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Und die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er hat den Beelzebul, und: Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Da rief er sie zu sich und redete zu ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? Und wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann dieses Reich keinen Bestand haben. Und wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann diese Familie keinen Bestand haben. Und wenn der Satan sich gegen sich selbst erhebt und gespalten ist, kann er keinen Bestand haben, sondern es hat ein Ende mit ihm. Niemand kann aber in das Haus des Starken eindringen und seine Habe rauben, wenn er nicht zuvor den Starken gefesselt hat; dann erst wird er sein Haus ausrauben. Mk 3, 22-27

Liebe Gemeinde! Den Teufel kann man nicht mit dem Beelzebul austreiben. Wer das trotzdem behauptet, der kommt vom Regen in die Traufe. Gerade so erging es den Schriftgelehrten, die nach dem Zeugnis des Markus eigens von Jerusalem herabgekommen waren, um den Jesus von Nazareth zu beäugen. Gesehen haben sie allerdings nur das, was sie sehen wollten. Das ist ja meistens so, wir sehen nur, was wir sehen wollen. Und weil sie eben nicht wahrhaben wollten, was sie eigentlich hätten sehen können, nämlich einen Menschen, der mit einer unvergleichlichen Vollmacht dem Bösen Paroli bot, deshalb stempelten sie ihn kurzerhand ab. Sie verteufelten ihn und sagten: Er hat den Beelzebul. Er ist ein Helfershelfer der Dämonen.
Das hat System, liebe Gemeinde. Und bevor wir uns nun den leidigen Fragen, ob die Rede von Dämonen heute noch aktuell sei oder nicht, ob wir in der Kirche noch vom Satan reden können oder gar müssen oder ob das bloss veralteter Quatsch sei, bevor wir uns solchen Fragen zuwenden, hat unsere kurze Episode bereits Aktualität bewiesen, wo immer sie Gehör fand.
Das ist doch heute nicht anders als damals: Konkurrenz wird verteufelt, besonders dann, wenn sie gut ist. Die durchschnittliche Wurstigkeit ist ja so bequem, die zieht keine Neider und keine Kritiker auf sich, die ist so harmlos, dass sie keine Feinde kennt. Anders, ganz anders erleben das Persönlichkeiten. Die finden immer ihre Neider, so wie sie selbstverständlich auch immer ihre Bewunderer finden. Wer Persönlichkeit hat, der hat auch Feinde. Das erging Jesus dereinst nicht anders, als es Persönlichkeiten heute ergeht. Gerade weil er keine 0815-Nummer war, gerade weil er etwas Besonders war, hatte er auch seine Feinde. Und er musste sie nicht suchen, sie tauchten ganz von selber auf. Manchmal wahrscheinlich so unverhofft, wie sie hier bei Markus völlig unerwartet auf den Plan treten. Plötzlich sind sie da — die Geier aus Jerusalem. Sie kreisen schon über ihrem Opfer.
Jesus wird also verteufelt. Wie wird er verteufelt? Indem behauptet wird, er könne nur deshalb Dämonen austreiben, weil er selber ein Dämon sei. Macht über den Teufel hätte er nur deshalb, weil er selber ein grosser oder kleiner Teufel sei. Das ist dicke Post, liebe Gemeinde! Zumindest für den Glauben an diesen Jesus ist das sehr dicke Post. Gottessohn ein Kind des Satans? Christus ein Dämon? Um Himmels willen, da gerinnt einem ja das Blut in den Adern! Und das äussern Gottesmänner, Schriftgelehrte, Theologen, eine solch infame Behauptung. Nicht Leute aus dem Volk, ungebildeter Pöbel lässt sich zu solchen Äusserungen hinreissen, nein, Gelehrte, die Elite des Volkes verbreitet diese Ungeheuerlichkeit.
Und schon gewinnt die Episode ein zweites mal an Aktualität. Traurig aber war: Noch heute sind nicht einfache Leute, sondern Gebildete die grossen Demagogen. Als wäre das eine mögliche grammatikalische Steigerungsform: Gebildet — verbildet — verblendet. Es geht ihnen eben letztlich nicht um die Wahrheit, sondern um ihre Macht. Und weil sie auf dem Altar ihrer Macht, die Wahrheit opfern, werden sie selber zu satanischen Handlangern. Der Altar des gnädigen Gottes aber ist ein Kreuz, und er opfert sich selber. Der Altar des Teufels ist die eigene Macht, und er opfert immer andere.
Vom Regen in die Traufe sind sie gekommen die Schriftgelehrten. Sahen in Jesus nicht den Bruder, sondern den Gegner. Verbissen sich in ihn wie Kampfhunde, und ihre Verbissenheit ist ihre Sünde. Mit der Behauptung: Er hat den Beelzebul, sind sie Satan selber in die Fänge gelaufen. Sie wollten den Jesus gerne ans Messer liefern und sind selber ins offene Messer gelaufen. Dumm gelaufen. Wie eben alles am Ende dumm läuft, was widergöttlich ist.
