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Barmherziger Vater! Allmächtiger Gott!
Danke, dass wir heute Morgen von Nah und Fern in Frieden zusammenkommen durften, um uns deiner Gnade und deines guten Willens mit uns im Lichte des Evangeliums zu vergewissern. Danke, dass wir darüber froh werden können, in Jesus Christus den Heiland der Welt glauben zu dürfen. Danke, dass uns in deinem Heiligen Geist eine Kraft aus der Höhe verheissen ist, die Herkömmliches sprengt, Blödes überwindet und Abgestorbenes neu belebt. Du weisst um unsere Sehnsüchte, du deutest unsere Träume und kennst unser Verlangen. Dir ist Menschliches nicht fremd, hast du uns doch alle geschaffen und dir in deinem lieben Sohn höchst persönlich unser sterbliches Kleid übergezogen. Du bist kein Anfänger, sondern der Vollender. So lass uns den offenen Herzens und mit wachem Geist über deinem Wort zur Besinnung kommen, damit wir ganz nüchtern aber auch ganz zuversichtlich sehen, wie es um unser Leben bestellt ist, was unsere Hoffnung, unser Trost aber auch unsere Freude sein darf. Lass uns nicht um unsere Selbsteinschätzung kreisen wie die Motten um das Licht, sondern führe uns in deine Wahrheit hinein, die befreit und wohl tut, demütig und stolz zugleich macht und Geist und Leib erfrischt. Darum bitten wir dich im Namen dessen, der uns zur Gemeinde macht vor dir, die personifizierte Barmherzigkeit, der Herr Jesus Christus. Amen.

Das Ende aller Dinge aber steht nun nahe bevor. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. Vor allem aber haltet daran fest, einander von Herzen zu lieben. Denn die Liebe deckt eine Menge von Sünden zu. Gewährt euch gegenseitig Gastfreundschaft ohne Murren. Jeder soll den anderen mit der Begabung dienen, die er durch Gottes Gnade empfangen hat. Treffliche Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes sollt ihr sein! Wenn jemand im Gottesdienst redet, so sollen es Gottes Worte sein, die er spricht. Wenn jemand in der Gemeindefürsorge wirkt, tue er es mit der Kraft, die Gott ihm zur Verfügung stellt. So soll in allem Gott gepriesen sein durch Jesus Christus. Ihm gebührt der Ruhm und die Macht in alle Ewigkeit. Amen. 1. Petr 4, 7-11

Liebe Gemeinde! Wenn sich Endzeitstimmung breit macht, dann macht sich in aller Regel auch Angst breit. Panikmache und Weltuntergangsstimmung gehen Hand in Hand. Auch in unserem Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief wird das nahe Ende aller Dinge angesprochen. Aber von Panik oder gar Angst ist rein gar nichts weder zu hören noch zu spüren. Im Gegenteil: Das Ende aller Dinge scheint eine höchst friedliche und freundliche Stimmung zu schaffen. Das Ende ist nicht schrecklich, das Ende ist glücklich. Darüber wollen wir heute in dieser Predigt nachdenken.
In christlichen Gemeinden wird seit 2000 Jahren mit mehr oder weniger Inbrunst das Ende aller Dinge gepredigt. Aber es ist immer noch nicht gekommen – das Ende. Zwar meinen etliche Zeitgenossen, das globale und finale Ende sei heute näher denn je, weil durch Menschenhand machbar geworden. Aber gekommen ist es dennoch nicht. Die Erklärungsversuche für diesen vordergründigen Widerspruch zwischen nahem Ende und immer noch keine Ende sind vielfältig. Sie reichen von "die ersten Christen haben sich bezüglich der Naherwartung einfach getäuscht" über "diese lange Zwischenzeit ist reine von Gott gewährte Gnadenzeit" bis hin zu "es gibt eben gar kein Ende aller Dinge, es gibt bloss Veränderungen herrschender Systeme".
Nun, wenn uns der Text schon zu Besonnenheit und Nüchternheit anhält, dann wollen wir dem auch Folge leisten und als erstes eine wichtige Präzisierung vornehmen, die uns weiterhilft. In der Regel wird ja übersetzt: Das Ende aller Dinge steht nahe bevor. Präziser wäre allerdings zu übersetzen: Das Ziel aller Dinge steht nahe bevor. Der Unterschied ist frappanter, als der flüchtige Blick vermuten liesse. Ein Ziel ist immer auch das Ende, aber ein Ende ist nicht immer das Ziel. Ein Marathonläufer kann durchaus mit seinen Kräften am Ende sein, zusammenbrechen und also das Ziel nicht erreichen. Hingegen ist jeder Wettkämpfer, der im Ziel angekommen ist, auch am Ende seines Wettkampfes angelangt.
In der Tat verwendet die Griechische Sprache, und in der sind die neutestamentlichen Schriften nun einmal abgefasst, an unserer Stelle einen höchst schillernden Begriff, nämlich den des telos. Ein telos ist ein Ziel, auch ein Ende, aber auch ein Wendepunkt, und wer am telos ist, der ist vollendet. Ein telos ist aber nie und nimmer ein abruptes Ende, etwa das Ende nach einer Katastrophe oder einem Unfall. Um was es hier eigentlich geht, lässt sich besonders schön an der ursprünglichen Wurzel des Wortes telos zeigen, die etwa so viel bedeutet wie "herumdrehen", so wie einer eine Tür auf oder zuschliesst oder das Steuer herumdreht und das Schiff geht in eine andere Richtung oder auch eine Seite in einem Buch umblättert. Etwas Altes ist vorbei und etwas Neues beginnt. Das meint telos.
