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Heute Nacht, liebe Gemeinde, wollen wir uns in der Predigt von einem Wort leiten lassen, das einem weihnachtlichen Festschmaus ähnelt. Sozusagen eine verbale Delikatesse. Und Delikatessen, die soll und darf man ja geniessen. Sie zu geniessen, ohne sich daran zu überfressen, darin liegt allerdings die Kunst. Denn echter Genuss kennt das Mass und scheut die Masslosigkeit. – Gut, gut aber kann man denn Worte geniessen? Oder ist das nicht ein bisschen gesucht? Nein, denn wer geniesst es nicht, wenn ihm jemand zuflüstert: Ich liebe dich. Und Christi Geburt, das ist doch Gottes Liebesgeflüster in seiner und zu seiner Schöpfung?
Wir besinnen uns gemeinsam auf ein bekenntnisartiges, uraltes Loblied, auf eines der ältesten Weihnachtslieder der Christenheit. Es ist im 1. Timotheusbrief nachzulesen und geht so:
Anerkanntermassen gross ist das Geheimnis der Frömmigkeit: Er ist geoffenbart im Fleisch, / gerechtfertigt im Geist, / erschienen den Engelmächten, / gepredigt unter den Völkern, / geglaubt in der Welt, / aufgenommen in die Herrlichkeit. 1. Tim 3, 16

Lassen wir uns also diese Worte auf der Zunge zergehen!
Das Liedfragment besingt ein Geheimnis, das genau dann an Grösse gewinnt, wenn viele es miteinander teilen. Genau umgekehrt also, wie es sich sonst mit Geheimnissen zuträgt. Der, welcher hier ausgeteilt, der uns eben als Geheimnis des Glaubens mitgeteilt wird, ist Christus der Heiland. Um ihn dreht sich alles in diesem Lied. Auf seinen Grundton ist der Hymnus gestimmt.
Und nun heisst es von ihm eben als erstes, dass er geoffenbart ist im Fleisch. Das feiern wir am Weihnachtsfest. Gott wird Mensch, weil er ein menschlicher Gott ist. Das feiert keine andere der grossen Weltreligionen: Den ewigen Gott als Menschgewordenen. Für einen natürlichen Glauben ist das auch eine Zumutung: Den Ewigen in der Zeit, den Unfassbaren in der Enge eines Stalls zu denken, wo es nach Mist stinkt. Aber für einen von Christus geweckten und genährten Glauben ist eben gerade das das Geheimnis seiner Person: wahrer Gott und wahrer Mensch in einem, in Personalunion sozusagen.
Geoffenbart im Fleisch. Hier ist nicht primär an das Filet im Teig oder an die Weihnachtsgans zu denken, im Fleisch will heissen: in dieser, unserer Welt, in der wir leben und irgendwann auch einmal sterben, hier ist Gott erschienen, hat er sich offenbart. – Und wie wäre das jetzt, wenn jedes von uns sich einmal seine kleine Welt, in der es lebt, vergegenwärtigt und sich dann vom Evangelium her sagen liesse: Auch in diese, deine kleine Welt hinein ist Christus geboren worden. Es gibt keine Welt mehr, in welcher der Heiland nicht zugegen wäre und also auch keinen Ort mehr, an dem er nicht auch angebetet werden könnte. Das meint im Fleisch geoffenbart: Christus ist unter uns und mit uns – alle Tage und auch alle Nächte bis an der Welt Ende.
Gerechtfertigt im Geist, liebe Gemeinde, heisst es als nächstes. Das ist schon etwas schwieriger zu verstehen. Was heisst das wohl? – Vor geraumer Zeit habe ich einen Cartoon, einen gezeichneten Witz gesehen, darauf sah man den Weihnachtsmann wie er auf der Rennbahn der Zeit den Stafettenstab dem Osterhasen übergab. An Ostern kommt zum Ziel, was an Weihnachten beginnt. Und niemand kann sich ernstlich auf das Geheimnis des Weihnachtsgeschehens besinnen, wenn er sich nicht auch vergegenwärtigt, dass er immer schon von Ostern her, will heissen, ausgerüstet mit dem Glauben des Auferstandenen, das Kind in der Krippe bestaunt und anbetet.
