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Es wurden aber ausserdem zwei Verbrecher mit ihm zur Hinrichtung abgeführt. Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte heisst, kreuzigten sie dort ihn und die Verbrecher, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. Und Jesus sprach: Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie aber teilten seine Kleider unter sich auf und warfen das Los. Und das Volk stand dabei und sah zu. Und auch die Oberen rümpften die Nase und sagten: Andere hat er gerettet; so rette er sich selbst, wenn dies der auserwählte Gesalbte Gottes ist. Und auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten herzu, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, so rette dich selbst! Und auch eine Inschrift war über ihm angebracht: Dies ist der König der Juden. Einer aber von den Verbrechern, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sagte: Bist du nicht der Christus? Rette dich selbst und uns! Da antwortete der andere und herrschte ihn an: Fürchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du doch vom gleichen Urteil getroffen bist? Und wir zu Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sagte: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst. Und der sprach zu ihm: Amen, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und eine Finsternis kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein; und der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! Mit diesen Worten verschied er. Lk 23, 32-46

Liebe Gemeinde! So erzählt uns Lukas von Jesu Kreuzigung. Jeder Evangelist erzählt davon und jeder auf seine Weise. Nach der Weise des Lukas wollen wir die heutige Predigt spielen. Und diese Weise ist in Moll und nicht in Dur geschrieben.
Bei Lukas tritt Jesus als der Barmherzige aus dieser Welt ab. Noch am Kreuz bittet er für seine Henker und selbst sein Todesschrei ist noch ein Gebet. Keine Spur von Hass, kein Anflug von Verbitterung, kein Sterbenswörtlein von Strafe und Vergeltung. Für Sünder und mit Sündern hat Jesus gelebt. Und wie er gelebt hat, so ist er auch gestorben: Für Sünder unter Sündern.
Man ist ja nie fertig mit dem, was uns die Evangelisten von Jesu Sterben, von seiner Passion erzählen. Wehe denen, die damit fertig sind! Aber selig jene, die damit etwas anfangen können! Die Tiefe ist niemals ausgelotet. Das Geheimnis nicht ergründet, auch wenn es erkannt ist. Die Betroffenheit immer wieder neu, sofern das Herz nicht versteinert ist. Da stirbt also Gottes Sohn. Da gibt sich Gott selber ganz hin, ohne sich dabei aufzugeben. nach Fürst Da geschieht der grösste Skandal der Menschheitsgeschichte und doch ist dieser Skandal das alles entscheidende, einmalige, heilbringende, versöhnende, wunderlichste, hoffnungs-vollste Ereignis im ganzen Kosmos seit dem Urknall. Gott selber ist im Tod seines Sohnes in die Fremde gegangen, um seine Schöpfung heimzuholen, um mich und dich und all die andern, die nicht oder noch nicht oder nicht mehr hier sind heimzuholen — heim zum himmlischen, barmherzigen, gnädigen, lieben Gott und Vater.
Wenn das Sprichwort "Undank ist der Welten Lohn" schon an und für sich seine Berechtigung hat, hier unter dem Kreuz kommt es endgültig zu seinem Recht. Hier zeigt sich ungeschminkt und unverhohlen, wie sehr Menschen gegen Gott sein können und wie sehr viel mehr Gott für uns Menschen sein will. Wie blindwütig wir und wie weitsichtig Gott handelt. Wie wenig wir am Ende wissen, trotz aller Wissenschaften. Wenn es bei Johannes zu Anfang heisst: Er kam in das Seine und die Seinen nahmen ihn nicht auf, so wird diese Aussage durch das Kreuz noch überboten: Sie nahmen ihn nicht nur nicht auf, sie stiessen ihn sogar noch hinaus. Sie wussten wahrlich nicht, was sie taten! — Wissen wir es, liebe Gemeinde? Wissen wir, was wir tun? Was wir uns selber und uns gegenseitig antun, wissend oder unwissend?
Hier und heute gibt es nur eines zu tun — zuhören. Dabei sein und zuhören, so wie das Volk am ersten Karfreitag dabei stand und zusah. Karfreitag — nichts tun, als nur das, was Gott selber an uns tut, wenn wir vom Sterben seines, unseres Christus hören. Gott wird nicht bei jedem das selbe tun. Wir kommen zwar als lauter schwarze Schafe jeweils in die Kirche, aber Gott allein weiss, wer dieselbe als weisses Schaf wieder verlässt. Wir wissen es nicht. Wir wissen ja nicht einmal, was wir tun, wie sollten wir da wissen, was Gott allein weiss? Nur eines ist sicher, es tut sich was, wo Gott zur Tat schreitet. Da setzen sich Dinge in Gang, die gar nicht gängig sind. Da werden Niedrige erhöht, Blinde sehen, Lahme gehen und Sünder werden gerecht und gut. Hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut, haben wir vorhin gesungen. Erst wenn ein solcher Satz einem zu einer zweiten Haut wird, kann man aus seiner alten Haut fahren und neuanfangen, neu anfangen sich auf Christi Kreuz zu besinnen. Fangen wir noch einmal von vorne an!
