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Da tat Petrus seinen Mund auf und sprach: [ ] "ER HAT SEIN WORT DEN SÖHNEN ISRAELS GESANDT, UM FRIEDEN ZU VERKÜNDIGEN durch Jesus Christus, der aller Menschen Herr ist. Ihr wisst, was sich in ganz Judäa ereignet hat, angefangen von Galiläa nach der Taufpredigt des Johannes: Die Geschichte Jesu von Nazareth, wie GOTT IHN GESALBT HAT MIT HEILIGEM GEIST und Gotteskraft. Und er ist umhergezogen, hat Gutes getan und alle geheilt, die der Teufel in seiner Gewalt hatte; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er im Lande der Juden und in Jerusalem getan hat. Doch sie haben ihn umgebracht und ans Holz gehängt. Gott aber hat ihn auferweckt am dritten Tage und ihn sichtbar erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, aber uns, den Zeugen, die von Gott zuvor dazu ausersehen worden sind: Wir haben nach seiner Auferstehung mit ihm gegessen und getrunken. Und er hat uns befohlen, dem Volk zu verkündigen und zu bezeugen, dass er dieser Mann ist, den Gott zum Richter bestellt hat über Lebende und Tote. Alle Propheten zeugen für ihn: Wer immer an ihn glaubt, soll kraft seines Namens Vergebung der Sünden empfangen." Apg 10, 34-43 (Wilckens)

Kurz und bündig ist diese Predigt des Petrus, liebe Gemeinde. Eine Predigt, die Petrus kaum wirklich selber gehalten hat. Der Evangelist Lukas hat sie ihm in den Mund gelegt. Lukas ein Ghostwriter der besonderen Art. Ein Ghostwriter, wörtlich ein Geisterschreiber, ist ein Autor, der für andere Personen schreibt, meistens für Prominente — Politiker, Schauspieler u. a. Nur dass Lukas in der Kraft des Heiligen Geistes schreibt. Wer mit seiner Theologie ein wenig vertraut ist, der wird diese in unserer Petrus-Predigt spielend wiederentdecken. Sie ist also eine Art Kurzfassung des Lukasevangeliums. Kurz und bündig bringt Lukas, bzw. Petrus hier auf den Punkt, worum genau es im christlichen Glauben geht.
Kurz und bündig — das ist gut. Wir schätzen es in aller Regel, wenn einer sich kurz halten kann und seine Sache gebündelt vorträgt. Schliesslich sind wir Kinder einer schnellebigen Zeit mit grossem Sortiment. Mit dem erstbesten müssen wir uns nicht zufrieden geben. Wir kennen die süsse Qual der Wahl und unsere Nachfrage übersteigt selten das Angebot. Wer also etwas von uns will, der soll sich gefälligst kurz halten, damit es nicht langweilig wird, sondern unterhaltsam bleibt. Sonst zappen oder surfen wir einfach weiter.
Da müsste uns Petrus, bzw. Lukas eigentlich ganz gelegen kommen. Das ist nämlich keine zweistündige Predigt eines Talent amputierten Neurotikers, der noch nicht kapiert hat, dass die Würze in der Kürze liegt. Auch an Bibelworten kann man sich überfressen. Das soll kein Seitenhieb gegen jene sein, die Gottes Wort wie das täglich Brot nötig haben, und es ist auch keine Entschuldigung für jene, welche ihre Gottesdienstbesuche in den letzten 10 Jahren an ihren 10 Fingern abzählen können, sondern dahinter steht die simple und doch immer wieder verdrängte Einsicht, dass Quantität noch lange nicht für Qualität bürgt. Wer lang wird, wird deshalb nicht zwingend besser.
Petrus hält sich kurz. Seine Predigt ist summarisch. Im Jargon der Moderne: "Reduce to the max", sinngemäss übersetzt: Reduziere bis zum Maximum. Das englische Brüderlein unseres "Weniger ist mehr." Also: Das Evangelium Jesu Christi als lukanisches Konzentrat. Kein Wort zuviel, keines zuwenig. Das Wesentliche vom Wesentlichen. Notproviant und Rucksackwissen für Christen und solche, die es noch werden wollen. Eine Predigt auf der Schwelle zum Bekenntnis.
Er hat sein Wort den Söhnen Israels gesandt, um Frieden zu verkündigen durch Jesus Christus, der aller Menschen Herr ist. Am Anfang dieser Predigt steht der, welcher immer am Anfang steht — ER. Gott der Allmächtige, der Gnädige, der Himmlische und Ewige. ER meldet sich in Jesus Christus zu Wort. Nein, dieser Jesus ist nicht bloss ein guter Mensch, ein glänzendes Vorbild, ein moralischer Leuchtturm. In ihm ist, wie Johannes sagt, das Wort Gottes Fleisch geworden. Er ist ein Geheimnis, ein Mysterium, ein gnädiger Widerspruch, Mensch und Gott zugleich, göttlicher Mensch, menschlicher Gott in einem. Um das Mysterium seiner Person und seines Lebens kreist christlicher Glaube, so wie die Erde um die Sonne kreist — Jahr für Jahr.
"Ja, ich glaube schon an so etwas wie eine höhere Macht." Oder mit Blick in den Himmel: "Kann mir schon vorstellen, dass es da draussen noch etwas anderes gibt." Solche Sätze machen noch keinen Christenmenschen. Das sind pseudo-religiöse Allerwelts-Sätze, die kriegen sie an jeder Strassenecke zu hören. Christlicher Glaube klingt im Kern entschieden anders: In Jesus von Nazareth ist der Lebendige selber erschienen. In IHM ist Gottes Gnade greifbar geworden. Heil und Heilung haben Gestalt angenommen. Eine Hoffnung mit Händen und Füssen.
