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Am Sonntag vor einer Woche haben wir, liebe Gemeinde, in einem ersten Teil über das Exempel vom reichen Mann und vom armen Lazarus nachgedacht. Folgende Punkte sind uns dabei wichtig geworden: 1. Die Geschichte trägt märchenhafte Züge, sie ist also nur bedingt ein Reiseführer fürs Jenseits. Und weil ihr ursprünglich ein altägyptisches Märchen zu Grunde liegt, haben wir den ganzen ersten Teil unter das Motto "Es war einmal …" gestellt. 2. Ist uns im Hören auf dieses Exempel einmal mehr die Andersartigkeit Gottes bewusst geworden. Während bei uns die Schönen und Reichen einen Namen haben, die Armen dagegen namenlos bleiben, ist es vor Gott genau umgekehrt, der Reiche hat keinen Namen, der arme Lazarus dafür einen um so schöneren, nämlich Gotthelf, Gott hilft. Und 3. haben wir uns auf den Tod als den grossen Gleichmacher konzentriert und dabei mit Erstaunen festgestellt, dass am Ende nicht einfach das Ende kommt, sondern die grosse Wende. Und hier wollen wir denn auch wieder einsetzen mit dem zweiten Teil unserer Predigt über Lazarus und den reichen Mann. Hören wir uns die Geschichte noch einmal genau an.
Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag prächtige Feste feierte. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren, und er hätte sich am liebsten den Bauch gefüllt mit den Brosamen vom Tisch des Reichen, aber nur die Hunde kamen und leckten seine Geschwüre. Es geschah aber, dass der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoss getragen wurde. Aber auch der Reiche starb und wurde begraben. Und als er im Totenreich, von Qualen geplagt, seine Augen aufhebt, sieht er von ferne Abraham und Lazarus in seinem Schoss. Und er schrie: Vater Abraham, erbarme dich meiner und schicke Lazarus, damit er seine Fingerspitze ins Wasser tauche und meine Zunge kühle, denn ich leide Pein in dieser Glut. Aber Abraham sagte: Kind, denke daran, dass du dein Gutes zu deinen Lebzeiten empfangen hast und Lazarus gleicherweise das Schlechte. Doch jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und zu alledem besteht zwischen uns und euch eine tiefe Kluft, so dass die, die von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht können, und dass die von dort nicht zu uns herübergelangen. Er aber sagte: So bitte ich dich denn, Vater, dass du ihn in das Haus meines Vaters schickst. Ich habe nämlich fünf Brüder; die soll er warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagt: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Da sagte er: Nein, Vater Abraham! Aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Da sagte er zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. Lk 16, 19-31

Liebe Gemeinde! Es wird einmal … alles anders sein. Aber es wird nicht einfach alles aus und vorbei sein, wenn wir diese Welt endgültig verlassen. Daran lässt unsere Erzählung keinen Zweifel. Sie hebt für einen Augenblick nur den Vorhang nach drüben und gewährt uns so einen Blick hinter die Kulissen. Aber eben sie gewährt uns diesen Blick wie in einem Märchen. Was hier geschildert wird, ist keine Landkarte fürs Jenseits. Dennoch: So wenig ein Märchen unsinnig ist, weil es die Wirklichkeit mit eigenen Mitteln abbildet, so wenig ist das, was hier geschildert wird, gering zu achten. Es will eben in der rechten Art und Weise verstanden sein. Und die rechte Art und Weise, die lesen wir am Zweck ab, den diese Geschichte mit uns verfolgt. Mal schauen, ob uns das heute gemeinsam gelingt.
