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Wer von oben her kommt, der ist über allem; wer von der Erde ist, ist von der Erde und redet von der Erde her. Wer vom Himmel kommt, der ist über allem. Er bezeugt das, was er gesehen und gehört hat, und niemand nimmt sein Zeugnis an. Wer sein Zeugnis angenommen hat, der hat bestätigt, dass Gott wahr ist. Denn der, den Gott gesandt hat, redet die Worte Gottes; denn ohne Mass gibt er den Geist. Der Vater liebt den Sohn, und er hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht vertraut, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm. Joh 3, 31-36

Wo Licht ist, da ist auch Schatten, liebe Gemeinde. Das gilt für das Weihnachtsfest ebenso wie für unser Wort aus dem Johannesevangelium. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. In unserem Text: — Das gleissende Licht, das da auf den einen fällt, der von oben kommt, und der tiefe Schatten, der auf den anderen liegt, die von der Erde sind. Und am Weihnachtsfest: — Das Fröhliche der Weihnachtsbotschaft einerseits und andererseits das Unvermögen vieler damit umzugehen. Das Fest der Lichter hat auch seine Schattenseiten. Medien werden nicht müde, uns das alle Jahr wieder in Erinnerung zu rufen. Einsamkeit, Suchtgefahr, familiäres Konfliktpotential — das Fest der Liebe und die Gehässigkeit wohnen Tür an Tür. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ja mehr noch, das Licht bringt das Schattenhafte erst an den Tag. Gottes Liebe entlarvt menschliche Lieblosigkeit erst so richtig.
Liebe Gemeinde! Trotzdem: Das ist ein herrliches Wort aus dem Johannesevangelium. Ein hochkarätiger Diamant! Da werden wir reich beschenkt, wie es sich gehört für Weihnachten. Da werden wir reicher beschenkt als Salomo durch die Königin von Saba. Aber Vorsicht! Das ist nicht Weihnachten für den Bauch. Das ist Weihnachten für den Kopf. Kitsch finden sie in diesen Worten nicht. Ochs und Esel und goldgelocktes Jesulein, das müssen sie anderswo suchen. Dafür finden sie bei Johannes Wahrheit, göttliche Wahrheit über den, der da von oben kommt. Wahrheit aber auch über uns, die wir doch — wer wollte es bestreiten — von der Erde sind und von der Erde her reden.
Es liegt ja in diesen Worten eine ungeheure Spannung zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde. Oder für jene armen Tröpfe, die tatsächlich vor lauter wissenschaftlicher Moderne einen verdrehten Kopf haben und also ihre liebe Mühe bekunden mit der Vorstellung von einem, der vom Himmel kommt, es liegt eine ungeheure Spannung zwischen unserer sichtbaren und jener anderen, unsichtbaren Welt. Die stehen sich hart gegenüber: Oben und unten, Himmel und Erde, der Kommende und die Verweigerer, Glaube und Unglaube, das ewige Leben und der Zorn Gottes. Als würden sich da zwei feindliche Heere gegenüberstehen, gerüstet für die Schlacht — und das an Weihnachten, wo doch die Englein so süss flöten und der Friede schon für 2.50 Fr. am Kiosk zu haben ist.
Trotzdem: Dieser Text ist von einem tiefen Frieden durchwoben. Das Gewebe, die Textur dieses Textes ist friedlich, weil da einer den Überschritt macht von oben nach unten, von dort hierher, weil da einer zusammenbringt, was sonst nicht zusammenkommt: Erde und Himmel. Er kommt und bezeugt, was er gesehen und gehört hat. Er plappert nicht irgendetwas daher. Er legt von und für jene andere Welt Zeugnis ab. Er redet die Worte Gottes und nicht bloss die Seifenblasen der Werbung. Er bringt erfülltes Leben und nicht leere Versprechen, seine Weihnachts-botschaft relativiert jedes Weihnachtsgeschäft. Er bezeugt das, was er gesehen und gehört hat, und niemand nimmt sein Zeugnis an.
