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Barmherziger Vater! Allmächtiger Gott!
Im Namen Jesu Christi sind wir hier. Wir sind seine Gemeinde und du bist uns um seines Namens willen gnädig. So lass uns denn gemeinsam und freudig auf dein Wort hören, das über unserem Leben steht und doch ganz verbindlich gelebt sein will. Gib uns dazu von deinem guten Geist, dem Heiligen Geist, der unser Denken beweglich und unsere Konzentration erheblich macht. Ohne diesen Geist haben wir ja von Tuten und Blasen keine Ahnung. Wir hören die Worte der Bibel und doch bleiben es tote Buchstaben, wo dein Geist nicht dazwischen fährt und belebend eingreift. Ja, wir brauchen diesen Geist — so sehr brauchen wir ihn, schaut euch um! — in unseren Kirchen, in unseren Gottesdiensten, in unseren Worten und Taten — und auch in unseren Herzen. Er allein macht lebendig, was eigentlich zum Tod verurteilt ist. Er verleiht die Gaben, die wir nicht haben und schafft Klarheit in Wahrheit. Um diesen Geist bitten wir dich, Vater, um Jesu Christi willen. Er soll uns leiten, so wie du den Abraham, den Vater des Glaubens, geleitet hast, und er soll uns führen, so wie du das Volk Israel geführt hast. Dafür loben wir dich als einen sorgsamen Gott, der uns Heil schafft und Segen bringt und die Treue hält, den Grund allen Lebens. Amen.

Wir ermahnen euch aber, Geschwister: Weist die Haltlosen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft alles und behaltet das Gute. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euch ganz an Geist, Seele und Leib, dass ihr ohne Tadel seid, wenn unser Herr Jesus Christus wiederkommt. Treu ist er, der euch berufen hat; er wird’s auch tun. 1. Thess 5, 14-24

Liebe Gemeinde! Das ist ein gefährlicher Text. Das sind brandgefährliche Worte. Zwar wirken sie ganz harmlos, als hätten sie Kreide gefressen, und die meisten unter uns vermögen wahrscheinlich überhaupt nicht zu ermessen, inwiefern denn diese Worte gefährlich sein sollen. Aber in ihrer Harmlosigkeit steckt eben gerade ihre Gefährlichkeit. Sie gleichen Wölfen im Schafspelz. Und die sind ja bekanntlich besonders gefährlich, weil man ihre Gefährlichkeit erst spät, manchmal zu spät erkennt. Eine gute Tarnung ist die halbe Schlacht. Das lernt man in jedem taktischen Grundkurs.
Jetzt wollen sie natürlich auch wissen, inwiefern denn diese harmlosen Worte gefährlich sein sollen. Das kann ich mir denken. Ich will mal versuchen, es auf eine einprägsame Formel zu bringen, die allerdings im weiteren Verlauf noch einiger Präzisierungen bedarf. Wer hier lauter Forderungen liest, wird mit diesen Worten hoffnungslos überfordert sein. Die Wölfe in diesem Text, das sind die falsch verstandenen Imperative. Das und das und das musst du tun und so und so und so musst du dich verhalten. — Und dann mache ich doch wieder etwas anderes, verhalte mich nicht so, wie hier geschrieben steht, bin folglich von mir selber enttäuscht und vom Anspruch dieser Worte heillos überfordert. Anstatt dass mich diese Worte lammfromm machen, werden sie mir zu bedrohlichen Wölfen, die mir auf Schritt und Tritt zähnefletschend zeigen, wie fehlerhaft und unfertig ich noch bin. Und am meisten gefährdet sind gerade jene unter uns, die mit gutem Willen sich dem Anspruch dieser Worte stellen. Sie werden an ihrem eigenen Willen scheitern.
Denn, liebe Gemeinde, diese Worte gründen nicht in unserem Willen, und sie sind nicht auf diesen hin ausgelegt, sie sind weder Ursprung noch Ziel einer von uns kontrollierten Wirklichkeit, sondern sie gründen — und das ist für das rechte Verständnis dieser Worte schlechterdings entscheidend — in einer anderen Wirklichkeit, nämlich in der Wirklichkeit des auferstandenen Christus. In dieser Wirklichkeit fussen unsere Worte. Es gibt keinen Anspruch von seiten Christi, dem nicht immer schon sein Zuspruch voran- und vorausgegangen wäre. Und es gibt keine Ermahnung an die Adresse eines Christenmenschen, die nicht aufgehoben wäre im Evangelium vom gnädigen Gott. Löst man den Anspruch vom Zuspruch und trennt die Ermahnung vom Evangelium, dann werden harmlose Worte zu Wölfen im Schafspelz. Dann werden simple Forderungen zu riesengrossen Überforderungen, Aufrufe zu Schlachtrufen und guter Glaube zu öder Moral.