Ihr wisst, was sich in ganz Judäa ereignet hat, angefangen von Galiläa nach der Taufpredigt des Johannes: Die Geschichte Jesu von Nazareth. Petrus nimmt sein Publikum ernst. Er spricht seine Zuhörer nicht wie Vollidioten an, sondern wie Wissende und Eingeweihte. Ist es Arroganz oder eigene Unbedarftheit oder die schlimmste Giftmischung beides zusammen, wenn Prediger und Predigerinnen ihr Publikum infantilisieren? Darf oder soll eine Predigt nicht mehr sein als eine Unterstufen-Lektion? Nicht jeder verwechselt ökumenisch mit ökonomisch und nicht alle meinen, Palästina haben etwas mit Palästen zu tun.
Wollt ihr frisches Brot oder nur trockene Krümel? "Ich muss es in einfachen Worten sagen, sonst versteht es meine Gemeinde nicht." Was, wie bitte? Meine Gemeinde?! Wem gehört die Gemeinde? Doch Christus Jesus und sonst keinem — oder!? Und als wäre der Überheblichkeit im Schafspelz der Fürsorge noch nicht genug, wird dann auch noch gern Luther bemüht: Man müsse doch den Leuten nach dem Maul predigen. Wie oft hat der Gute sich wohl schon im Grab gedreht!? Seine Predigten waren und sind alles andere als infantil. Überzeugen sie sich selber unter www.luther.enet.de.
Ihr wisst die Geschichte von Jesus Nazareth, wie er geboren wurde als Sohn eines Zimmermanns, wie er umhergezogen ist, Gutes getan hat und alle geheilt hat, die der Teufel in seiner Gewalt hatte; denn Gott war mit ihm. Ihr wisst das. Wir müssen hier nicht lange um den Brei herum reden und gestützt auf irgendwelche hirnrissigen Theorien Geschichtlein erfinden von Fluxi und Flaxi. Dieser Jesus von Nazareth war ein Menschenfreund und hat im Namen Gottes nur Gutes getan. Dafür gibt es Zeugen — biblische Zeugen, aber auch ausserbiblische Zeugen. Dieser Nazarener hat wirklich gelebt, der war keine Fatamorgana.
Doch sie haben ihn umgebracht und ans Holz gehängt. Traurig aber wahr. Schuldlos und doch schuldig gesprochen. Ein kleiner Bauer nur auf dem Schachbrett der Geschichte. Ein Jude von Juden verraten, von Römern gekreuzigt, von seinen Jüngern verlassen, von seinen Jüngerinnen beweint. Im Namen des Gesetzes getötet, damit Recht und Ordnung herrsche. Ein Ohnmächtiger ausgeliefert an die Mächtigen. Eigentlich lammfromm und doch geopfert. Ein Opferlamm eben. Das Opferlamm für eine ganze Welt.
Aber Gott hat ihn auferweckt am dritten Tage. Dieses Aber macht aus einer gewöhnlichen Geschichte Welt-Geschichte. Dieses Aber macht Jesus zum Christus, den Nazarener zum Herrn. Gott aber hat ihn auferweckt. Die Welt schrie: Weg mit ihm! Aber Gott sprach: Her mit ihm! Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen. Und dieses Aber, liebe Gemeinde, verwandelt einen x-beliebigen Firlefanz-Glauben in Christus-Glauben. Dort, wo Gott sein Aber spricht, da bleibt kein Stein auf dem andern, da rollen selbst Grabsteine zur Seite.
Das Kirchenjahr steht noch ganz im Zeichen des Osterfestes. Und auch dieser Text will uns helfen, den Kern christlichen Glaubens offenzulegen, dass nämlich der Auferstandene selber Menschen zu Zeugen seiner Herrlichkeit macht. Er ist der Ghost, der den Lukas zum Writer machte. Er machte den Petrus zum Apostel und den Lukas zum Evangelisten und uns zu Erlösten. Ohne ihn geht gar nichts. Eine christliche Kirche ohne Christus, das ist wie ein Baum ohne Stamm, ein Witz ohne Pointe, eine Braut ohne Bräutigam. Da kann man doch nicht einfach Larifari verkünden und sich den Nabel reiben, bis er glüht! Da muss eben gesagt werden: Wer immer an ihn glaubt, soll kraft seines Namens Vergebung der Sünden empfangen.
Er bringt auch dein Leben wieder in Ordnung, wenn es durcheinander geraten ist. Er schreitet die Wege nicht nur gemeinsam mit dir ab, er gibt ihnen auch ein Ziel vor und bringt dich höchstpersönlich dahin. Er rüstet und er richtet dich aus. Und wenn du am Ende bist, dann fängt er noch einmal neu mit dir an. Er ist jener, den Gott zum Richter bestellt hat über Lebende und Tote, nicht als Zugrunderichter und nicht als Vernichter, sondern als der, welcher in grosser Barmherzigkeit Menschen zurichtet und herrichtet für Gottes Friedensreich.
Ihr wisst, was gemeint ist, liebe Gemeinde. Als Friedensrichter und nicht als Scharfrichter hat Gott ihn bestellt, und zwar über Lebende und Tote. Er sprengt die Grenzen des Herkömmlichen und lässt das Erklärbare hinter sich. Aber er lebt. Petrus hat’s erfahren. Lukas hat’s erfahren. Und viele nach ihnen. Ich darf mich auch dazuzählen. Ich weiss, dass mein Erlöser lebt und dass sein Wort das Mass aller Dinge ist. Ihm zu gehorchen, ist wahre Freiheit, ihm zu dienen, ist lauter Freude, ihn zu hören, ist eine Wohltat und an ihn zu glauben, gibt dem Leben Sinn und Gewissheit. Amen.

Interlaken, April 2003