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Samstagnachmittag, Frankfurt am Main, Deutschland. In der Innenstadt der Finanz- Metropole, der zahlreichen Wolkenkratzer wegen auch "Mainhatten" genannt, herrscht dichtes Gedränge. Die Fussgängerzone gleicht einem Ameisenhaufen. Für Menschen mit Platzangst die Vorhölle. Ein riesiger Jahrmarkt der Eitelkeiten. Zahlreiche Strassenkünstler und Aktivisten buhlen um die Gunst der Passanten.
Junge Boys, muss man heute so sagen, will man adäquat beschreiben, spielen ihre Bongo-Trommeln. Der Rhythmus ist berauschend und geht durch Mark und Bein. Begeistert bewegen sich weisse Teenager-Hüften zum Trommel-Sound der talentierten schwarzen Jungmusiker. Hundert Meter weiter installiert sich eine Gruppe Südamerikaner. Panflöten, Gitarren, Tamburin, das übliche. Schweres Geschütz wird aufgefahren, damit man auch ja gesehen und gehört wird — riesige Lautsprecher-Kübel, dazu tragen die Musiker kitschige Indianer-Kostüme aus alten Spaghetti-Western. Seelenloser Kommerz.
Schräg gegenüber steht ein Lama — seelenruhig. Ist es so ruhig oder hat man es beruhigt? Ob es wohl nächstens einen Passanten anspuckt? Daneben ein Clown mit einer Sammelbüchse für irgend einen namenlosen Zirkus. Keine zehn Schritte davon entfernt eine andere Art von Clown. Ein Mann schreit sich beinahe die Seele aus dem Leib, fuchtelt dazu mit einer Bibel herum und kreischt, predigen kann man das nicht mehr nennen, auf Englisch irgendetwas von Mammon, Bekehren und Heiligem Geist. Die meisten Passanten gehen achtlos an ihm vorbei. Seine Kumpane, andere sagen seine Brüder, stehen im Hintergrund, als wären sie selber nicht so richtig überzeugt von dem, was hier abläuft. Ein Rufer in der Wüste oder nur ein Schreihals in der Menge? Dem Inhalt seiner Botschaft nach geurteilt eher letzteres. Und immer wieder erklingt das Wort spirit, spirit — Geist, Geist.
Ortswechsel. Ich habe Frau X am Telefon. Sie ist zuständig für die Eröffnung der neuen Ferienresidenz an Interlakens Parademeile. Für eine würdige Eröffnungsfeier fehle ihr noch der richtige "Spirit". Ob ich wüsste, was sie meine und ob ich bereit wäre, das neue Gästehaus zu segnen? Ich weise höflich aber bestimmt darauf hin, dass ich ein reformierter Pfarrer sei und weder mit Weihwasser noch mit Weihwedel viel anzufangen wisse. Sie bleibt hartnäckig und spielt die zackige Managerin. Ihr fehle einfach noch dieser "Spirit", ich sei doch als Pfarrer dafür zuständig. Ein flaues Gefühl in der Magengrube signalisiert mir, dass hier fundamentale Unkenntnis gepaart mit zeitgenössischer Beliebigkeit Ringelreihe tanzen. Ich verspreche, mich mit meinem katholischen Kollegen zu beraten und mich dann wieder zu melden. "Gelobt sei die Ökumene!", denke ich und hänge den Hörer auf.
Szenenwechsel. Spät am Abend in einem Garten etwas ausserhalb von Jerusalem. Die Stimmung ist gedrückt. Ein letztes mal haben der Rabbi und seine Jünger miteinander gegessen. Ein Henkersmahl. Obwohl der Meister Gutes verheisst, ahnen die Jünger Schreckliches. Ruhe vor dem Sturm. Der Abschied fällt schwer. Ist des Rabbis Werdegang ein wirklich nötiger Opfergang? Muss das sein? Es muss sein. Die Jünger verstehen mehr schlecht als recht. Da verspricht er ihnen Hilfe in ihrer Verstehensnot. Der Heilige Geist [ ] wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Diese Hilfe wird die Jünger vor der Verzweiflung bewahren. Dieser himmlische Anwalt wird sie raus hauen und sie befreien aus dem Kerker ihrer Zweifel.