Liebe Gemeinde! Der wäre ein rechter Holzpflock, der das Bittere und Traurige dieses Verses nicht heraushören würde. Ob der Evangelist wohl Tränen in den Augen hatte, als er diesen Satz zu Papyrus brachte? Ob die Engel im Himmel auch weinten, als der Herr sich entäusserte? Vielleicht mussten sie ja ihre Instrumente für einen Moment bei Seite legen und sich die Nase schnäuzen? —
Da kommt einer mit einem riesen Geschenk — und keiner will es haben. Stellen sie sich eine Mutter vor. Macht ihren Kindern liebe Geschenke. Und die Kinder haben keine Zeit. Lieber Fernseh schauen. Sehen sie die Mutter allein unterm Christbaum — enttäuscht vom eigenen Fleisch und Blut? — Da macht sich einer auf und verlässt seine Heimat. Aber im fremden Land will man ihn nicht. Geh nach Hause — du hast hier nichts verloren. Scher dich zum Teufel! — Der kleine Betteljunge kommt mit einer Hyazinthe angelaufen: "O sehet hier der Blume Zauberpracht! O sehet nur, ich werde toll, die Glöcklein alle." Überströmende Freude. Aber anstatt Mit-Freude gibt’s Prügel vom Alten. "Du Taugenichts, du Tagedieb. Und rüstig langt er Hieb auf Hieb dem armen Jungen nach." — Niemand nimmt sein Zeugnis an. Der Statthalter des Lebendigen ist nicht willkommen.
Wer sein Zeugnis angenommen hat, der hat bestätigt, dass Gott wahr ist. Ja, was jetzt? Soeben hiess es doch: Niemand nimmt sein Zeugnis an. Und nun sind da doch welche, die es annehmen? Das passt doch nicht zusammen? Nein, das passt nicht zusammen! Nein, keiner von denen, die sein Zeugnis angenommen haben, sollen sagen können: Ich, ich habe mich für ihn entschieden und sein Zeugnis angenommen. Alle sollen sie nur das eine bekennen können: Er hat sich für uns entschieden. Frohe Weihnachten, liebe Gemeinde. Er hat sich entschieden! Wir hätten uns bestimmt wieder falsch entschieden. Deshalb hat er für uns entschieden. Von oben herab über unsere Köpfe hinweg entschieden. Niemand kommt zum Vater denn durch Christus. Niemand, der bloss einmal geboren wurde, kann das aus eigener Kraft bejahen, das kann nur, wer ein zweites mal geboren wurde, von oben her, nicht aus dem Mutterschoss, sondern aus der Kraft des Geistes geboren wurde. Aber solche, die ein zweites mal geboren wurden, solche, die seine Botschaft hören und annehmen, freudig annehmen, so freudig wie Kinder auf dem Gabentisch zulangen, die bestätigen damit, dass Gott wahr ist.
Wer ein Geschenk bekommt, der weiss doch, dass ein lieber Geber dahintersteht. Ein Geschenk vergegenwärtigt uns den, der es uns geschenkt hat. Geschenke sind Erinnerungsträger. Sie bewirken etwas an uns. Sie machen uns zu Beschenkten. Nicht der Beschenkte macht das Geschenk, nein umgekehrt. Und zu einem richtigen Geschenk gehört wesentlich auch das Moment der Überraschung. Nichts langweiliger als verpackte Erwartungen. Schlimmer sind da nur noch verpackte Befürchtungen: Schon wieder Kamillenseife und Ferrero Küsschen!
Wer von Gott beschenkt wird, wer sein Zeugnis annimmt, der bestätigt damit nicht nur seine Lebendigkeit, sondern er bestätigt damit auch die Art und Weise, wie Gott mit uns umspringt, nämlich gnädig und barmherzig. Ohne Mass gibt er den Geist. Von ihm Beschenkte leben aus seiner unermesslichen Fülle und Lebendigkeit. Gottes Liebe masslos, aber nicht erschlagend. Da ist nichts knausrig und nichts kleinkariert, da ist der Brunnen so tief, dass es weder Auge noch Herz fassen kann. Und von Gott beschenkt ist ein Mensch genau dann, wenn er dem, der da von oben kommt, glauben kann. Glaube ist die Entdeckung, dass Gott mich beschenkt hat, lange bevor ich überhaupt Danke stammeln konnte und dass er mich noch beschenken wird, wenn ich mit Bestimmtheit keinen Dank mehr aussprechen kann. Glaube ist Entdeckung. Glaube deckt auf, was längst verborgen da war. Glaube produziert nichts Eigenes. Er lebt von dem, was Gott gibt.
Wie kein anderes Fest zeigt uns Weihnachten, dass man vom Menschen nur dann angemessen reden kann, wenn man von dem spricht, was er nicht ist, nämlich von Gott. nach Löwe Es ist nicht wahr, dass wir uns aus uns selber heraus verstehen können. Auf uns selber zurückgeworfen, verirren wir uns im eigenen Labyrinth. Niemand, der von der Erde ist und von der Erde her redet, wird das unterschreiben. Das können nur jene unterschreiben, die an den Sohn glauben. Jene, die entdeckt haben, dass ihnen in diesem Sohn — nennen wir ihn mit Namen: Christus Jesus — nicht nur die Liebe, sondern auch der wahrhaftige Friede Gottes begegnet. Alle andern bleiben unter Gottes Zorn. Der Evangelist ist hier sehr deutlich. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht vertraut, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.