Da hockt er also in der Glu,t der Reiche, und leidet Pein. Und alles, was nun von seiner Seite her geredet wird, gleicht offensichtlich dem Weg einer Besserung. Der lernt dazu. Der wird klüger. Machen wir es ganz deutlich, damit trotz Pein und Gluthitze eine erste kühle Hoffnung durchschimmert. Am Ende kommt die Wende, haben wir letzes mal gesagt. Und nun fügen wir hinzu: Es ist eine Wende zum Besseren hin. Der Reiche bessert sich und wie. Er wächst geradezu über sich hinaus. Diesen Weg der Besserung selber zu gehen, deshalb wird uns dieses Märchen erzählt. Das ist sein Zweck.
Wenn sie sich fragen, mit wem soll ich mich denn in dieser Geschichte identifizieren, dann sage ich ihnen aber nicht mit dem Reichen und auch nicht mit dem Lazarus und ich würde das gleiche auch in Kalkutta sagen, sondern mit den fünf Brüdern. Darauf kommt es an. Identifizieren wir uns nämlich mit dem Reichen, dann sind wir entweder Masochisten oder aber wir ändern uns nur aus Angst vor Strafe. Angst aber ist ein schlechter Lehrmeister. Solche Lehrer hat der HerrGott nicht auf der Lohnliste. Oder aber wir identifizieren uns mit Lazarus, dann sind wir entweder heimliche Sadisten oder aber wir laufen Gefahr zu meinen, uns in keiner Art und Weise ändern zu müssen. Beides zielt an der Geschichte vorbei. Wir sind die fünf Bruder, die gewarnt werden sollen. Keiner von uns wird am jüngsten Tag kommen und sagen können: Davon habe ich aber nichts gehört.
Und es ist nicht von ungefähr, dass der Reiche seinen Weg der Besserung an einem Tiefpunkt, um nicht ironisch zu sagen, an einem Siedepunkt antritt. Auch hier trifft doch das Märchen den Nagel, will meinen die Wirklichkeit, auf den Kopf. Ist es nicht so, dass wir in unserem Leben häufig gerade dann zur Einsicht kommen, wenn es uns schlecht geht? Sind wir nicht in den Krisensituationen unserer Existenz weitaus empfänglicher für den HerrGott als in den Zeiten persönlicher Triumphe? Oder können sie mir erklären, warum sonst bei der Abdankung eines jungen Menschen alle angestrengt und genau zuhören, während das Publikum bei so vielen Hochzeiten gähnend und manchmal auch Nasen bohrend das Deckenmuster der Kirche meditiert? Glück lehrt nicht beten. Es ist die Not, die das lehrt. Ob wir also wohl sagen können: Wenn hier von Glut die Rede ist, dann wäre es völlig idiotisch nach der genauen Temperatur zu fragen, sondern wir sollen das als Metapher lernen für die Not, in welche der Reiche sich selber gebracht hat.
Der Reiche ist, o Ironie des Schicksals, in Not geraten. Und seine Not besteht genau darin, dass er einsam und alleine ist. Lazarus ist aufgehoben im Schosse Abrahams. Der Reiche ist allein. Genau das ist die Hölle, liebe Gemeinde, ich mit mir Maus Bein Stein alleine. Der sauglatte Spruch: Ich komme lieber in die Hölle, da hat es mehr Leute, trifft also genau nicht zu. Die Hölle ist einsam. Wo Gott nicht ist, dort ist die Hölle. Im Glauben an Gott gibt es keine Hölle. Und die Hölle ist nicht dort, wo das Öl siedet. Dort sind nur die Pommes Frites. Die Hölle ist überhaupt kein Ort, sie ist ein Zustand. In diesem elendiglichen Zustand, ganz allein mit mir, nur ich und ich und nochmals ich, kommt für den Reichen die Wende. Jetzt kommt er langsam, Schritt für Schritt zur Einsicht. Der Weg zur Besserung ist mit Selbsterkenntnis gepflastert und nicht etwa mit guten Vorsätzen.
Und als er im Totenreich, von Qualen geplagt, seine Augen aufhebt, sieht er von ferne Abraham und Lazarus in seinem Schoss. Und er schrie: Vater Abraham, erbarme dich meiner und schicke Lazarus, damit er seine Fingerspitze ins Wasser tauche und meine Zunge kühle, denn ich leide Pein in dieser Glut.