Liebe Gemeinde! Geht es ihnen ähnlich wie den Jüngern? Vermissen sie Jesus? Stossen sie sich daran, dass Arme immer noch ärmer und Reiche immer noch reicher werden? Sehnen sie sich nach der Wiederkunft Christi? Möchten sie ihn endlich umarmen können? Blutet ihr Herz, wenn sie sehen, wie der Starke den Schwachen würgt? Macht es ihnen zu schaffen, dass die Welt halt doch nicht so "wonderful" ist, auch wenn Louis Armstrong mit rauchiger Stimme so schön davon singt? Ist es ihnen ein Dorn im Auge, wenn man das Unrecht auf den Sockel hievt und das Recht auf die Müllhalde kippt? Haben sie genug von infantilem Jesuskitsch? Sehnen sie sich nach Erlösung? Hören sie das Seufzen der Kreatur? Leiden sie Höllenqualen, weil der Messias so lange auf sich warten lässt? Schreien (nicht gemütlich singen) sie manchmal verzweifelt: Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein!?
Falls sie alle diese Fragen mit Nein beantworten können, dann ist für sie hier Endstation. Bitte, scheuen sie sich nicht aufzustehen, gehen sie ein bisschen spazieren. Es ist passables Wetter draussen. Kommen sie so in etwa einer halben Stunde wieder und nehmen sie dann noch ein Stück von der Segens-Torte mit nach Hause. — — Für alle anderen aber, die mindestens eine dieser Fragen innerlich mit Ja beantworteten, für die habe ich etwas mitgebracht. Ich habe es nicht selber zubereitet. Es ist uns geschenkt. Ein Wort unseres Herrn und Heilands, das die Kirche durch die Jahrhunderte bewahrt und das der heilige Geist höchstpersönlich am Leben erhalten hat, damit es uns jetzt, hier und heute an diesem Pfingstfest beglücken kann.

Wenn mich jemand liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht meines, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Dies habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch geblieben bin. Der Fürsprecher aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! Joh 14, 23-27

Liebe Gemeinde! Der Heilige Geist ist weder ein marktschreierischer Bekehrungsfanatiker noch der Lückenbüsser einer liederlichen Alltagslogik. Der Heilige Geist ist mehr als ein Geist aus der Flasche, nicht nur dann zur Stelle, wenn es uns gerade in den Kram passt, sondern vor allem dann, wenn es ihm behagt. Er ist der Anwalt, der Fürsprecher der Gegenwart Christi auf Erden. Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Das lernen wir aus diesen Worten des Johannes. Wo immer der Auferstandene lebendig wird, da war der Heilige Geist am Werk. Er geht leise zur Sache, hinterlässt aber deutlich sichtbare Spuren. An seinen Früchten erkennen wir ihn.
Der Heilige Geist ist die Antwort Gottes auf die Betrübtheit derer, die den Heiland vermissen. Er ist die wundersame Kraft der Vergegenwärtigung Jesu. Er bringt zur Sprache, was die Geschichte verschweigen würde. Der Pontifex, der Brückenbauer, zwischen Himmel und Erde, zwischen Jesu Geschichte damals und unserer Geschichte heute. Der Tröster, wie Luther genial übersetzt hat, inmitten der Trostlosigkeit. Will von Gott Vater und Sohn unterschieden, aber dennoch nicht von ihnen getrennt sein. Und obwohl er von aussen her an uns herantritt, verändert und erneuert er Menschen von innen heraus. Er schafft Glauben, indem er die Erinnerung an Jesus wachhält. Er ist der Keilriemen der Hoffnung. Und Hoffnung ist ein starker Motor.
