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Um jene Zeit liess der König Herodes einige aus der Gemeinde verhaften und misshandeln. Jakobus, den Bruder des Johannes, liess er mit dem Schwert hinrichten. Als er sah, dass es den Juden gefiel, liess er auch Petrus festnehmen. Das geschah in den Tagen der Ungesäuerten Brote. Er nahm ihn also fest und warf ihn ins Gefängnis. Die Bewachung übertrug er vier Abteilungen von je vier Soldaten. Er beabsichtigte, ihn nach dem Passafest dem Volk vorführen zu lassen. Petrus wurde also im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott. In der Nacht, ehe Herodes ihn vorführen lassen wollte, schlief Petrus, mit zwei Ketten gefesselt, zwischen zwei Soldaten; vor der Tür aber bewachten Posten den Kerker. Plötzlich trat ein Engel des Herrn ein, und ein helles Licht strahlte in den Raum. Er stiess Petrus in die Seite, weckte ihn und sagte: Schnell, steh auf! Da fielen die Ketten von seinen Händen. Der Engel aber sagte zu ihm: Gürte dich, und zieh deine Sandalen an! Er tat es. Und der Engel sagte zu ihm: Wirf deinen Mantel um, und folge mir! Dann ging er hinaus, und Petrus folgte ihm, ohne zu wissen, dass es Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah; es kam ihm vor, als habe er eine Vision. Sie gingen an der ersten und an der zweiten Wache vorbei und kamen an das eiserne Tor, das in die Stadt führt; es öffnete sich ihnen von selbst. Sie traten hinaus und gingen eine Gasse weit; und auf einmal verliess ihn der Engel. Da kam Petrus zu sich und sagte: Nun weiss ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich der Hand des Herodes entrissen hat. Apg 12, 1-11a

Liebe Gemeinde! Würde diese Geschichte kleinen Kindern erzählt, zum Beispiel in der Sonntagsschule, es bestünde kein Erklärungsbedarf. Kinder würden diese Geschichte so akzeptieren, wie sie ist. Auch eine solch wundersame Befreiung würde ihnen kaum Kopfzerbrechen bereiten. In Trickfilmen und Comics geschehen noch viel verrücktere Dinge, und niemand stösst sich daran. Ob Pokémon oder Engel — das sind nur graduelle Unterschiede. Bei uns Erwachsenen ist das anders. Wir sind skeptisch, wenn wir solche Geschichten hören. Wir fragen: Was soll diese Geschichte? Wir konstatieren: Das kann so doch nicht sein? Wir urteilen: Die Geschichte ist nicht wirklich wahr.
Aber was ist Wirklichkeit? Und was erst Wahrheit? Märchen sind auch nicht wirklich und doch sind sie wahr. Hat sich das damals wirklich so zugetragen und ist damit also diese Geschichte wahr? Oder hat es sich ganz anders zugetragen und ist deshalb diese Geschichte auch nicht wahr? Oder hat es sich am Ende zwar nicht genau so zugetragen, aber trotzdem ist diese Geschichte wahr? Die Fragen verraten uns. Erwachsene haben die Unschuld verloren. Wir können nicht mehr mit Kinderohren zuhören. Unsere sogenannte Wirklichkeit, unsere Alltagswelt, hat unsere Gutgläubigkeit zerschlagen. Wenn wir etwas bejahen können in dieser Erzählung, dann dies: Der König Herodes liess einige verhaften und misshandeln. Jakobus liess er mit dem Schwert hinrichten. Als er sah, dass er damit ankam, liess er auch den Petrus festnehmen.
Das können wir bejahen — nicht wahr, liebe Erwachsene? Das kennen wir aus unserem Alltag, aus unzähligen Nachrichten, damit decken uns die Röhre und die Leinwand zur Genüge ein, davon erzählen die klotzigen Romane und die schmierigen Illustrierten. Ja, wenn es etwas gibt, das wir ungehemmt übernehmen können, dann dies. Mit Licht umstrahlten Engeln, mit nächtlichen Wundern und inständig betenden Gemeinden können wir weniger anfangen. Da sind wir eher skeptisch. Das ist doch nicht wahr? Und warum ist es nicht wahr? Weil es nicht wirklich ist. Aber was ist Wirklichkeit? Und was ist Wahrheit?