Das erste, was der Reiche lernt, ist der Blick von unten. Er hebt seine Augen auf. Das musste er früher nicht. Er konnte die Dinge von oben herab und aus sicherer Warte betrachten. Was zählte, war seine Sicht der Dinge. Jetzt lernt er eine andere Sicht der Dinge, die Sicht von unten. Merken sie, wie nahe wir uns an der eigenen Wirklichkeit bewegen? Ja, selbst dort, wo die Welt am weltlichsten ist, weiss man um die Notwendigkeit dieser Sicht der Dinge. Es wird keiner Offizier, der nicht zuerst Soldat war. Und in gutbürgerlichen Familien mit Klasse wird der Junior auch heut noch nicht Chef über Nacht, sondern er dient sich langsam hoch und lernt das Handwerk von der Pike auf. Was immer wirkliche Grösse hat, fängt unten an. Was vorschnell oben einsetzt, wird krachend abstürzen. Was nicht gewachsen ist, hat keinen Bestand.
Das zweite, was der Reiche lernt, ist Barmherzigkeit. Vater Abraham, erbarme dich. Genau das, was er nicht hatte, als Lazarus vor seiner Türe lag. Er hatte kein Erbarmen. Er hat die Feste ohne ihn gefeiert und die Wundpflege den Hunden überlassen. Jetzt lernt er es unter erschwerten Bedingungen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Das ist zu ungenau. Es muss heissen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans mit viel mehr Mühe, sozusagen im Schweisse seines Angesichts.
Und das wichtigste vielleicht, der Reiche lernt zu bitten. Erbarme dich meiner und schicke Lazarus. Er verlangt nach dem, nach dem er allzu lange kein Verlangen hatte. Wer bittet, weiss, dass er abhängig ist. Und wer abhängig ist, der hat eine Grundwahrheit des Lebens entdeckt. Es gibt kein unabhängiges Leben. Unser Leben ist ein einziges, riesiges und dann letztlich auch undurchschaubares Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten. Und wir alle wissen, wie anfällig dieses Geflecht im Letzen ist. Reichtum muss einem hierfür nicht zwingend den Blick trüben, aber er kann es. Er kann mich täuschen und mich in falscher Sicherheit wiegen. Wenn uns die Geschichte nur schon vor dieser Täuschung warnen kann, hat sie viel erreicht. Den Reichtum als solchen macht sie uns dadurch nicht madig, aber sie öffnet uns die Augen für die abgeschminkte Version der Wirklichkeit. Die ist nicht immer schön, aber sie ist dafür echt.
Mit Brosamen hätte sich Lazarus begnügt. Jetzt begnügt der Reiche sich mit einer nassen Fingerspitze. Auch das will gelernt sein: Bescheidenheit. Der Reiche verlangt keine Dusche, nicht einmal ein Glas Wasser — ein paar Tropfen genügen ihm. Wir könnten jetzt Scherzes halber sagen. Seht nur, bei den Reichen lernt man sparen. Aber so ist das hier wohl kaum zu interpretieren. Es geht nicht um Sparsamkeit, sondern um Bescheidenheit. Ich muss nicht alles haben, was ich haben könnte. Weniger ist manchmal mehr. Verzicht kann auch Gewinn bringen. Und wer teilt, der ermöglicht gutes Leben. Bescheidenheit ist die kleine Schwester der Anteilnahme.
