer weiss? Es ginge dann nicht nur einfach zu Ende, sondern es würde das Wort des Dichters gelten.
Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten. Rilke
Mit Rilke sollte man sich nicht messen. Amen.

Interlaken, im Dezember 2001