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Und Jesus begann in Gleichnissen [ ] zu reden: Es pflanzte einer einen Weinberg, zog einen Zaun ringsum, grub eine Kelter und baute einen Turm. Dann verpachtete er ihn an Weinbauern und ging ausser Landes. Und zu gegebener Zeit schickte er einen Knecht zu den Weinbauern, um von den Weinbauern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs einzuholen. Sie aber packten ihn und schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Da schickte er einen anderen Knecht zu ihnen; den schlugen sie auf den Kopf und misshandelten ihn. Und er schickte einen anderen, und ihn töteten sie, und viele andere, die einen schlugen sie, die anderen töteten sie. Noch einen hatte er, den geliebten Sohn. Den schickte er als letzten zu ihnen und sagte: Vor meinem Sohn werden sie sich scheuen. Jene Weinbauern aber sagten zueinander: Das ist der Erbe. Kommt, wir wollen ihn töten, dann wird das Erbe uns gehören. Und sie packten ihn und töteten ihn und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus. — Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Mk 12, 1-9a

Liebe Gemeinde! Wir sind gefragt, unsere Antwort gefordert. — Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Jesus fragt uns. Schliesslich spricht er ja in Gleichnissen, um uns auf die Sprünge zu helfen. Mit Leib und Seele lässt er sich in unsere Welt ein, damit wir merken und verstehen, wie ganz anders seine Welt ist, denn seine Welt ist nicht von dieser Welt. Das macht die Parabel überdeutlich. Sie erzählt zwar von einem, der einen Weinberg anlegte, von Weinbauern, die ihre Pacht nicht zahlen, von Knechten, die misshandelt und ermordet werden, und doch kommt durch all das hindurch ein Anderes zur Sprache. Mitten in der Welt kommt Gott zur Sprache. Mitten in unserem Leben tritt der Allmächtige auf den Plan. Jesus lebte nicht hinter dem Mond, sondern mitten unter uns. Wir sind gefordert.
Wie gefährlich es ist, sich selber zu bücken, wenn Jesus spricht, so dass seine Worte die andern am Kopf treffen, das lehrt die Auslegungsgeschichte der Parabel. Eine traurige und leidvolle Geschichte. Es ist die Geschichte des Umgangs von Christen mit Juden. Dunkle Kapitel der Kirchengeschichte. In Anlehnung an solche Worte haben Christen — und hier müssen wir die weibliche Form für einmal sogar weglassen — ganz und gar unchristliche Greueltaten begangen. Wie die Knechte von den Pächtern, so wurden Juden von Christen geschlagen und getötet. Sie wähnten sich im Recht und begingen grösstes Unrecht. Sie glaubten Gott an ihrer Seite und am Morgen danach lag der Teufel neben ihnen im Bett. Wer Jesu Wort ausweicht, begeht — notabene im Namen des Evangeliums — die grössten Verbrechen.
Heute weichen wir nicht aus. Wir halten dem Wort stand — auch auf die Gefahr hin, dass es uns umhaut, aber der Nachbar stehen bleibt. Das ist auch der Grund, warum wir die Folgeverse vorerst noch weglassen. Zu gegebener Zeit werden sie sich schon zu Wort melden. Kommt Zeit, kommt Rat.
Es ist ja ein verrückte Geschichte, liebe Gemeinde, die uns hier erzählt wird. Sie beginnt zwar ganz harmlos — und wer sich in seiner Bibel nur ein klein wenig auskennt, der erinnert sich zwangsläufig an das Weinberglied bei Jesaja, denken sie an die Lesung, — aber dann wendet sich das Blatt. Der Besitzer im Ausland fordert seinen Pachtzins. Doch anstatt Früchte zu liefern, verprügeln die Bauern den Knecht. Und jetzt wird die Geschichte eben verrückt, ganz und gar aus unserer Alltagserfahrung herausgerückt. Das würde doch kein Besitzer dieser Welt machen! Noch und noch Boten senden, wo doch einer nach dem andern verprügelt, misshandelt oder gar getötet wird. Der spinnt doch der Mann! So handelt doch nur ein Verrückter. Das gibt’s doch gar nicht!
Doch, das gibt’s. Das gibt es in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Denn darauf hin will uns die Parabel ansprechen. Darauf legt sie den Finger. Es ist eine leidvolle Geschichte für Gott. Die Geschichte Israels und also, weil es das erwählte Volk ist, auch die Menschheitsgeschichte. Die er geschaffen hat, anerkennen ihn nicht. Denen er Leben einhauchte, schnauben wider ihn. Die er ins Paradies gestellt, machen daraus eine Hölle. Die er gut machte, sind schnell böse geworden.
