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Einer der Pharisäer aber bat ihn, mit ihm zu essen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und liess sich zu Tisch nieder. Und siehe, da war eine Frau in der Stadt, eine Sünderin. Als sie erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tische lag, brachte sie ein Alabastergefäss voll Balsam. Und sie trat von hinten zu seinen Füssen, weinte und begann mit ihren Tränen seine Füsse zu benetzen. Und sie trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes, küsste seine Füsse und salbte sie mit dem Balsam.
Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er bei sich: Wäre dieser ein Prophet, so wüsste er, wer und was für eine die Frau ist, die ihn da berührt, nämlich eine Sünderin. Und Jesus antwortete ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er erwidert: Meister, sprich! Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner: der eine schuldete ihm fünfhundert Denar, der andere fünfzig. Da sie es beide nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es ihnen. Welcher von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an der, dem er mehr geschenkt hat. Da sprach er zu ihm: Du hast richtig geurteilt. Und er wandte sich der Frau zu und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, Wasser für die Füsse hast du mir nicht gegeben; sie aber hat meine Füsse mit ihren Tränen benetzt und mit ihrem Haar getrocknet. Einen Kuss hast du mir nicht gegeben; sie aber hat, seit sie hereingekommen ist, nicht aufgehört, meine Füsse zu küssen. Mit Öl hast du mein Haupt nicht gesalbt; sie aber hat mit Balsam meine Füsse gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Zu ihr aber sprach er: Dir sind deine Sünden vergeben. Da begannen die Gäste untereinander zu sagen: Wer ist dieser, dass er sogar Sünden vergibt? Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Lk 7, 36-50

Das ist eine grosse Sache, liebe Gemeinde, wenn ein Mensch in Frieden seines Weges ziehen kann, wenn der sinnlose Kampf mit und gegen sich selber ausgekämpft ist und die eigenen Fehler der Vergangenheit nicht mehr mit Krakenarmen nach einem greifen. Geh in Frieden! Was für ein Segen! Mein Gott!
Beim Lesen dieser Geschichte ist mir ein Wort von Blaise Pascal, dem grossen französischen Mathematiker und Philosophen und Christen, in den Sinn gekommen. Er schreibt: "Gut ist es, ermattet und müde zu sein durch die vergebliche Suche nach dem wahren Gut, um die Arme nach dem Erlöser auszustrecken." Die Suche der namenlosen Frau hat in der Person Jesu Christi ihr Ende gefunden. Sie ist dem Erlöser zu Füssen gesunken. Sie hat sich erniedrigt und ist doch unendlich erhöht und in ihrer Not auch erhört worden. Seine Füsse hat sie geküsst und hat doch sein Herz berührt. Sie hat viel geliebt und erfährt nach dem Urteil Jesu gerade deshalb viel Vergebung. Was für eine Gleichung: je mehr Liebe, desto mehr Vergebung!
Es ist eine wunderbare Geschichte, liebe Gemeinde. Ich will noch jemanden zitieren und damit keinen Hehl daraus machen, was für eine Begeisterung ich für diese Geschichte hege. Wessen das Herz voll ist, dessen geht der Mund über. Hans-Joachim Iwand schreibt: "Unsere Geschichte hat eine leicht fassbare Mitte – und diese Mitte ist das Evangelium selbst. Denn das Evangelium von Jesus Christus ist nichts anderes als die Vergebung der Sünden. Das ist alles." –
Ich habe mir lange überlegt, ob ich hier einfach Schluss machen soll. Amen sagen, von der Kanzel steigen und eine verdatterte Gemeinde zurücklassen. Vielleicht würden dann ja einige hellhörig, die jetzt noch schwerhörig sind? Vielleicht brauchen wir ab und zu eine solche Provokation, damit wir nicht Sonntag für Sonntag das explosive Pulver des Evangeliums in einem lauwarmen gutbürgerlichen Redeschwall ersäufen. Diese Geschichte, liebe Gemeinde, die stellt uns alle auf den Kopf, die schüttelt uns dermassen durch, dass wir am Ende zittern entweder vor Entsetzen oder aber vor Glück. Wo Gott selber auf den Plan tritt, da wohnen Begriffe und Dinge nahe beieinander.