Das Geheimnis der Frömmigkeit hat weit weniger mit dem gefühlsmässigen Ergriffensein zu feierlicher Stunde, als vielmehr mit dem Staunen über Gottes Heilsabsicht in Christus zu tun. Oder ganz simpel gesagt: Dieses Kind in der Krippe wird von der Welt zu Unrecht als Verbrecher abgeurteilt werden, dennoch wird Gott ihm in der Auferstehung Recht geben.
Wir rühren hier an etwas ganz Zentrales unseres Glaubens und für jene Ohren, denen das zu vereinnahmend klingt, sage ich des Christus-Glaubens: Gott setzt seinen Heilsplan mit der Welt allen Versuchen von Menschen und Teufeln zum Trotz durch. Gott setzt sich durch mit seinem Recht. Gott sei Dank behält er recht. Diesem Kind wird Unrecht geschehen und ihm wird Unrecht getan werden – wir kennen seine Passion, auch wenn das Lied davon nicht singt – aber Gott wird seinen Worten und Taten dennoch recht geben. Das meint gerechtfertigt im Geist. Und bedenken wir es noch genauer, dann heisst das ja auch – und jetzt wird’s bombastisch – selbst unsere Untaten vermag der Gnädige noch in Guttaten zu verwandeln, sogar einen Gekreuzigten vermag er noch ins Leben zu stellen. Es hat nicht immer der Recht, der Recht behält, aber der hat bestimmt Recht, der Recht erhält.
Geniessen, nicht überfressen haben wir eingangs proklamiert. Fassen wir uns also kurz. Erschienen den Engelmächten, gepredigt unter den Völkern, heisst es weiter. Wie im Himmel so auf Erden beten wir im Unservater. Was da in einem Stall zu Bethlehem seinen Anfang nahm und mit einem leeren Grab offen endete, das hat Bedeutung und Gehalt an allen Orten und zu jeder Zeit. Christi Werk hat kosmische Dimensionen. Seine Tat greift höher und tiefer als all unsere Deutungen.
Und wir sollten beim Wort Kosmos nicht bloss an die NASA und das Hubbelteleskop denken, mit dem die Weiten des Universums erforscht werden, sondern wesentlich und eigentlich auch daran denken, dass es Welten gibt, die sich unserer rechnenden Vernunft verweigern. Christus und sein Reich lassen sich mit keinem Rohr einfangen, er kommt uns selbständig und selbstmächtig entgegen. Er kommt – so singt das Lied – in der Predigt von IHM unter die Völker.
Als wären es die zwei Seiten der selben Münze: Erschienen den Engeln, gepredigt den Völkern. Und vielleicht verträgt es hier auch eine kritische Betonung, nicht um der blossen Kritik, sondern um der Wahrheit des Evangeliums willen. In biblischer Verkündigung manifestiert sich Christus. Man muss ihn also beim Namen nennen, damit sein Name und also sein Geheimnis gross wird auf Erden. Wer ihn verschweigt und lieber sich selber feiert, der sehe zu, dass er die Rechnung nicht ohne den Wirt macht. Über Christus muss man sich nicht ausschweigen, sondern ihn zur Sprache bringen.
Die dritte und letzte Münze, welche uns in diesem Lied wie Sternthaler in den Schoss fällt: Geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit. Die Aufmerksamen unter uns werden es längst gemerkt haben, kunstvoll ist das Lied geformt. Drei mal zwei kurze Strophen, in denen jeweils ein Ereignis auf Erden einem im Himmel korrespondiert. Im Fleisch und im Geiste, vor Engeln und Völkern und eben jetzt noch in der Welt geglaubt und in die Herrlichkeit aufgenommen. Als wäre in diesem Lied wie auf einem Mikrochip die ganze Christuswahrheit versammelt.