Zwei Verbrecher wurden mit ihm zur Hinrichtung abgeführt. Da wollen wir ein wenig innehalten. Wir neigen ja in der Regel dazu, den Skandal des Kreuzes verschwommen wahrzunehmen. Nur wenige Zeichen werden mit solcher Häufigkeit eingesetzt, geschaffen, getragen, verehrt wie das Kreuz. Das mag dem Geschäft vielleicht einträglich sein, aber der Sache selber dient es kaum. Überdruss ist der Anfang von Gleichgültigkeit. Und die wiederum ist ein Freipass für viele Greuel. Deutlich zu erkennen in diesen Tagen. Die anfängliche Gleichgültigkeit des Westens öffnet den Greueltaten im Kosovo jetzt Tür und Tor. Jetzt werden Kreuze in Massen produziert. Jetzt wird der Terror zelebriert. Jetzt tanzt der Teufel mit dem Tod Reigen. Vater, vergib ihnen, denn sie wollten einfach nichts tun, nur zusehen, jetzt müssen sie etwas tun, auch wenn sie nicht recht wissen, was sie eigentlich tun sollen.
Jedes Kreuz ist an sich schon ein Skandal, denn es zeigt an: Hier wurde ein Mensch willentlich, auf grässliche Art und Weise zu Tode gebracht. Ich habe einmal eine genaue medizinische Beschreibung gelesen von dem, was im Körper und am Körper eines Menschen vorgeht bei dessen Kreuzigung. Ich erspare ihnen die Details. Nur eines soll gesagt sein: Es ist ein langsames, qualvolles Sterben am Holzpfahl. Ein hässlicher Anblick, weil hier etwas vom Hass sichtbar wird, mit dem Menschen über andere herfallen können.
Und, liebe Gemeinde, für den Glauben wird gerade in der Hässlichkeit von Jesu Kreuzestodes auch etwas von jenem Hass transparent, mit dem der Sünder gegen Gott anstürmt. Wer das Kreuz Christi sieht und davon hört, soll dem Skandal nicht ausweichen, dass hier Geschöpfe ihren eigenen Schöpfer ans Kreuz nageln und dass dieser solches geschehen lässt. Ja mehr noch! Christus sagt gar: Vater vergib. Aus antiken Quellen ist uns überliefert, wie Gekreuzigte häufig vom Kreuz herunter noch ihre Henker beschimpften und, so lange sie die Kraft dazu noch hatten, auch bespuckten. Christus dagegen spricht: Vater vergib. Er sagt nicht: Vater gib's ihnen. Nein, er sagt: Vater vergib ihnen — denn sie wissen nicht, was sie tun. — Wir fragen noch einmal: Wissen wir es?
Die Christenheit hat in ihrer Geschichte häufig nicht gewusst, was sie tat. Sie war blind für Gottes Gnade und entsprechend blindwütig waren ihre Taten. Im Mittelalter waren Pogrome, Judenverfolgungen selten so blutig wie in der Zeit um Karfreitag herum. Da wurden nicht "nur" — in Anführungszeichen — Männer gekreuzigt, da wurden Frauen und Kinder, ganze Familien ermordet. Ganz zu schweigen von Auschwitz, Treblinka, Buchenwald, Meidanek … Vater vergib auch denen, die auf Christi Namen getauft sind, sie wissen wahrlich nicht besser als andere, was sie eigentlich tun. Heute noch tun, in dieser Stunde irgendwo im Kosovo an Verbrechen begehen. Dabei sollte uns als Christen doch alleine der Umstand, dass Jesus seinen Peinigern vergibt, hellhörig und nicht vergeltungssüchtig machen. Nicht: Vater gib's ihnen. Vater vergib. Und das trotz allem Spott und allem Hohn, der da entgegenbrandet.
Rette er sich selbst! Dreimal wird diese spöttische Aufforderung zur Selbsthilfe laut. Von den Oberen, den Mächtigen, die das Sagen haben und leicht angewidert die Nase rümpfen. Von den Soldaten, für welche die Grenze zwischen Befehl und Trieb schon fliessend wird. Und von einem Verbrecher, der selbst in seiner Todesstunde nichts besser zu tun hat, als zu lästern. Mein Gott, merken wir, wissen wir, verstehen wir überhaupt, was da alles abgeschmettert wird? Der Allmächtige verzichtet auf seine Macht und wird ganz ohnmächtig. Keine Selbsthilfe, keine Soforthilfe, kein Absprung vom Kreuz. Da werden Sätze wie: "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott", gleich mitgekreuzigt. Da gewinnt einer, weil er im Vertrauen auf Gott bereit ist, zu verlieren. Da geht einer seinem Ende entgegen, damit andere gerade damit etwas anfangen können. Gäbe es das Kreuz Christi nicht, wir müssten es erfinden, alleine deshalb, um den Opfern eine Sprache zu geben. Jesu Tod — unser Leben. Christi Ende — unser Neuanfang. Fangen wir noch einmal neu an.
