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Am letzten, dem grossen Tag des Festes aber stand Jesus da und rief: Wenn jemand Durst hat, komme er zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fliessen. Dies aber sagte er von dem Geist, den empfangen sollten, die an ihn glaubten. Denn der Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Joh 7, 37-39

Liebe Gemeinde! Tritt Jesus hier nicht wie ein Marktschreier auf? Wenn jemand Durst hat, komme er zu mir und trinke! Wir kennen Ähnliches. Der billige Jakob auf dem Rummelplatz der irgend eine Gemüseraffel oder eine Saftpresse an die Frau oder den Mann bringen will. "Kaufen sie bei mir, beste Qualität, garantiert rostfrei, Weltpremiere, zögern sie nicht und langen sie zu!" Oder für diejenigen, die der Meinung sind, das Bild vom billigen Jakob sei bereits etwas verstaubt, denken sie an sog. Dauer-Werbesendungen am Fernsehen, wo ihnen irgend ein Home-Trainer für eine bessere Figur oder ein Messerset, mit dem sie garantiert alles schneiden können, angedreht werden soll. Werbe-TV einfach als die modernere Form des billigen Jakobs. Wie ein Marktschreier tritt Jesus hier auf: Wenn jemand Durst hat, komme er zu mir und trinke!
Und solche Marktschreier gibt es ja nicht nur für Konsumgüter, für handfeste Produkte, sondern auch für religiöse, für geistige Produkte. Ob diese dann auch geistlich sind, ist eine andere Frage. Der Markt für Heilsangebote ist jedenfalls riesig. Jesu Ruf ergeht also nicht alleine, auch wenn er einzigartig ist und im Unterschied zu vielen — gratis. Er ist zunächst einmal nur einer unter vielen. Das ist die Not, in der sich jeder Prediger wiederfindet, der die Christus-Wahrheit ausrichtet. Und das ist auch die Not jedes Predigt-Hörers, an den diese Einladung Jesu ergeht. Warum sollen wir gerade dieser Einladung Folge leisten? Was zeichnet sie aus gegenüber anderen Einladungen? Woran lässt sich erkennen, dass hier nicht nur ein billiger Jakob die Stimme erhebt, sondern der wahre Jakob, der Heiland der Welt?
Aus dieser Not lässt sich nicht leicht eine Tugend machen. Ja, aus dieser Not lässt sich überhaupt keine Tugend machen. Auf die Frage, warum gerade er, lässt sich keine allen einleuchtende Antwort geben. Auf die Frage, warum gerade er, kann man nur mit dem Bekenntnis des Glaubens antworten: Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe Gottes zu uns, die in Jesus Christus offenbar ist. Den Wahrheits-Anspruch dieses Jesu-Wortes, den hören zwar alle heraus, aber den Wahrheits-Gehalt dieser Worte erschliesst sich nur jenen, die an diesen Christus glauben. Nun sind wir ganz unverhofft bereits bei der eigentlichen Mitte dieser Worte angelangt und damit auch bei einem zentralen Thema des Johannes-evangeliums überhaupt. Der Glaube an diesen Jesus aus Nazareth ist keine Wirklichkeit, die wir aus uns selber heraus setzen oder bewerkstelligen könnten. Der Glaube an diesen Jesus ist das Werk des Geistes an uns. Der Heilige Geist ist der Schmied unseres Glaubens. Der Hammer sein Beistand und der Amboss Gottes Wort. Irgendwo dazwischen wird unser Glaube geformt. Diese christliche Wahrheit werden wir in einer Woche am Pfingstfest gebührend feiern. Der heutige, letzte Sonntag vor diesem Fest, will uns darauf vorbereiten. Er steht ganz im Zeichen von Pfingsten, im Wissen darum, dass letztlich jeder Sonntag, unser ganzes Christenleben, von dieser Wahrheit durchdrungen ist: Zum Glauben findet keiner aus eigener Kraft. Die Kraft des Geistes lässt uns auf dem Angesicht Christi die Herrlichkeit Gottes schauen. Oder um es mit einem Christus-Wort aus dem Johannesevangelium zu sagen: Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat.
