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O ihr unverständigen Galater, wer hat euch nur verhext, wo euch doch Jesus Christus vor Augen gemalt ist, der Gekreuzigte! Nur dies will ich von euch wissen: Habt ihr durch das Tun des Gesetzes den Geist empfangen oder durch die Botschaft des Glaubens? Seid ihr (tatsächlich) so unverständig? Im Geist habt ihr begonnen und wollt nun im Fleisch enden? So Grosses solltet ihr vergebens erfahren haben? – wenn es das überhaupt gibt: (Gottes Geist) vergeblich (empfangen zu haben)! Der euch den Geist gibt und Wunder wirkt unter euch – tut er es, weil ihr das Gesetz getan oder weil ihr euch auf die Botschaft des Glaubens eingelassen habt? Gal 3, 1-5 nach Wilckens

Wer war das? Wer hat die Galater verhext? Wer hat hier heimlich Unkraut unter den Weizen gesät? Wer sind die Gegner des Paulus? – Allein, liebe Gemeinde, wen interessiert das überhaupt noch? Unseren Konfirmanden ist das doch so lang wie breit. Den meisten ihrer Eltern wahrscheinlich auch. Der Apfel fällt ja selten weit vom Stamm. «Die Gegner des Paulus? Du meine Güte, das ist so lange her. Da liegt doch der Staub von Jahrhunderten drauf. Also ehrlich gesagt: Das ist mir völlig egal. Ich muss mich um Wichtigeres kümmern.»
Wir wollen den Bohrer der Ironie nicht tiefer treiben und uns mühselig oder gar weinerlich an der Gleichgültigkeit anderer abarbeiten, sondern wir wollen mit wachem Verstand und einem hoffentlich ebenso wachen Geist einen ersten Silberstreifen evangelischer Wahrheit erhaschen. Das gibt es – Gegner. Die gehören zum Evangelium wie das Amen in der Kirche. Wer Christus, den Gekreuzigten, verkündet, wer also in seinem Namen – und nur in seinem Namen – von Freiheit, Wahrheit und Geschwisterlichkeit, von Glaube, Liebe und Hoffnung redet, der macht sich damit nicht nur Freunde, dem erwachsen über kurz oder lang auch veritable Gegner.
Das Evangelium stösst nur dort auf Gegenliebe, auf Akzeptanz, wo Gottes Geist den Panzer knackt, die Mauer durchbricht, den Kreisel stoppt. Das war so; das ist so; und das wird so sein. So lange diese Welt sich um die eigene Achse dreht und die sie bewohnen, also wir alle, sich mit ihr im Kreis bewegen, um uns selber rotieren wie die Kreisel der Kinder. Nach alter Einsicht ein treffliches Bild für die eigene Sünde, der um sich selber kreisende, der fleissig rotierende und deshalb also vornehmlich mit sich selber beschäftige Mensch.
Zu Gegnern des Paulus und damit eben zu Gegnern seines Evangeliums von Christus, dem Gekreuzigten, wurden also nicht nur bestimmte Kreise damals, die meinten, zusätzlich zu Gottes Gnadenvorschuss in Christus bräuchte es auch noch von Menschen erbrachte Leistungen – in Galatien waren das Beschneidung und Verpflichtung auf das Mosegesetz – nein, zu Gegnern des Evangeliums wird auch unsereins, wo wir meinen, das Heil im Kreuzestod Christi sei ergänzungsbedürftig, als wäre das Leiden und Sterben des Herrn eine halbpatzige Sache, als bedürfte Christus unserer Hilfe und nicht umgekehrt, als müssten wir zum Vollkommenen noch unsere Unvollkommenheit beisteuern. Die Gegner des Paulus sind immer selbstgerechte Gegner. Damals wie heute.
Nur dies will ich von euch wissen: Habt ihr durch das Tun des Gesetzes den Geist empfangen oder durch die Botschaft des Glaubens? Was für eine Frage für das heutige Pfingstfest, liebe Gemeinde. Ach, wenn wir doch nur dieses eine wüssten, wie viel von unserem Restwissen würde dadurch belanglos und unwichtig werden, das wir jetzt noch für bedeutungsvoll und wichtig halten. Nur dieses eine. Und ich verkürze extra noch mal. Reduce to the max, weniger ist mehr. Wie habt ihr denn den Geist empfangen? Ja, wie haben ihn denn die Galater empfangen? Und wie haben wir ihn empfangen? Haben wir ihn überhaupt empfangen? Oder sind wir eine geistlose Kirche, wie uns auch nachgesagt wird?
Die Frage des Paulus trägt die Antwort in sich, denn es ist eine fingierte, eine bloss rhetorische Frage. Die Galater wussten die Antwort darauf. Wissen wir sie auch? – Wir empfangen den Geist durch die Botschaft des Glaubens, durch die Predigt des Evangeliums und im Hören auf dasselbe. Genau jetzt geschieht dieses Wunder wieder, wenn Gottes Wort aus dem Mund eines sündigen Menschen auf Ohren trifft, die gewillt sind zu hören. Pfingsten ereignet sich immer dann, wenn Menschen auf Gott hören. Gottes Geist manifestiert sich in der Kraft seines Wortes. Und das Manifest dieses Geistes ist der Glaube.