Treu ist er, der euch berufen hat; er wird’s auch tun. Es ist sein Werk an uns, und es ist seine Wirklichkeit, die sich in einer Gemeinde manifestiert, wo Menschen tatsächlich beginnen, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern dem Guten nachzujagen, wo Kleinmütige getröstet, Schwache mitgetragen und Haltlose wieder Boden unter den Füssen gewinnen. Was Paulus hier einer Gemeinde schreibt, sind die allen sichtbaren Auswirkungen des Herrschaftsbereiches Christi. Es geht hier um mehr, um viel mehr als nur um blosse Anweisungen für eine sog. christliche Lebensführung. Hier geht es um nicht weniger als um die unser aller Leben letztendlich bestimmende Wirklichkeit Gottes. Aus dieser Wirklichkeit heraus leben und in diese Wirklichkeit hinein führen uns die Worte des Apostels.
Und diese Wirklichkeit ist anders als das, was wir tagtäglich im Kleinen wie im Grossen erleben. Da werden die Kreise des Teufels durchbrochen, und es manifestieren sich Gaben, die jenseits angeborener Fähigkeiten wurzeln. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen. Kein Mensch ist doch von sich aus allezeit fröhlich, niemand kann aus eigener Kraft ohne Unterlass beten und Dankbarkeit ist zwar ein schönes Kleid, aber auch Sonntagskleider trägt man nicht alle Tage. Dass diese Ermahnungen, besser würden wir von Ermunterungen sprechen, trotzdem wahr und recht sind, das lässt sich nur dort und nur dort! erkennen, wo eben nicht menschliche Fähigkeiten angesprochen werden, sondern die Gaben des Geistes Gottes zur Sprache kommen und also damit Wirklichkeit werden.
Im einzelnen sieht das dann so aus. Seid allezeit fröhlich! Gemeint ist nicht eine aufgesetzte Europapark-Fröhlichkeit, als würde die Sonate des Lebens nur in Dur und niemals in Moll gespielt werden. Gemeint ist vielmehr die Fröhlichkeit des Christus-Glaubens, der selbst im Tod noch Leben riecht. Christenmenschen können allezeit fröhlich sein, weil sie Besseres hoffen als die Greuel, welche tagtäglich vor Augen stehen, weil sie der verändernden Kraft Gottes mehr vertrauen als frustrierenden Alltagserfahrungen und weil sie Zukünftiges höher einschätzen als Gegenwärtiges. — Betet ohne Unterlass! Beten heisst sein Leben in Abhängigkeit eines anderen denken und verstehen, also nicht nur dann beten, wenn die Not einen dazu zwingt, sondern auch dann, wenn einem das Glück hold ist und einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, und auch dann noch, wenn die faden und öden Tage kommen und das Einerlei des Lebens einem auf den Wecker geht. Beten verstanden als Lebenshaltung, die Gott nicht auf dem Abstellgleis parkiert, sondern auf seine erhellende Gegenwart zählt. — Seid dankbar in allen Dingen! Dankbarkeit als Ausdruck einer gelebten Beziehung, in welcher nicht das schnellwachsende Unkraut der Selbstverständlichkeit alles überwuchert, sondern Achtsamkeit den Boden bereitet. Dankbarkeit verstanden als Einsicht in die Unverfügbarkeit des Lebens, als Reaktion auf unverdientes Wohlwollen, als "Antwort auf Zuwendung, die uns widerfährt. Wer dankt, gibt sich selbst aus der Hand." Chr. Link Und wie hat doch Jesus so weise gelehrt: Wer sein Leben verliert, der wird es finden.
Das nur ein Versuch, liebe Gemeinde, aus dem Trott einer gesetzlichen Sichtweise und einer auf Befehlen aufbauenden Interpretation dieses Textes auszubrechen und stattdessen in der Freiheit eines mündigen Christus-Glaubens Platz zu nehmen. Nicht was wir sollen und müssen, sondern was wir dürfen und werden sind die Koordinaten evangelischen Glaubens. Wer anders liest und interpretiert, der läuft Gefahr den Geist auszulöschen. Jenen Geist, ohne den keine Gemeinde lebendig und kein Glaube fest bleibt. Den Geist löscht nicht aus, ermahnt Paulus deshalb die Geschwister in Thessaloniki. Denn ohne diesen Geist werden seine Ermutigungen zu Wölfen im Schafspelz — fordern und fordern und fördern doch so nur Unmögliches zu Tage. Sich an diese Worte heranzuwagen, ohne Gottes Geist um Hilfe anzurufen, wäre ein fahrlässiges Unterfangen.