Wenn mich jemand liebt, sagt Jesus, dann wird er mein Wort halten. Das Wort halten, meint beim Evangelisten Johannes dasselbe wie an Christus glauben. Denn das fleischgewordene Wort ist Christus selber. Glauben heisst Wort halten. Wortbruch ist Unglaube. Wer sich an Christus hält, wer Jesus im Gedächtnis behält, kurz: wer an Jesus Christus glaubt, dem ist etwas ganz Grossartiges verheissen: Der himmlische Vater erwidert seine Liebe.
Wenn wir jemanden lieben, dann möchten wir auch mit ihm zusammenziehen und mit ihm leben, alles mit ihm teilen und nie mehr ohne den Geliebten sein. Genau das verspricht uns Christus. Wenn mich jemand liebt, [ ] wird mein Vater ihn auch lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer an Jesus Christus glaubt, teilt mit Gott Tisch und Bett.
Die Wirkungskraft des Heiligen Geistes ist deshalb untrennbar mit der Geschichte Jesu von Nazareth verbunden. Seine ureigenste Aufgabe ist es, an den Heiland zu erinnern. Er ist der Fürsprecher, der Anwalt im Kampf gegen die Gottvergessenheit, die sich gerne auch im Tarngewand scheinheiliger Gottbesessenheit verbirgt. Es ist sein Verdienst, dass die Geschichte Jesu nicht in Vergessenheit gerät, sondern weiterlebt. Wo immer sich eine Christen-Gemeinde an diese Geschichte erinnert und ihre eigene Geschichte darin aufgehoben weiss, da ereignet sich Pfingsten, da hinterlässt Gottes Geist seine Spuren im Sand der Weltgeschichte. Jetzt ist der Geist am Werk, wenn wir beisammen sitzen und uns an Jesu Worte und an seine Geschichte erinnern. Und nichts und niemand kann das umkehren. Keine Weltmacht und kein Weltuntergang vermag uns zu trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Der Schöpfer Geist hält Gottes Schöpfung zusammen.
Ist der Boden allererst einmal so bereitet, dann setzt der Heiland persönlich den zarten Setzling des Friedens. Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! Kein Grund zur Furcht — auch wenn die Kirche ins Exil muss. Gott geht mit. Kein Grund für Verzagtheit — Gottes Geist kommt nicht in die Jahre wie wir. Er ist noch frisch und lebendig wie am ersten Tag. Nur keine Panik — man stirbt nicht gleich, wenn man die fetten Fleischtöpfe verlassen muss, dafür wird man ranker und schlanker und kann all den Ballast abwerfen, den man sich angefressen hat.
Besseres und Grösseres ist uns doch verheissen. Meinen Frieden gebe ich euch. sagt Christus. Nicht jenen Frieden, den Politiker in zähen Verhandlungen aussitzen, oft mit grossen Summen erkaufen und medienwirksam verkaufen, nein, sein Friede ist uns gegeben, jener Friede, der gerade ausserhalb unserer Möglichkeiten und Unmöglichkeiten liegt, eben deshalb aber so ungemein friedvoll ist. Sein Friede wartet auf uns inmitten all des Unfriedens um uns herum und in uns drin. Der Friede Gottes, der eben höher ist als alle Vernunft, nicht der vernünftige Weltfriede.
Für diesen ganz anderen Frieden Zeugnis abzulegen, dazu ist eine Christengemeinde gerufen. Klingt viel harmloser als es in Wirklichkeit ist. Wer andern den Spiegel vorhält, schafft sich nicht nur Freunde. Das Hässliche mag sich selber nicht sehen. Aber eines Christen Herz muss darüber nicht erschrecken. Wir sind nicht allein und schon gar nicht einsam. In der Kraft des Heiligen Geistes ist der Sohn gegenwärtig. Und wo Er ist, da ist auch der himmlische Vater nicht weit.
Lasst uns so mutig wie der Mann in Frankfurt auftreten und so unverfroren wie die kecke Managerin! Aber lasst es uns um Gottes Willen besser machen! Amen.

Interlaken, im Juni 2003