Hier verflechten sich die Begriffe wie die Stränge einer währschaften Berner Züpfe. Wort, Geist und Glaube, damit knüpft der HerrGott seinen himmlischen Zopf, sein Brot des Lebens. Und wahrlich: Der Mensch lebt nicht nur vom irdischen, sondern auch von diesem himmlischen Brot. Zwar sind die einzelnen Stränge als solche noch klar erkennbar – wie bei jedem rechten Zopf – dennoch greifen sie ineinander und sind miteinander aufs engste verbunden und verwoben. Deshalb ist es Blödsinn, die einzelnen Stränge gegeneinander auszuspielen. Wer meint, Geist hätten nur jene, die zu bassgeschwängerten Rhythmen wild in die Hände klatschten und mit ekstatischen Gebärden einem visualisierungssüchtigen Zeitgeist medienkompatible Bilder lieferten, der hat von Gottes Geist gerade mal so viel verstanden, wie eine Laus vom Zeitungslesen.
Gottes Geist ist etwas anderes als religiös narzisstische Selbstbefriedigung. Er ist eine Kraft, die Glauben macht und es mir ermöglicht, das schwindelerregende Karussell meiner selbst zu stoppen, um so endlich meiner Mitmenschen, meiner Nächsten gewahr und inne zu werden. Gottes Geist ist ein sozialer Geist oder er ist ein Ungeist. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen, hat uns Jesus gelehrt. Ein Wort, das in besonderer Weise für die Früchte des Geistes gilt. Wer meint, er hätte den Heiligen Geist gepachtet, der überprüfe genau, ob ihm nicht der Teufel auf der Nase herumtanze.
Und wo es eben an Geistkraft fehlt, da muss nicht dies und jenes unternommen werden, da hilft weder Jammern noch Schimpfen weiter, da sind nicht Konzepte und Konferenzen notwendig, sondern da ist das eine nötig, nämlich Jesus Christus als den Gekreuzigten vor Augen zu stellen, vor Augen zu malen, wie Paulus sagt. Es gibt kein Pfingstfest, das an Karfreitag vorbeiführt, sowenig wie es ein Osterfest gibt, das an Karfreitag vorbeigeht. Wer den Leuchtturm Christi, nämlich sein Kreuz, umschiffen will, dessen Schifflein wird früher oder später an irgendeinem Felsen zerschellen. Der Geist kommt durch die Christuspredigt – oder er kommt nicht. Daran lässt zumindest der Völkerapostel mit seiner Anfrage an die Galater keinen Zweifel.
Deshalb können wir an Pfingsten nichts Besseres und auch nichts Gescheiteres tun, als uns auf Christus, den Gekreuzigten, zu besinnen. Je gründlicher wir das tun, desto reichlicher wird die Kraft des Heiligen Geistes in unserer Gemeinde und von unserer Gemeinde Besitz ergreifen. Oder sind wir am Ende so unverständig, auf gut Deutsch so blöd, dass wir zwar im Geist beginnen, aber dann doch im Fleisch enden, will heissen, wieder bei uns selber landen und also auf die Nase fliegen, erneut das Karussell anstossen, um im Kreis zu fahren, bis wir uns übergeben müssen? Ähnlich fragt Paulus die Galater: Seid ihr (tatsächlich) so unverständig? Im Geist habt ihr begonnen und wollt nun im Fleisch enden? So Grosses solltet ihr vergebens erfahren haben? – wenn es das überhaupt gibt: (Gottes Geist) vergeblich (empfangen zu haben)!
Damit klingt in diesen Versen auch eine dunkle Seite an. Fragen, die auch der Apostel nicht unmittelbar beantwortet. Ist es möglich, dass Menschen Gottes Geist vergeblich empfangen? Kann Gottes Wort ins Leere gehen? Perlen vor die Säue? Gibt es vor Gott das Wort „vergeblich“ überhaupt? Nach Menschenmass ist das sehr wohl möglich. Aber ist das Mass des Ewigen nicht ein anderes als das der Sterblichen? Himmlische Rechenkunst und menschliche Buchhaltung – die weisen nicht den gleichen Saldo aus.
Von Jesus haben wir gelernt, dass nicht jede Saat aufgeht. Etliches wird von den Vögeln gefressen, anderes verdorrt an der Sonne oder fällt unter die Dornen und erstickt. Wieder anderes aber fällt auf guten Boden und trägt reichlich Frucht. Und Jesaja lehrt uns, dass Gottes Wort nicht wieder leer zurückgeht, sondern wirkt, was dem Höchsten gefällt, und dass ihm gelingt, wozu er es sendet. Nicht Gottes Wahrheit ist vergeblich, sondern unsere Versuche ihr zu entgehen.
Selig aber jene, die innehalten und sich besinnen, und zwar auf Christus, den Gekreuzigten. Je mehr wir uns an ihn klammern, desto reichlicher wird Gottes Geist fliessen. Je mehr wir uns aber auf uns selber abstützen, desto spärlicher wird Gottes Geist in unseren Reihen wirksam sein. Die enge Verknüpfung von Gottes Wort und Geist, wie sie Paulus vertritt, ist auch Luther nicht entgangen. Er schreibt: „Gott will ohne das Wort und Predigtamt niemand den Geist geben, welches er selbst dazu eingesetzt und befohlen hat, allein von Christus zu predigen.“ Wen wundert’s, dass sich dieser Satz in seinem Kommentar zum Galaterbrief findet. Christus, der Gekreuzigte, und nichts sonst. Amen.

Interlaken, Juni 2006