Als zu Beginn des Lukasevangeliums der Heiland geboren wird, da wurde die Nacht hell, der Glanz des Herrn umleuchtete sie. Jetzt in der Todesstunde des Heilands verfinstert sich die Sonne. Der Tag wird zur Nacht. Nebenbei: In Hölderlins Werk ist dieser Gedanke alles bestimmend. Mit dem Tod des letzten der Göttersöhne, mit Christus, ist die Nacht über die Menschheit hereingebrochen. Hell wird es erst am jüngsten Tag wieder, wenn die Götter zur Feier kommen. Aber das nur nebenbei, nur um ihnen einen kleinen Wink zu geben, was einer alles finden kann, wenn er bereit ist, bei Gott zu suchen.
Für Lukas ist klar, was sich auf Golgota ereignete hat kosmische Dimensionen. Da geht es um mehr, als nur um einen Justizirrtum, hier geht es um Schuld und Sühne. Hier sorgt Gott selber für Recht und Ordnung und zwar durch menschliches Unrecht und von Menschen gewirkte Unordnung hindurch. Hier wird der Schuldige gekreuzigt und der Schuldige ist ein Unschuldiger. Und doch macht uns das und nichts anderes gerecht vor Gott. Wer wollte nur schon damit jemals fertig sein!?
Einer der Verbrecher erkennt das. Wir empfangen, was unsere Taten verdienen, sagt er, dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Wenn ein Mensch das sagen kann, dann ist er eingebogen auf den Weg zum Heil, dann hat er etwas vom tiefsten erkannt, was ein Mensch in seinem Leben erkennen kann, dass nämlich der Sünde Sold der Tod ist. Und diese Einsicht, diese Erkenntnis, die bläht nicht auf, die macht einem auch nicht zur Jammertante, sondern die mündet ein in die Bitte: Jesus, gedenke meiner! Mögen mich alle verspotten, wenn nur du meiner gedenkst in deinem Reich. Und er sprach zu ihm: Amen, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Ja, dort wo Gott ist, ist der Himmel und wo ein Mensch zu Christus findet, da ist das Paradies.
Selig, wer gefunden hat, wonach sein unruhiges Herz suchte! Selig, wer wie Jesus als letztes Wort ein Gebet auf seinen Lippen haben wird! Es ist das Abendgebet eines frommen Juden mit dem Jesus bei Lukas stirbt: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Dir gebe ich zurück, was ich empfangen habe. Ein Bettler war ich bis in die letzte Stunde, aber du hast mich reich beschenkt, vielleicht nicht mit Geld und Ehre, mit Macht und Einfluss. Dafür um so mehr mit der Hoffnung auf dein Reich, mit dem Glauben, dass dieser Jesus auf der Schädelstätte vor Jerusalem auch für mich gestorben ist, um mit mir das Osterfest zu feiern. Und davon singt sichs in Dur und nicht in Moll. Amen.

Herr Jesus Christus! Unser Heiland!
Wir sehen so viele Kreuze in dieser Welt, da fällt es uns manchmal schwer, gerade in deinem Kreuz etwas besonderes zu sehen. Und doch darf und soll der Glaube wissen, dass in deinem Kreuz alle Kreuze der Welt eingeschlossen sind, kein Unrecht geschieht, dem du nicht eines Tages die Gerechtigkeit des himmlischen Vaters entgegenhältst. Hilf uns, das zu glauben. Du siehst uns ja ins Herz und weisst, was da alles für Zweifel hocken, was es da an Kräften und Mächten gibt, die uns dir und deinem Evangelium abspenstig machen wollen. Lass uns mit deiner Hilfe daran festhalten: Du wirst als Richter kommen und das kann dieser Welt, wie sie sich gebärdet, nur gut bekommen. Du sagst nein zu Unrecht, du sagst also auch nein zu dem, was in diesen Tagen im Kosovo geschieht, was von langer Hand geplant war. Es wird sich an dem, was vor dir recht und gut ist, messen müssen. So wahr du lebst und regierst! Wir meinten, wir hätten die Gewalt im Griff, nun sehen wir schmerzlich, dass sie uns wieder in den Griff bekommt. Wir meinten, wir hätten die Barbarei überwunden, nun müssen wir zugeben, dass sie uns einmal mehr eingeholt hat. Wir meinten, wir seien Herren unserer selbst und nun sehen wir gerade in der Verworrenheit der Situation, dass Mächte und Kräfte uns lenken, von denen wir keinen blassen Schimmer haben. Herr, du hast diese Mächte im Griff. Lass sie nicht ausser Rand und Band kommen. Lege uns diese schwere Prüfung nicht auf. Sprich nur ein Wort und es können Menschen von ihrem kranken und krankmachenden Hass geheilt werden, es können sich Nachbarn die Hand reichen und es können Kinder von einer besseren Welt nicht nur träumen, sondern in einer solchen leben und glücklich sein. Herr, wir haben es nicht im Griff, wir haben es nur im Würgegriff. Nimm du es für uns an die Hand. Amen.

Interlaken, Karfreitag 1999