Um des Glaubens willen ist das Christkind in die Welt gekommen. Es wurde nicht geboren, damit es ein paar Jahrhunderte später gute Gründe gibt, ein rauschendes Fest zu feiern, so sehr Christ heute Abend mit uns mitfeiert, geboren wurde es, um Glauben zu schaffen unter Menschen. Glauben an ein gnädigen Gott, der diese Welt nicht im Stich lässt, der Dunkel mit Licht erhellt, Kälte mit Warmherzigkeit überwindet und Starres mit Liebe wieder in Gang bringt. Und wo immer Menschen sich in solchen Glauben rufen lassen, da ist Christus wieder und wieder in der Welt gegenwärtig. Nicht bloss an Heilig Abend, sondern an jedem Tag, der noch vor uns liegt.
Sehen sie, liebe Gemeinde, dieses Lied können sie nur im Glauben und mit der Absicht Glauben zu wirken anstimmen und also auslegen. Nicht ein Glaube an sich selber, wie wir das in unseren Tagen von den verschiedensten Seiten her eingehämmert bekommen, sondern der Glaube an das Christkind. Und dieser Glaube ist so ganz anders als all das, mit dem uns die Alltagswelt bezirzt, dass wir ihm häufig unsere Sichtweise aufzwingen und damit eine andere Sicht der Dinge, sagen wir kühn: Gottes Sicht, aus den Augen verlieren. Keiner von uns muss sich selber erlösen und keine von uns muss sich selber richten. Wird sind es bereits. Erlöst und gerichtet in Jesus Christus. Das ist sein Geheimnis.
Selig, wer es als solches erkennt und glauben darf! Dem ist geholfen. Er hat seinen Retter gefunden und dieser IHN. Er sieht mitten im Stallmief, mitten in der Enge und dem Morast der Welt die Herrlichkeit Gottes auf Stroh gebettet. Und dann wird es hell werden in seinem Denken, in seinem Glauben, in seinem ganzen Leben. Amen.

Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Fröhliche Weihnachten! Das wünschen wir uns jetzt dann! Lass diesen Wunsch in Erfüllung gehen! Lass es ein frohes und froh machendes Fest werden. Eines bei dem wir sagen können: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘ s sein. Wir sollen und wollen keine Götter sein, weder Götter in Weiss noch Götter in Schwarz, weder grosse noch kleine, sondern einfach Menschen, die menschlich miteinander umgehen. Lass du uns wahre Menschen sein und nicht bloss billige Kopien!
Herr Jesus Christus!
Am Weihnachtsfest liegst du in der Krippe, damit wir alle sehen, dass du dich nicht schämst zu den Geringen gezählt zu werden. Menschen haben dich verachtet, und du hast darüber gnädig gelächelt. Schenk uns auch etwas von diesem Lachen, das so ansteckend und wohltuend wirkt und das so grossartig über den Dingen steht. Und schenk ganz besonders jenen davon, die in der Werteskala der Welt zu den Geringen und Verachteten zählen, all die Unschuldigen und die Opfer, von denen uns täglich in den Nachrichten Meldung gemacht wird. Die jetzt ohne Dach über dem Kopf Weihnachten feiern müssen, die irgendwo im Dunkel eines Kellers ihre Kerzen anzünden, wenn sie denn überhaupt welche haben, die einsam in ein Glas starren, dass so leer ist wie sie, die hungrig und krank sind und die, welche jetzt weinen zur Nacht. Herr, gerade für sie bist du doch gekommen. Tröste sie, segne sie und gib ihnen eine Hoffnung zur Seite, welche das Leben lebenswert macht.
Gott, Heiliger Geist!
Bleibt alles dummes Geschwätz, wenn du dich nicht unserer Worte und Gedanken erbarmst. Bleibt alles beim Alten, wenn du uns nicht mitnimmst zu neuen Ufern. Bleibt alles dunkel, wenn du es nicht hell machst in uns und um uns herum. Bleibt alles leer, wenn du es nicht füllst. Tu das! Wir bitten dich darum im Namen des Christkindes. Amen.

Interlaken im Dezember 1999