Wir wollen uns hier nicht in komplizierte und komplexe philosophische Fragen versteigen, eine kleine Reminiszenz soll hier genügen. Von C. G. Jung, dem grossen Psychoanalytiker wird erzählt, dass er in Bezug auf die Objektivität von Wirklichkeit einmal gesagt haben soll — ich zitiere aus der Erinnerung: Wenn jemand den Mann im Mond sieht, dann ist das für den Betreffenden Realität, auch wenn wir den Mann im Mond nicht sehen.
Wir lernen daraus: Was uns hier in der Apostelgeschichte erzählt wird, ist noch lange nicht unwirklich, nur weil unsere Auffassung von Wirklichkeit damit nicht klar kommt. Im Gegenteil, diese Geschichte entlarvt unser Wirklichkeitsverständnis als eine äusserst beschränkte, um nicht zu sagen klägliche Grösse. In dieser Geschichte verbirgt sich mehr Wirklichkeit, als wir uns das vorstellen können. Ganz abgesehen davon, dass sie wahr ist, weil sie eben nicht mit uns, sondern mit Gott rechnet.
Am Ende der Geschichte heisst es: Da kam Petrus zu sich und sagte: Nun weiss ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt hat. Dass wir doch auch zu uns kämen beim Hören auf das Evangelium! Könnten wir doch im Glauben dieser Wirklichkeit teilhaftig werden, die hinter der Legende von Petri wundersamer Befreiung steht! Wäre es uns doch gegeben, zwischen menschlicher Einschätzung und göttlicher Möglichkeit endlich unterscheiden zu lernen! Das würde uns weiter bringen. Da käme Hoffnung auf. Und selbst Totes würde da lebendig.
Es gehört zum Grundbestand christlichen Glaubens, dass er davon ausgeht und davon lebt, dass Christus Jesus, nachdem er gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden ist. Der gekreuzigte Auferstandene ist Ursprung und Ziel unseres Glaubens. Dagegen nimmt sich die wundersame Befreiung des Petrus eigentlich ganz harmlos aus. Oder gibt es da nicht jene Geschichte von Lazarus, der tot war und den Jesus auferweckt hat? Oder die Speisung von 5000 mit fünf Broten und zwei Fischen? Oder die Heilung des Verkrüppelten am Teich Betesda? Alles Erzählungen aus dem Bannkreis Jesu, die nur eines wollen, die einen gemeinsamen Brennpunkt haben: Was unmöglich ist bei den Menschen, ist möglich bei Gott. Auch unsere Geschichte erzählt davon.
Es ist eine urchristliche Überzeugung, dass Gottes Macht und Kraft höher und tiefer geht als sämtliche menschlichen Anstrengungen auf einen Haufen geworfen. Am pointiertesten kommt diese Überzeugung — und sie dürfen dieses Wort ruhig ein bisschen auseinander nehmen: Über-Zeugung, etwas also, an das einer glaubt, von dem er Zeugnis ablegt, und zwar so, dass es über ihn kommt, ohne dass er sich dagegen wehren könnte, geschweige denn wollte — im Glauben an die Auferstehung Christi zum Ausdruck. Dort, wo Menschen von sich aus gesagt hatten: So jetzt ist er tot, begraben, aus und vorbei mit diesem Querkopf und angeblichen Messias, genau dort fing Gott noch einmal neu mit ihm an und schickte ihn in die Auferstehung. Genau dort, wo der von sich aus gar nichts mehr machen konnte, genau dort wurde er so mächtig, dass seine Kraft und sein Trost heute noch erfahren werden.
Von dem allem erzählt auch die Geschichte von Petri wundersamer Befreiung. Ja, das ist recht eigentlich ihr harter Kern und ihre Absicht: Gott kann und darf man mehr zutrauen als allen Menschen, die einem gut gesinnt sind, zusammengepackt, weil nämlich seine Möglichkeiten unsere Wirklichkeiten himmelhoch hinter sich lassen. Der macht Tote lebendig und Sünder gerecht, Mächtige macht er klein und armselig, aber Demütigen gibt er Gnade, Gefangene befreit er und den Opfern schafft er Recht. So in etwa der Tenor seiner Propheten.