Und manchmal wird’s dann auch noch peinlich. Die Antwort Jesu auf die Behauptung der Schriftgelehrten muss für sie peinlich gewesen sein, weil sie ihre ganze falsche Dummheit entlarvte. Er kann doch gar keinen Pakt mit den Dämonen haben, wenn er sie haufenweise auf die Strasse setzt und die Schmarotzer vom Wirt trennt. Er muss doch stärker sein als die, sonst würden sie doch nicht das Feld räumen. Er ist doch der Herr im Haus, der das Sagen hat. Hat er sie nicht im Griff, im Würgegriff seines vollmächtigen Wortes? Hat er nicht gerade deshalb Macht über sie, weil er anders ist als sie, ganz anders?
Gleiches mit gleichem heilen, mag vielleicht in der Homöopathie gelten. Für den Glauben gilt diese Regel definitiv nicht. Überwinde das Böse durch das Gute, schreibt Paulus an die Römer. Die Finsternis wird nicht durch Finsternis, sondern durch Licht erhellt. Wer zum Schwert greift, kommt durch dieses um, also braucht es Friedensstifter, die aus Schwertern Pflugscharen schmieden. Die Welt wird nicht durch die Welt erlöst, sondern durch jenen Gott, der über dieser Welt steht.
Wo er recht hat, da her er recht. Und die Schriftgelehrten wird das wohl sehr peinlich berührt haben. Man hört von ihnen jedenfalls nichts mehr. So unverhofft wie sie da waren, so unverhofft sind sie plötzlich wieder weg. Vielleicht haben sie sich heimlich davon geschlichen, weil Jesu Antwort für sie so blamabel war. Ab nach Jerusalem und Schwamm drüber. Peinlich, peinlich.
Dabei hat Jesus gar nichts Aussergewöhnliches in seinen Gleichnissen ausgesagt. Nein, er nimmt Bezug auf eine ganz alltägliche und im Laufe der Weltgeschichte x-mal erhärtete Wahrheit. Die Römer haben sie auf die einprägsame Formel gebracht: Divide et impera, teile um zu herrschen. Willst du eine Gemeinschaft beherrschen, musst du sie teilen. Du musst sie spalten, damit sie sich gegenseitig aufreiben und du davon profitieren kannst. Das gilt heute noch. Das ist beinahe zeitlos.
Und nun sagt Jesus: Das kann doch nicht sein, dass ich ein Dämonen-Fürst bin, wenn ich das ja wäre, dann wäre das Reich der Dämonen in sich gespalten. Dann wäre es nicht mehr eins, sondern ein zerstrittener Haufen. Das ist es aber nicht. Also kann ich doch unmöglich im Reich der Finsternis beheimatet sein. Jesus benutzt also, wie Luther schreibt, "ein weltliches Bild, das die Vernunft fassen und verstehen kann." Und jetzt kommt’s ganz schön. "Denn wo Mann und Weyb im Haus uneins sind, das er Krüge und sie Töpfe zerbricht, da ist bald zu merken, das diese Haushaltung nicht lange möge bestehen. Denn die Erfahrung lehrt, das die Uneynigkeit Land und Leute, Haushaltung und alles zerreysset und verwüstet." Das versteht nun wirklich jede und jeder, und es soll auch ruhig jeder und jede hier dazulernen, dass das Evangelium unsere Vernunft nicht massakriert, sondern sie fordert und gebraucht.
Wäre Jesus ein Dämonen-Fürst, dann wäre das Reich der Dämonen in sich gespalten und also kraft- und wirkungslos. Das ist es aber nicht. Dämonen sind sich einig. Ihr Wille zur Macht eint sie. Deshalb muss ein Stärker auf den Plan. Und der kommt von aussen und nicht von innen heraus. Jesus ist der Räuber, der den Starken Gefangen setzt. Er hat sie im Griff, weil er anders ist als sie. —
Ach, die leidige Frage: Gibt es Dämonen oder nicht? Wir sind die Anwort noch schuldig. Hier kommt sie in Form eines Zitates: "Die Wohlstandsgesellschaft des weissen Mannes mag über Dämonen lachen. Sie kann es aber nur, weil sie blind, taub und gefühllos und dumm über den Schatten ihrer technischen Erfolge, ihrer brutal verteidigten Privilegien, ihrer traditionellen Vorurteile nicht hinausschaut […] Man verdrängt täglich, dass unsere Erde für die Mehrzahl ihrer Bewohner eine Hölle ist […]" Käsemann Genügt ihnen das? Oder setzen wir noch eins drauf? "Man muss nicht an den Teufel glauben, austreiben genügt." Bohren Immer noch nicht genug? Gut, noch eins: Was ist ein Dämon? Antwort: Das fremde Ich, das meine Gedanken packt. nach Trowitzsch Und nun — gibt es Dämonen? Ich gebe die Frage zurück. Kennen sie ihr fremdes Ich, das sie nicht im Griff haben und das dann und wann von ihnen Besitz ergreift und sie Dinge sagen und tun lässt, die sie so gar nicht sagen oder tun wollten? Kennen sie den Aufschrei des Paulus vielleicht aus eigener Betroffenheit: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
Mann oder Frau kann sich gut selber anlügen und die Rede von Dämonen ins Reich der Vergangenheit oder ins Reich der Märchen verbannen. Aber Achtung! Verbannte Dämonen sind nicht ausgetrieben. Die kommen wieder und dann meistens gestärkt. Jede Zeit hat ihre eigenen Dämonen. Dämonen sind wandelbar. Sie mutieren und finden ihren Wirt — wie jeder Schmarotzer.