Kaum beginnt die Geschichte, zerschlägt sie uns auch schon die fein säuberlich sortierten Tassen im Schrank. Da bleiben nicht alle Tassen im Schrank. Einer der Pharisäer aber bat ihn, mit ihm zu essen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und liess sich zu Tisch nieder. Dieser Jesus von Nazareth hat keine Berührungsängste. Eben noch als Fresser und Säufer, als Freund von Zöllnern und Sündern verschrien – zwei Verse vor unserer Geschichte nachzulesen – nimmt er die Einladung eines Parteigängers seiner Erzfeinde an. Wahrlich, der hat keine Berührungsängste. Der ist nicht krampfhaft darauf bedacht, was die Leute jetzt wohl von ihm denken. Ob das auch richtig sei, was er da mache? Ob das nicht falsch verstanden werden könnte, wenn er jetzt unter Umständen sich bitten lassen würde, dass er eventuell …? – Und der Pharisäer wird auch nicht als Ungetüm vorgestellt, sondern eher als ein zugänglicher und an diesem merkwürdigen Wanderrabbi interessierten Mann. Das ist kein blutrünstiges Ungeheuer.
Ich habe es ihnen bereits angemeldet, unsere Geschichte bringt die Schubladen im Kopf gehörig durcheinander. Zementierte Meinungen zerspringen wie Dachziegel, wenn man sie runterwirft. Der hat keine Berührungsängste. Damals nicht und heute nicht. Und wenn er kommt, dann kommt er, und weitet einem das Herz, dass selbst die Höhenmatte sich dagegen wie ein geschlossener Raum ausnimmt.
Und weil dieser eben keine Berührungsängste kennt, deshalb kommt es zur Berührung in dieser Geschichte, die zärtlichen Berührungen einer Frau. Und sie trat von hinten zu seinen Füssen, weinte und begann mit ihren Tränen seine Füsse zu benetzen. Und sie trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes, küsste seine Füsse und salbte sie mit Balsam. Jetzt sagen sie nur noch, das Evangelium sei leibfeindlich. Also dann haben sie entweder Watte in den Ohren, Schuppen auf den Augen oder sie lesen die Bibel mit dem Radiergummi in der Hand. Die Frau sagt ja kein Wort, sie berührt den Leib Jesu und sie rührt tief, so tief, dass der Gastgeber sich daran stösst. Es stösst ihm sauer auf, deshalb nimmt er Anstoss daran.
Wäre dieser ein Prophet, so wüsste er, wer und was für eine die Frau ist, die ihn da berührt, nämlich eine Sünderin. Bei sich selber sagt er das. Er denkt es vielleicht nur. Er sagt es nicht laut. Aber in seinem Denken sitzt schon der Wurm. Und Jesus sieht den Wurm, der den ganzen Apfel ungeniessbar macht. Erzählt ihm dazu ein einfaches Gleichnis, eines jener Zweier-Gleichnisse, in denen es immer um zwei verschiedene Situationen geht, die verdecken, dass unsere Situation vor Gott letztlich die gleiche ist nach Iwand – zwei Schuldner und ein Geldverleiher, ein Vater und zwei Söhne, zwei Beter im Tempel usw.
Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner: der eine schuldete ihm fünfhundert Denar, der andere fünfzig. Da sie es beide nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es ihnen. Welcher von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Ein grosszügiger Geldgeber, mein Gott! Ja, wir sagen es: Mein Gott, du bist ja dieser Geldgeber. Der Pharisäer Simon, jetzt haben wir auch seinen Namen erfahren, weiss die richtige Antwort und wir wissen sie auch. In der erzählten Welt des Gleichnisses erkennt Simon den Zusammenhang von Liebe und Vergebung.