Lassen sie mich kurz etwas zur unüberwindbaren Kluft sagen, ja überhaupt zu den für den Reichen auf den ersten Blick eher frustrierenden Antworten des Abraham. Die Kluft ist wiederum nicht räumlich zu deuten, sondern als Metapher dafür, dass nun endgültig weder der Reiche noch der Lazarus noch Abraham das Sagen haben, sondern einzig und allein der, welcher nicht explizit erwähnt wird oder sich selber zu Wort meldet und doch als ewige Gegenwart darüber und dahinter steht — Gott. Dass niemand an dieser Kluft etwas ändern darf, dass man da nicht selbständig die Seiten wechseln kann, dass es da auch keine Brücken gibt oder heimliche Schleichwege, auf denen man aus eigener Kraft nach drüben gelangen könnte, wird uns das nicht zum Sinnbild für die wirklichen Verhältnisse? ER wird alles in allem sein, sagt Paulus. Wir sind dann nichts mehr aus uns selber heraus. Was wir sein werden, werden wir einzig und allein um seinetwillen sein. Soviel zur Kluft. Und ganz kurz nur noch zu den Antworten des Abraham. Denken sie allen Ernstes, der Reiche wäre seinen Weg der Besserung zu Ende gegangen, wenn Abraham gleich zu Beginn weg gesagt hätte: OK, reicher Mann du schwitzt ja gehörig, lassen wir's genug sein, komm rüber, nimm eine Dusche und setzt dich ebenfalls in meinen Schoss? Wohl kaum! Das Vollkommene duldet keine Unvollkommenheit. Die Vollkommenheit sucht ihresgleichen. Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist, lehrt Jesus uns in der Bergpredigt.
Noch hat der Reiche aber nicht ausgelernt. Und er kommt — in Analogie zu dem, was wir bereits festgestellt haben — erst dann einen letzten, entscheidenden Schritt weiter, als ihm die Unausweichlichkeit seiner Lage vollends bewusst wird. Hat er zuerst noch für sich selber gebeten, so bitter er jetzt für andere. So bitte ich dich denn, Vater, dass du ihn in das Haus meines Vaters schickst. Ich habe nämlich fünf Brüder; die soll er warnen. Von der Bitte zur Fürbitte. Das ist der nächste Schritt auf seinem — oder ist es am Ende auch auf unserem — Weg der Besserung. Nicht nur an sich selber, sondern auch an andere denken. Nicht nur sich selber, sondern auch anderen Gutes zukommen lassen. Den Lazarus sehen, der auf der Treppe liegt und ihn nicht wie Luft behandeln.
Wir meinen ja gerne, Armut hätte in erster Linie einen finanziellen Aspekt. Aber das stimmt nicht. Armut ist ein Gesamtphänomen, das sich bei weitem nicht nur aufs Portemonnaie beschränkt, das schliesst auch das ganze Denken und Urteilen, die Herkunft, die Perspektiven, den Willen, den Selbstwert und vieles mehr mit ein. Wer Armut nur monitär versteht, der macht sie billig.
Und die letzte Stufe auf seinem Weg zur Reifeprüfung erreicht der Reiche dort, wo er in echter Fürsorge dem Abraham sogar ins Wort fällt. Nein, Vater Abraham! Aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Und die Antwort des Abraham — man beachte in der ganzen Geschichte redetet der Lazarus kein einziges Wort! — macht sehr deutlich, dass es für ein rechtes Leben keiner Sonderoffenbarung bedarf. Das einzige was es braucht, ist die Schrift. "Wer die Schrift hat, hat genug." Thielicke Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.
Das ist das letzte und dann für unsere Zukunft auch wieder das erste, was wir hören soll: Wenn einer von den Toten aufersteht … Die Geschichte lässt uns dort zurück, wo wir ursprünglich herkommen, beim Glauben an den auferstandenen Christus — ohne den Lukas sein Evangelium nicht geschrieben hätte und ohne den wir als Christengemeinde nicht hier sitzen und uns auf ihn konzentrieren würden. Das letzte Wort hat nicht Abraham und auch nicht Lazarus und auch nicht der Reiche. Das letzte Wort hat der, der in diesem Märchen nur indirekt zu Wort kam. Und bei IHM ist nichts unmöglich und auch nichts billig aber alles vollkommen. Amen.

Interlaken, im August 2001