Und nun wenden sie diese Wahrheit einmal auf die Tatsache leerer Kirchenbänke an. Sie werden schnell — "gleitig" wie der Berner sagt — zu einer anderen Einschätzung finden als der gängigen. Nicht in erster Linie Modernität ist in der Gemeinde gefragt, sondern das Bitten um den Geist Gottes und das geduldige Warten auf seine Wirkmacht.
Erst der Glaube vermag also den Ruf Jesu als einen besonderen, einen einzigartigen Ruf zu qualifizieren. Ohne Glauben ist dies nur ein Ruf unter vielen Rufen und Jesus nicht mehr als ein Marktschreier unter vielen Marktschreiern. Wir stehen hier vor einer Mauer, die wir nicht selber überspringen können. Aber mit unserem Gott, können wir auch diese Mauer überspringen. Mit meinem Gott kann ich Mauern überspringen, jubelt der Psalmist. Die Mauer meines Unglaubens nicht weniger als die Mauer, die wir aufrichten beim Versuch, unseren Durst nach Leben aus eigenen Quellen zu speisen. Denn das verstehen wir leicht, dass unser Leben immer ein durstiges Leben ist. Ein Leben, das in mancherlei Hinsicht ein abhängiges Leben ist, ein vielleicht ausgefülltes, aber dann doch auch ein unerfülltes Leben ist. Und wohl keiner ist so naiv, beim Stichwort Durst bloss an leiblichen Durst zu denken. Bei dieser Alltagserfahrung knüpft Jesu Wort zwar an, bei etwas sehr Gewohntem, etwas Bekanntem, aber es bleibt dabei nicht stehen, sondern nimmt uns mit zu etwas Unbekanntem, auch etwas Fremden, und lässt uns so Neues entdecken. Das Evangelium stimmt doch nicht das alte Lied an, nein, es stimmt der Welt ein neues Lied an.
Das Neue das hier auf den Plan tritt ist das Evangelium selber. Der gute Bescheid, dass dieser Christus unseren Durst noch ganz anders zu stillen vermag als bloss durch die Erfüllung unserer Wünsche, die in der Regel, kaum sind sie erfüllt, neue Begehrlichkeiten zeitigen. Hier ist uns verheissen, dass unser Durst nach Leben abschliessend und dann auch endgültig erfüllt werden kann und erfüllt wird. Da wird uns gerade nicht gesagt, überlegt euch einmal, wie ihr euren Durst stillen könnt, sondern hier wird uns zugerufen: Kommt zu mir, hört auf mein Wort und ihr werdet ein Leben entdecken, das weit über das hinaus geht, was ihr in eurem Alltag mit Leben umschreibt. Kommt zu mir und ich werde euch sterblichen Menschen eine ewige Verheissung in Aussicht stellen, die grenzenlos ist, so grenzenlos wie nur Gottes Gnade grenzenlos ist. Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke! Der Durst steht hier also nicht schwergewichtig für unsere Sehnsüchte, unsere Wünsche und Begehrlichkeiten, er steht doch vielmehr als Bild-Wort, als Metapher, für unsere Lebens-Wirklichkeit. Wie Dürstende auf das lebensspendende Wasser angewiesen sind, so sind Menschen auf Gottes Gnade angewiesen. Das ist die tragende Wirklichkeit, aus der wir leben.
Jesu Einladung ist also zugleich auch ein richtendes Urteil über alle — und seien es auch noch so fromm kostümierte — Fluchtversuche des Menschen, der nicht eingestehen kann und will, dass er im Letzten seines Lebens ein Verschmachtender, ein durstiger, abhängiger Mensch ist.