Verbietet uns ein solcher Satz nicht jeglichen Weihnachtskitsch? Ist das nicht das Ende jedwelcher religiöser Gefühlsduselei? Ist das nicht der Anfang eines wahrhaftigen Christen-Glaubens? Und jetzt nicht gleich das Denken abschalten und davonlaufen, nur weil da steht, der Zorn Gottes bleibt auf ihm. Nein, verstehen, was gemeint ist. Standhalten. Lernfähig bleiben.
Der Zorn Gottes, das ist ein Leben und dann auch ein Sterben ohne Gott. Der Zorn Gottes das bin ich mit mir ganz alleingelassen. Der Zorn Gottes ist nicht etwas, das er gegen mich hat, sondern etwas, in das ich mich verrenne, in das ich hinein renne, wenn ich selbstgefährlich plagiere: Will nichts mit einem menschgewordenen Gott zu tun haben, will meine eigenen Lieblingsvorstellungen hätscheln, habe mit keinem Kind in der Krippe und mit keinem Mann am Kreuz etwas zu schaffen, ich will nur mich. Das ist Gottes Zorn: Ich mit mir allein.
Diesen Zorn will Gott an Weihnachten überwinden. Er überwindet ihn durch den, den er liebt. Der Vater liebt den Sohn. Er macht ihn für uns zum Bruder, zum Freund und Heiland. Alles hat er in seine Hand gegeben. Alles. Da steht nichts von einer Ausnahme. Alles in seiner Hand. In der Hand dessen, der sich nicht zu schön war, wie unsereiner zu sein ohne aber je wie unsereiner zu werden.
Wer ihm nicht vertraut, sieht das Leben nicht, sondern der Zorn bleibt auf ihm. Wer Christus nicht vertraut, der bleibt allein mit sich selber. Der wird weiterhin sich selber feiern und sich selber der Nächste sein. Den Erlöser sieht er nicht. Mag er auch den Stall und den Ochsen und den Esel sehen, die Krippe bleibt leer. Ein Gefangener seiner selbst. Und wir alle — ausnahmslos — wären so befangen, wenn der Heiland nicht die Himmel aufgerissen hätte. Dass er die aber aufgerissen hat, dass er vom Himmel hoch daher kam, dass er in Wahrheit Gottes Wort redet, dass er masslos gnädig ist, das ist unsere Freude und unser Heil. — Fortan gilt eben: Wo Schatten sind, da ist auch immer ein helles Licht. Das Licht leuchtet Tag und Nacht. Amen.
 
Barmherziger Vater! Allmächtiger Gott!
Das tut gut: Deinem Evangelium lauschen. Nicht der Welt, sondern deinem Willen gleich werden. Nur brauchen wir da deinen Geist gehörig, damit das nicht bloss frommer Wunsch bleibt, sondern gelebte Wirklichkeit wird. Mein lieber Gott, da haben wir dich aber bitter nötig, damit unser Kreiselleben auch wirklich unterbrochen wird! — Schon merkwürdig, da hast du all deine Liebe für diese alte Welt in Windeln gepackt und dich in eine Futterkrippe gelegt, damit wir uns dieser Welt nicht gleich stellen. Solche Merkwürdigkeiten sollen uns wohl die Augen öffnen. Mehr sehen, als nur fernsehen. Tiefer graben als der Totengräber. Dein Reich ist nicht unsere Welt, so wenig deine Wege unsere Wege sind. Aber sie kreuzen sich in Christus. Da bist du ganz bei uns, und wir sind ganz bei dir. Nichts dazwischen, nicht einmal ein Feigenblatt. Bethlehem liegt eben an der Kreuzung zwischen Himmel und Erde und Jerusalem an der Verzweigung zwischen Himmel und Hölle. Damit wir die richtige Abzweigung nehmen, deshalb bist du in die Welt gekommen. Das Kreuz als Wegweiser. Das glauben wir in der Kraft deines Geistes, den wir stets von neuem erbitten wie das täglich Brot. Aber das ist auch unsere Hoffnung, die manchmal flackert wie eine Kerze im Wind. Deine Hand schütze sie! — Und das ist das Zittern der Liebe, wenn das Herz vor Freude übergeht, dass du da bist und uns hältst, wohin wir auch fallen. Amen.
 
Interlaken, Weihnachten 2000