Und dann kommt, liebe Gemeinde, die alles entscheidende Frage. Siehst du diese Frau? Simon sieht nicht die Frau. Er sieht die Sünderin. Er sieht nicht den Menschen. Er sieht das Werk. Und das ist der Wurm in seinem Denken. Der Wurm, der ach! so häufig auch in unserem Denken steckt. Wir sehen nicht den Menschen, wir sehen nur seine Taten, und seine Schandtaten, die sehen wir besonders genau an. Danach lechzen wir und gewisse Medien werfen uns dann händereibend die gewinnträchtigen Knochen hin, und wir Idioten schnappen danach.
So sind wir. Gott ist anders. Er sieht die Person und nicht das Werk an. Sehen wir diese Frau? Und wie sehen wir uns selber? Immer noch ängstlich darauf bedacht, ob wir wohl alles richtig gemacht haben? Immer noch gefangen im Netzwerk eigener Kleinkariertheit? Sehen wir den Armen im Bettler oder sehen wir nur den Schmarotzer? Sehen wir die Mutter am Strassenrand oder sehen wir nur die Hure? Sehen wir den Flüchtling im Asylanten oder sehen wir nur die Ausländerquote? Sehen wir überhaupt oder sind wir blinde Blindenführer?
Ja, das ist die Anstössigkeit der Liebe Gottes, dass sie Menschen nicht nach Tat und Werk beurteilt, sondern nach Massgabe seiner Vergebung. Es gehört zum Wesen der Liebe, auch menschlicher Liebe, dass sie sich verschenkt, ohne nach Gewinn oder Verlust zu fragen. Niemand setzt sich zuerst hin und rechnet aus, was ihm die Liebe einbringen könnte. Die Liebe hat ihren eigenen Herzschlag. Und seit ich es gelesen habe, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein Satz von Antoine de St. Exupéry, dem Schöpfer des Kleinen Prinzen, in seinem letzten Brief an die Mutter, bevor er wahrscheinlich in der Nähe Korsikas von deutschen Jägern auf offener See abgeschossen wurde. "Wann wird es möglich sein, den Menschen, die man liebt, zu sagen, dass man sie liebt?" – Und wann wird es möglich sein, dass wir Gott sagen, dass wir ihn lieben, wo er uns doch in der Vergebung Jesu Christ zeigt, wie sehr er uns lieb hat.
Die Frau in unserer Geschichte hat das dem Heiland auf ihre Weise mitgeteilt, nonverbal wie wir heute sagen würden. Sie hat ihn berührt und ihm damit ihre Liebe gezeigt. Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft. Wahrlich, sie hat ihn wie einen Gott aufgenommen. Der Pharisäer Simon war höflich und interessiert, aber im Letzten hat er Jesus verkannt.
Wir wissen sehr sehr wenig von dieser namenlosen Frau. Wir wissen, dass sie eine stadtbekannte Sünderin war. Was heisst das schon? Aber wir wissen, dass sie viel geliebt hat und dass Jesus ihr deswegen ihre Sünden vergeben hat. Das ist die Gleichung des Himmelreichs. Wer viel liebt, dem wird viel vergeben. Das gilt auch für uns. Deshalb, gerade deshalb wurde diese Geschichte aufgeschrieben und weitergetragen, damit sie eines schönen Tages auch auf uns kommt. Heute ist dieser schöne Tag, ein Tag des Herrn.
Es mag ja manch einer ein grosser Hirsch oder eine grosse Hirschkuh sein und nach herrschendem Zeitgeist viel geleistet haben für das Unternehmen, für die Gesellschaft, den Verein, die Verwandten, für das Land, – ob er seinen Gott und seine Mitmenschen auch geliebt hat, wird ein anderer beurteilen. Und er wird uns ebenso souverän durchschauen, wie er den Pharisäer Simon durchschaut hat.
"Unsere Geschichte hat eine leicht fassbare Mitte – und diese Mitte ist das Evangelium selbst. Denn das Evangelium von Jesus Christus ist nichts anderes als die Vergebung der Sünden. Das ist alles." Amen.

Interlaken, im März 2002