Dieses Wort richtet sich letztendlich gegen alles, was uns im Wahn bestätigen könnte, wir hätte unser Leben aus eigener Kraft im Griff. Und es bewahrt uns auch davor, die Kirche bloss als Lebenshilfe für alle möglichen Bedürfnisse von Menschen anzubieten. Anbiederung ist noch lange nicht Hilfe. Als wäre die Kirche einfach ein Hans Dampf in allen Gassen, die mit Patentrezepten Antworten auf sämtliche Sorgen und Nöte der Menschen hat. Jesus kennt zwar die Sorgen und Nöte von uns Menschen. Er war ja selber ein Mensch, wie sollte er sie da nicht kennen? Aber er bietet für deren Lösung nicht die Möglichkeiten dieser Welt an, sondern die Möglichkeit sie von Gott her und auf Gott hin gelöst zu bekommen. Wo Gott selber unsere Sorgen und Nöte löst, da erlöst er uns.
Das Wort eines Kardinals könnte uns da weiterhelfen. "Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sie feiert Geheimnisse". Carlo Kardinal von Martini Und das Geheimnis, das in unserem Jesu Wort zur Sprache kommt, ist Jesus selber. Es ist das Geheimnis, dass dieser Jesus sich um unseretwillen erniedrigte, damit wir bei ihm unseren Durst stillen, durch ihn zum Glauben an den gnädigen Gott finden könnten. Das ist das Geheimnis in allen und hinter allen Geheimnissen und dann auch das Wunder in allen und hinter allen Wundern, welche die Kirche feiern darf, sei es in der Taufe, sei es im Abendmahl, sei es im Wort der Predigt: Jesus lebt als der Auferstandene. Er lebt als der lebendige Quell Gottes, der nicht versiegt, bis dass der hinterste und letzte aus ihr getrunken hat.
Und wer aus dieser Quelle trinkt, dem wird — so widersprüchlich das jetzt auch klingen mag — sein eigener Durst erst richtig bewusst werden. Es wird dann allerdings nicht mehr ein Durst sein, wie ihn diese vergängliche Welt hervorbringt, sondern ein Durst wie ihn nur jene kennen, die auf die ungebrochene und dereinst für alle Welt sichtbare Herrlichkeit Jesu hoffen und diese auch erwarten. Gerade an dem, was uns Jesus als Gottes Verheissung nahe bringt, wird deutlich, was uns eigentlich fehlt. Oder anders gesagt: Nicht im Blick auf die Welt erkennen wir, wie gross unser Durst ist und wie schwer wir ihn selber stillen können, sondern im Hören auf das Evangelium.
Was wir eingangs gesagt haben, dass nämlich nur der Glaube mit diesen Worten geschickt umzugehen weiss, bestätigt sich hier erneut. Wo Gott uns nicht an seine Quelle führt, da schöpfen wir aus trüben Wassern. Oder etwas salopp ausgedrückt, es verhält sich ähnlich wie mit dem Werbeslogan einer Brauerei: "Durst wird durch unser Bier erst schön." Erst durch Gottes Wort erkennen wir unseren wahren Durst. Ohne sein Wort erkennen wir nur unsere Sehnsüchte und Wünsche. Die zu stillen ist nicht Gottes Aufgabe. Seine Ehre ist eine andere.
Auf ihr Dürstenden alle, kommt zum Wasser; und die ihr kein Brot habt, kommt! Kauft Korn ohne Geld und esst, ohne Kaufpreis Wein und Milch! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, so wird eure Seele leben. Das ruft der lebendige Gott durch den Propheten seinem Volk zu. Dieser Ruf ergeht in Jesus nicht nur an das jüdisch Volk, sondern an alle Menschen, an das neue Volk, das sich einem Neuen Bund verdankt, dem Bund in Christi Blut. Wer sich in diesen Bund aufgenommen weiss, das heisst, wer an Christus Jesus als dem Heiland der Welt glauben darf, aus dem werden Ströme lebendigen Wassers fliessen. Nicht etwa, weil er dadurch selber ein kleiner Christus geworden wäre, sondern weil er am Quell des Lebens sitzt, aus dem er umsonst trinken und schöpfen darf.