Es ist gerade dieser Geist, Gottes Geist, der die Wölfe als Wölfe entlarvt, der die zwingend nötige Unterscheidung zwischen meinen Fähigkeiten und Gottes Gaben macht und der mich letztendlich von mir selber befreit. Denn der gefährlichste Wolf bin immer ich selber. Genau dort, wo ich noch meine, dies oder jenes sei zu leisten und zu erbringen, damit Gott an mir Gefallen finde, genau dort bin ich noch ein alter Adam, an dem die gnädige Vergebung Gottes erst noch wirksam werden muss. Was Paulus hier schreibt, beschreibt nichts anderes als das veränderte Leben von Menschen, an die Christus herangetreten ist, die Mutation eines homo sapiens zu einem homo Christi. Der ewig Ungeduldige wird geduldig, die Schwermütige entdeckt die Leichtigkeit des Seins, der Krieger legt die Waffe aus der Hand, die Schwätzerin wird zur Prophetin und der Schwache erstarkt.
Schauen sie, liebe Gemeinde, mit dem Evangelium verhält es sich wie mit einer Münze. Sie sehen auf der einen Seite Kopf und auf der anderen Seite Zahl. Aber es ist immer die selbe Münze. Sie sehen Kopf und hören den Zuspruch Christi, sie sehen Zahl und hören den Anspruch Christi. Beides lässt sich nicht voneinander trennen, wie sich eben auch Kopf und Zahl nicht von der Münze trennen lassen, ohne die Münze kaputt zu machen. Wer nur den Zuspruch hört und meint, damit sei’s jetzt getan, dem kitzelt der Teufel die Ohren. Für den hält sich folgende Anekdote bereit: Eine Frau — könnte selbstverständlich auch ein Mann sein! — schüttelt dem Pfarrer — könnte selbstverständlich auch eine Pfarrerin sein! — nach dem Gottesdienst begeistert die Hand: "Ihre Predigt hat mir heute so viel gegeben, Herr Pfarrer." Drauf entgegnet dieser nur: "Das wird sich zeigen, meine Liebe." — Und wer nur Anspruch hört, der hat den Wolf im Schafspelz noch nicht entdeckt, der ist noch so naiv wie das Rotkäppchen und meint wahrscheinlich, wenn er einmal kräftig in die Hände spucke und sich am Riemen reisse, dann bringe er die Sache schon in Ordnung. Gar nichts wird er in Ordnung bringen. Unordnung, Chaos wird die Folge sein und Enttäuschung über all seine Misserfolge, dass der Teufel sich den Ranzen voll lacht.
So, und jetzt sagen wir es zum Schluss hin, weil schliesslich das zum Ende hin am besten hängen bleibt, auch noch positiv, will heissen, wir geben eine möglichst einfache Antwort auf die Frage: Ja, was muss ich denn nun tun, damit es recht kommt? — Auf den Herrn Jesus Christus warten und den um den rechten Glauben bitten, der ohne Massen treu ist. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euch ganz an Geist, Seele und Leib, dass ihr ohne Tadel seid, wenn unser Herr Jesus Christus wiederkommt. Er ist treu. Seid also fröhlich! Warum? Weil er wiederkommt. Betet ohne Unterlass! Warum? Weil er wiederkommt. Seid dankbar in allem! Warum? Weil er wiederkommt.
Diesen Christus nicht nur als historischen Jesus verstehen oder gar als Moralapostel missverstehen, sondern ihn als die zukünftige, bestimmende Wirklichkeit dieser Welt glauben, das schafft die nötigen Voraussetzungen, damit Fröhlichkeit und Dankbarkeit, prophetische Rede, Vertreibung des Bösen, Trost und Geduld sich Bahn brechen. Ohne Christus-Glauben bleiben die Worte des Apostels in der Luft hängen. Sie gleichen dann einer Art geistiger Or-Sol-Tomaten — knallig rotfarben nach aussen, aber innen gänzlich ohne Geschmack.
Und nun prüft alles, liebe Gemeinde, was ihr gehört habt. Das Gute behaltet und das Schlechte kompostiert. Geht mit Liebe und Barmherzigkeit zu Werke. Weist die Haltlosen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Amen.

Interlaken, im August 2002