Verweilen wir ein wenig bei den Finessen der Parabel. Dann verpachtete er ihn an Weinbauern und ging ausser Landes. Abgereist ist der Besitzer. Er ist nicht mehr sichtbar da. Das lässt die Pächter überheblich werden. Sie sind Augenmenschen. Was ihnen aus den Augen ist, das verdrängen sie auch aus ihrem Sinn. Mehr und mehr werden sie ihre eigenen Herren und Meister. Aber auch wenn der Besitzer nicht vor Augen steht, so ist er doch da. In der Gestalt des Weinbergs, den er angelegt hat und vor allem in der Gestalt der Knechte, die mit ihrem Auftreten Anspruch und also Vorhandensein des Besitzers kundtun. Als Boten einer anderen Welt sorgen sie für Aufregung. Also werden sie um die Ecke gebracht.
Kommt uns bekannt vor, liebe Gemeinde, nicht wahr? Und es ist dumm und falsch und ganz und gar nicht evangelisch, solches Verhalten jüdischem Volk allein in die Schuhe zu schieben. Die hässliche Fratze der Selbstgerechtigkeit. Die Worte spiegeln nur allzuleicht unser eigenes Dasein. Vor dem Spiegel zeigt man immer auf sich selber. Der Besitzer ausser Landes, andere sagen: Gott ist tot, also lassen wir die Sau raus und wer immer unsere Schweinereien hinterfragt, den stellen wir kalt.
Wer andern Gruben gräbt, fällt selbst hinein. Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber bemerkst du nicht? Dabei wäre das die Kunst echten Hörens auf das Evangelium, sich selber miteinzubeziehen, sich selber treffen zu lassen und nicht auf andere zu schiessen. Das ist Werk des Geistes. Alles andere ist Teufelswerk. Die faulen Früchte zeitigen es.
Aber seht, hier ist mehr als Jona und Salomo zusammen! Der Besitzer ausser Landes. Gott ist in unserer Welt ein verborgener, unsichtbarer Gott. Einzig dem Glauben ist er offenbar. Der sieht ihn. In Wort und Sakrament zeigt ER sich, aber noch ist er der Alltagswelt verborgen. Verborgen im Zeichen des Kreuzes.
Sup specie contraria, unter dem Gegenteil, ins Gegenteilige verkehrt, haben die Alten gesagt. Und weise haben sie gesungen. Die Welt meint, der Herr sei weit weg, weil sie ihn nicht unmittelbar sieht, aber, siehe, er ist da. Mitten unter uns. Präsent in seiner Abwesenheit, beredet in seinem Schweigen, ganz nah in seiner Unfassbarkeit. — In Jesu Sterben entdecken wir solches wieder. Ein Opfer und doch endgültiger Sieger, gestorben und doch lebendig, begraben und doch auferstanden. Gelitten und doch zur Rechten des Vaters verherrlicht. — Aber zurück in den Weinberg.
Wir haben die schier grenzenlose Geduld des Besitzers bereits angesprochen. Der Eskalation der Gewalt steht diese, nach Menschenmass geurteilt, unbegreifliche Geduld gegenüber. Eine Engelsgeduld. Sie ist uns fremd. Aber "in dieser Fremdheit spricht sich die Fremdheit des Evangeliums aus. So wie der Besitzer des Weinbergs sich verhält, so verhält sich kein Mensch auf dieser Erde — bis auf den einen: den Erzähler." Stuhlmann Sein Verhalten gleicht dem des Besitzers. Und bei Johannes wird Jesus sagen: Der Vater und ich sind eins.
Waren nicht Wahrheit und Liebe seine stärksten Waffen im Kampf gegen Hass und Ablehnung? Und lehrte er nicht solches? Schlug ihn einer auf die rechte Backe, hielt er da nicht die linke hin? Und so wie die Sonne des Vaters über Böse und Gute aufgeht, so erging und ergeht heute noch sein Wort an Gerechte und Ungerechte. Wenn deshalb zu böser Letzt der Sohn selber den Weinberg betritt, dann opfert da nicht ein grausamer Vater seinen Sohn, sondern der Vater selber geht im Sohn in den Weinberg. Er kommt in das Seine.
Aber eben im Sohn kommt er, will heissen, ist er bereit, sich in die mörderischen Hände von Menschen auszuliefern. Nicht als der Schlächter kommt er, sondern als Opfer. Nicht mit all seiner Macht fährt er drein, sondern genügt sich in Ohnmacht. Siegt, weil er sich selber überwindet. Sub specie contraria, unter dem Gegenteil. Gott wirft die Perle nicht vor die Säue. Er geht selber zu ihnen. Im Sohn ist er mitten unter ihnen. Christus sagt: Wer mich sieht, sieht den Vater.
Und so ermorden denn die Winzer den Sohn, den Besitzer. Werfen ihn wie einen räudigen Hund aus dem Weinberg hinaus und meinen noch: Wir wollen ihn töten, dann wird das Erbe uns gehören. — Und die Seinen nahmen ihn nicht auf. — Schon raffiniert diese Tat einfach anderen, den Juden, unterzujubeln und seine Hände in Unschuld zu waschen. Diese Schweine haben den Herrn Jesus gekreuzigt! Auge um Auge, Zahn um Zahn, jetzt seid ihr dran. Ja, vielleicht raffiniert, vielleicht einfach nur feige. Längst sind wir doch in die Rolle der Winzer geschlüpft. In Auschwitz war Gott Jude.