Für den, der glaubt, gilt das. Ob der überhaupt etwas davon merkt? Und nicht vielmehr die anderen. Jene, die mit Christenmenschen zusammenkommen und die es dann und wann spüren, was für eine Wohltat es ist, wenn da ein paar sind, die aus einem für Menschen unerklärlichen Grunde den Humor nicht verlieren, wenn alle die Köpfe hängen lassen, die Geduld behalten, wenn alle nervös werden, die Liebe nicht aufgeben, wenn andere bittere Klagen gegen Mitmenschen und Verhältnisse ausstossen? Ein kleine Gemeinde vielleicht, der man anmerkt, dass sie etwas von Vergebung weiss, weil sie beharrlich und geduldig daran festhält, dass Gottes Gnade höher geht als alles menschliche Denken und Trachten zusammengezählt. nach Stoevesandt
Eine Gemeinde und also Glieder in ihr, die von Gottes Geist geleitet und nicht von den Erwartungen der Zeit gedrängt, ihre Lebenskraft und ihre Lebensverheissung aus dem wahren und einzigen Quell des Lebens schöpft, dem Evangelium von Jesus dem Christus, der da kam Sünder gerecht zu machen und der da kommen wird in Herrlichkeit — sichtbar und abschliessend, wie der Dichter sagt: "in allerneuernder Klarheit". Amen.

Himmlischer Vater!
Du bist der Quell des Lebens, in deinem Lichte schauen wir das Licht. Wir sehen nicht klar und wir sehen auch nicht deutlich, wenn du es nicht hell machst in unseren Gedanken, in unserem Glauben, in unserem ganzen Leben. Wir meinen vielleicht klar und deutlich zu erkennen, aber was wir meinen, ist noch lange nicht das, was du mit uns vorhast. Nicht unsere Meinung zählt, sondern deine Wahrheit. Und die lass uns stets von neuem erkennen und uns in ihr auch üben durch dein Evangelium.
Herr Jesus Christus!
Du bist zu uns gekommen, auf dass wir zu dir und also zum Vater kämen. Dafür danken wir dir und loben dich als unseren Heiland, in dessen Namen unsere Sorgen und Ängste, unser Durst eben, einen Ort haben, wo sie nicht nur benannt, sondern auch überwunden werden können. Sei du unser Führer, damit uns niemand und nichts verführen kann. Du Brunn allen Heils, dich ehren wir und öffnen unseren Mund vor dir — mit unseren Bitten. Wir bitten dich um Frieden, um echten Frieden zwischen den Völkern, ein Friede, der im Recht wurzelt und nicht in Unterdrückung. Es gibt sicher keinen gerechten Krieg, aber es gibt ein Kampf für das Recht, für das Recht der Schwachen und das Recht der Opfer, der immer auch ein Streit um die Wahrheit ist. Dieser Kampf beginnt erst dann, wenn die Waffen schweigen. In diesem Kampf lass uns nicht Müde werden. Den lass uns mit deinen Waffen führen — der Vergebung, dem beharrlichen Mühen um Gerechtigkeit und Versöhnung.
Gott, Heiliger Geist!
Ohne dich läuft die Christenheit aus dem Ruder. Ohne dich ist jede Kirche nur ein träger Haufen, der nichts in Bewegung setzt, was dem Leben dienlich ist. Wir bitten dich sehr, erwähle und erwecke dir Menschen in den vielzähligen und vielgestaltigen Christen-Gemeinden dieser Welt, die, von dir geleitet und von dir beflügelt, neu anfangen aus der Kraft und der Verheissung des Evangeliums zu leben. Wir bitten dich darum für die Kinder dieser Erde, für die Zukunft dieses einzigartigen Planeten weit und breit. Amen.

Interlaken, im Frühling 1999