Ziemlich hirnrissig, wird der eine oder die andere jetzt vielleicht denken. Und ich sage denen auf den Kopf zu: Sie haben recht. Ihre Alltagslogik wird hier auseinandergerissen und pulverisiert. Da bleibt kein Stein auf dem andern, wenn der Lebendige wahrhaftig und wirklich an sie herantritt. Schauen sie den Petrus an. Der hat keine Ahnung wie ihm geschieht. Wörtlich: Petrus folgte ihm, ohne zu wissen, dass es Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah. Petrus ausser sich und doch wohl behütet. Oder etliche werden immer noch sagen: Ist doch unwahrscheinlich diese Geschichte. Recht haben sie! Unwahrscheinlich befreiend und hoffnungsvoll, dass wir genau dann, wenn wir nichts mehr zu erhoffen und zu erwarten haben, dass genau dann einer da sein wird, der uns trägt. Das nenne ich ein Versprechen. — Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Das ist Schiller. Gott hilft dir auch dann noch, wenn du dir selber nicht mehr helfen kannst. Das ist Evangelium.
Jetzt haben also auch wir Erwachsenen einen Schlüssel zu dieser Geschichte. Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Das dürfen wir glauben. Aber damit wir nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und vor lauter Freude über den gefundenen Schlüssel übermütig werden, braucht falsches Kalkül den nötigen Dämpfer. Gott ist ein freier Gott. Wie frei er ist in seinem Ratschluss, das lehrt uns Lukas deutlich. Während Petrus gerettet wird, findet der Jünger Jakobus den Tod durch das Schwert. Rettung für den einen, Hinrichtung für den andern. Da ist kein Engel erschienen. Da gab es kein strahlendes Licht, da blitzte das Schwert auf und Nacht brach herein.
Machen wir uns also nichts vor, liebe Gemeinde, rücken wir die Dinge entsprechend der Schrift zurecht. So sehr wir daran glauben und darauf hoffen dürfen, dass Gott menschliche Not sieht und denen hilft, die seinen Namen anrufen, so sicher ist auch, dass wir die Resultate nicht zwingend in dieser Welt zu Gesicht bekommen. Die wundersame Erzählung von Petri Befreiung soll uns zuversichtlich machen, dass wir Gott mehr trauen als all unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Aber sie soll uns gleichzeitig auch die Grenze aufzeigen, die wir nicht überfliegen können.
Und es ist die starke Aussage unseres Textes, dass diese Grenze kein paktierender Herrscher, keine Kette und keine Wache ist, sondern allein Gott. Wer immer sich vertrauensvoll an Gott wendet, mit inständigen oder gar verzweifelten Bitten um Hilfe, der soll dies nie tun ohne auch die Bitte des Unservaters miteinzubeziehen: Dein Wille geschehe. Jesus hat es im Garten Getsemani vorgelebt. Wer so lebt und bittet, dem bleibt etliches an Enttäuschungen und frommen Missverständnissen erspart. —
Aber hat sich diese Geschichte jetzt wirklich so zugetragen? Wurde Petrus von einem Engel aus dem Gefängnis befreit? — Würden sie Gott mehr vertrauen, wenn es genau so gewesen wäre? Dann hätten sie noch nicht einmal den Kindergarten in Sachen christlicher Glaube besucht. Dann wären sie zwar äusserlich erwachsen, aber ihr Glaube steckte noch immer in Kinderschuhen. Entscheidend ist doch nicht die Frage, ob sich das wirklich so zugetragen hat. Entscheidend ist, ob sie die Wahrheit, die Christus-Wahrheit, in dieser und aus dieser Geschichte heraushören. Wenn sie die hören, dann wird kein geringerer in ihr Leben treten als der, welcher auch an Jakobus und Petrus und Lukas und die ganze Wolke der Zeugen herangetreten ist. Amen.
 
Interlaken, im Oktober 2000