Es ist mit Bestimmtheit schwerer, den Mörder in sich selber zu entdecken, als den Mörder im Nachbarhaus zu entlarven. Die Kripo sieht man nicht gern im eignen Haus — lieber beim Nachbarn. Der Winzer in uns. Raus aus dem Haus mit dem Sohn, dann sind wir endlich unsere eigenen Herren und Herrinnen. Sind wir da am Ende nicht auch und noch viel mehr und vielleicht auch mit unsäglichem Leid verbunden, unsere eigenen Knechte und Mägde? Wird am Ende nicht der Selbsternannte der Ungefragte sein? Und die Erste die Letzte? Und die Selbstherrlichsten die Armseligsten? Sup specie contraria. Unter dem Gegenteil.
Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Wir sind noch immer gefragt und mehr denn je gefordert. Ja, irgendwann da wird doch dem Besitzer der Geduldsfaden reissen und dann: Wehe euch Winzern, wenn der Tag des Herrn anbricht! Wehe euch Pächtergesindel, die ihr eure Grenzen nicht respektiert! Wehe euch Christen, die ihr euch im Besitz wähnt und doch nichts als Bettler seit!
Und jetzt melden sie sich, die Folgeverse. Der Herr wird kommen und die Weinbauern umbringen und den Weinberg anderen geben. Habt ihr nicht dieses Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / der ist zum Eckstein geworden, / vom Herrn her ist er dies geworden, / wunderbar ist er in unseren Augen. Mk 12, 1-11
Es braucht andere Augen, liebe Gemeinde, um das sehen zu können. Oster-Augen sind nötig, um erfassen zu können, dass ausgerechnet der Verworfene und Getötete der Heiland ist, dass letztendlich nicht die Sieger, sondern die Opfer das Sagen haben werden, dass Gottes Geschichte mit uns andere Wege geht als die Weltgeschichte. Das ist nicht das, was wir im Alltag erleben, aber es ist das, was uns durch und in Jesus Christus verheissen ist. Das Leiden der Knechte und der Tod des Sohnes sind nicht umsonst. Das ist wunderbar, dass Gott auch das noch zum Guten wenden kann, was wir schon längst versaut haben.
Der Herr wird kommen und die Weinbauern umbringen und den Weinberg anderen geben. Wer sind die andern, liebe Gemeinde? Die andern sind eben nicht wir. Wer bei den anderen zu erst an sich selber denkt, der ist ein alter Weinbauer. Wer aber an andere denkt und also sich selber erkannt hat, bei dem ist der Herr angekommen. Gott hat sein Zelt über ihm aufgeschlagen. Eine andere Welt erschliesst sich ihm. Und er weiss, dass die Uhren dort anders ticken. Amen.
Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Du kommst im Sohn und der Sohn kommt mit dir. All deine Macht und menschliche Ohnmacht in einer Person gebündelt. Das ist nur eines deiner Geheimnisse. Der du gross und wunderbar über uns beschlossen hast, dir an deiner Vergebung genügen zu lassen. Der du tötest und doch lebendig machst. Der du alles in gütigen Händen hältst und dich mit Weisheit und Hoheit kleidest. Gelobt seist du bis in die letzte Ewigkeit.
Herr Jesus Christus, unser Heiland!
Des Vaters Wort ist dir nicht nur Befehl, es ist dir auch Herzenswunsch. Du hast deinem Leiden Sinn gegeben. Du hast uns vergeben. Dir sei Dank! Klug wie eine Schlange und ohne Falsch wie eine Taube so bist du, und so bist du uns zum Heiland geworden. An dir und also in dir ist kein Mangel und kein Fehl. Du bist der Bote des Vollkommenen. Das Leben, das den Tod auffrisst. Die Freude, die unsere Trauer wegschwemmt. Der Kelch, aus dem wir ewiges Leben trinken. Gelobt seist du — hier und heute und hinter dem Mond, in den Weinbergen und an den Tischen, in den Gassen und Gärten, in den Palästen und in den Hütten, auf Erden und im Himmel.
Gott, Heiliger Geist!
Selbsterkenntnis — das schenkst du uns. Du ermöglichst das — mehr als jede Sitzung beim Psychiater. Du deckst auf, was sich versteckt. Bringst ans Licht, was Licht scheut. Du räumst unseren Mist weg und machst das Törichte weise und das Weise lässt du zur Torheit verkommen. Dich brauchen wir, zusammen mit dem Vater und dem Sohn. Und auch dich loben wir mit jedem Herzschlag, der uns geschenkt ist. Amen.

Interlaken, im März 2000