Seid wachsam!, damit das Böse euch nicht mit einer seiner vielen Masken hinters Licht führt. Etwa mit der Maske: "Wir wollen nur das Beste für euch"; mit der Maske: "Es ist machbar"; oder mit der Maske: "Wir haben alles im Griff". In Orwells Roman "1984" heissen die Ämter für Krieg, Propaganda, Folter und Rationierungen schliesslich auch: Friedens-, Wahrheits-, Liebes- und Überflussministerium. Der Teufel ist schön — nach aussen, nur innen drinnen da ist er die Hölle. Er kleidet sich in ein seidenes Lügengewand und bläst auf Wunsch auch Zucker in die Ohren.
Niemand kann aber in das Haus des Starken eindringen und seine Habe rauben, wenn er nicht zuvor den Starken gefesselt hat; dann erst wird er sein Haus ausrauben. Ein Stärkerer muss kommen. Der nach mir kommt, sagt der Täufer, ist stärker als ich. Der vor uns war und nach uns noch einmal kommen wird, ist stärker als der stärkste Mephisto, weil er anders ist, nämlich barmherzig, gnädig, geduldig, sanft und — wahrhaftig, aber unerbittlich im Kampf gegen das Böse in all seinen Spielformen. Er malt den Teufel nicht an die Wand, er stürzt ihn. Er wird der Herr im Hause sein. Und er ist es schon hier und heute für alle jene, die an ihn glauben und seinem Wort etwas zutrauen. Amen.
 
Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Wir durchschauen sie nicht immer, ja wir erkennen sie manchmal nicht einmal die Dämonen unserer Tage. Aber dein Sohn hat sie erkannt und in seinem Namen gelingt es uns auch heute noch, Böses zu benennen. Gib uns den Mut und die Kraft das auch zu tun, wo es von uns um der Wahrheit des Evangeliums willen gefordert ist. Es gibt ja vieles auf dieser Welt, das nicht stimmen kann, das falsch läuft und erlösungsbedürftig ist, darüber wollen wir uns nicht hinwegtäuschen. Und unsere Bitten, die wir jetzt im Namen Christi vor dich bringen, sind ja beredtes Zeugnis davon.
Wir bitten dich allererst einmal für all jene, die in diesen Tagen ganz fest traurig sind, weil sie einen lieben Menschen verloren haben, sei es vor einem Jahr im Saxetbach oder vor wenigen Tagen beim Concord-Absturz oder ganz unspektakulär im Spital oder Zuhause. Erlöse uns vom wahnsinnigen Dämon einer technischen oder menschlichen Unfehlbarkeit. — Wir bitten dich für jene, die auf der Schattenseite leben und denen unser Wohlstand weiter weg scheint als der Himmel. Befreie uns vom Dämon der Habgier und zeige uns den Engel des Teilens. — Wir bitten dich für jene, die jetzt irgendwo gefangen sind, sei es zu recht oder zu unrecht, an die Geiseln in Jolo zum Beispiel oder an die namenlose Frau in Pakistan. Befreie uns vom Dämon medialer Omnipräsenz, der alles in sich hineinfrisst, aber häufig Stinkiges rauslässt. Was bitte soll Herr K. mit der Nachricht anfangen, dass mit dem Bau der Bahnstrecke xy im Jahr 2020 begonnen werde? Herr K. ist 86 Jahre alt. — Und wir bitten dich zum Schluss auch für jene, die zu den Opfern einer globalisierten Welt zählen, die eben nur als Zahl in den Statistiken auftauchen aber nicht als Menschen. Befreie uns vom Dämon eines entfesselten Marktes, der sich göttergleich selber reguliert und korrigiert, dabei ist er nichts weiter als der Spielball ganz Mächtiger. —
Aber wir wollen nicht verzagen, sondern nach dir fragen. Wir wollen nicht Trübsal blasen, sondern dir Loblieder singen und der Welt, wo sie aus dem Ruder läuft, Kampflieder anstimmen. Hilf du uns, den richtigen Ton zu finden. Amen.

Interlaken, im Sommer 2000