Dieser Wendepunkt, liebe Gemeinde, der ist nahe gekommen. Der ist genau jetzt, wo wir uns auf Gottes Wort besinnen da. Das Ende aller Dinge ist nahe gekommen, wo wir in Jesus Christus den erkennen und glauben, der das Steuer herumgerissen und also das Verlorene gerettet hat. "Welt ging verloren, Christ ist geboren" – ein bisschen Weihnachten mitten im Sommer. In Christus ist das Ende, das Ziel, das telos gekommen. Er ist der Wendepunkt, der Altes alt ausschauen lässt und alles neu macht. Deshalb gebühren ihm eben auch der Ruhm und die Macht in alle Ewigkeit. Wie eine Klammer legt sich Christus selber um diese Verse. Er ist Ziel und Ursprung aller Dinge zugleich.
Vielleicht verstehen wir jetzt ein bisschen besser, dass das Ende aller Dinge, von dem Petrus schreibt, viel weniger mit globalen Katastrophen und sphärischen Kollapsen zu tun hat als vielmehr mit der Person Jesu Christi, und dass deshalb eben auch nicht Panik angesagt ist, sondern Besonnenheit, Nüchternheit und Liebe. Wer als Christ vom Ende aller Dinge spricht, der sollte von Christus sprechen, damit er das richtige Mass findet. Wenn Christen darum vom Ende aller Dinge reden, dann nicht weil das Nichts seinen Abgrund öffnet und eine geordnete Welt im Chaos zu versinken droht, sondern weil ein Ereignis von Gott her geschehen ist, das seiner Schöpfung gerade ihre Rettung und nicht ihren Untergang anzeigt. Eine Rettung allerdings, die nicht nach Menschenplan geschieht, sondern nach Gottes Heilsplan, der durch alle Katastrophen hindurch dringt, weil er jenseits des Vergänglichen angesiedelt ist.
Woran liesse sich das besser verdeutlichen als an der christlichen Kernaussage von der Auferstehung. Auch der Heiland ist gestorben. Auch er hat den Nullpunkt menschlicher Existenz berührt. Und seine Jünger haben im Sterben des gerechten Meisters ihre persönliche Katastrophe erlebt. Aber dabei ist es nicht geblieben! Der Tote blieb nicht tot. Die Katastrophe nahm eine ungeahnte Wende. Der verworfene Stein wurde zum Eckstein. Das ist der springende Punkt, eben der Wendepunkt, das telos. Aus Tod wurde Leben und aus Misserfolg Erfolg, aus Tränen Jubel und aus Verlorenheit Hoffnung. Durch Katastrophen und Niederlagen hindurch vollführt Gott seinen Gnadenwillen und bringt seine Schöpfung ins Ziel. Deshalb ist das Ende eine fröhliche und freundliche Sache.
Allzu oft und allzu gerne sind ja gerade Endzeit-Süchtige äusserst lieblose Figuren. Ihre Prognosen, von Prophezeiungen will ich schon gar nicht sprechen, sind bedrohlich und ihre Methoden gehässig. Unser Text ist weder bedrohlich noch gehässig. Wer mit dem Ende droht, dem droht nichts Gutes. Einmal mehr ist christlicher Glaube, und ich bin geneigt hier zu sagen "echter christlicher Glaube" (auch wenn ich um die Gefahr solcher Formulierung weiss), anders geartet. Das Ende ist nicht bedrohlich, sondern das Beste, was einem Christenmenschen überhaupt widerfahren kann, nämlich die unverhüllte und wohltuende Gegenwart seines Herrn und Heilands.
Und diese, seine Gegenwart hat Konsequenzen, liebe Gemeinde. Sie macht Menschen nämlich besonnen. Sie macht sie nicht kopflos, sondern nüchtern. Nüchtern und besonnen zum Gebet. Darüber hinaus macht sie Menschen auch liebevoll und liebenswürdig. Weder Panik noch Apathie, weder Überaktivismus noch Teilnahmslosigkeit sind das Resultat von Christi Gegenwart, sondern massvoller Umgang mit Bestehendem. Wer im Namen Christi Jesu und also im Glauben an IHN um das Ende oder eben besser um das Ziel aller Dinge weiss, der steckt den Kopf nicht in den Sand, sondern sieht sehr wohl die Probleme und Gefahren, die einem Planeten drohen, welcher von einer masslosen Spezies mehr und mehr in den Würgegriff genommen wird. Christus-Glaube schläfert nicht ein, der macht hellwach – eben besonnen und nüchtern. Und daraus resultiert nicht panikartige Selbstrettung, sondern ein gutes Verhältnis zum anderen. nach Merkel
Nüchterner Christus-Glaube ist denn auch dienstbar und weder selbstgerecht noch selbstherrlich. Er ist ein umsichtiger Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes und kein heimlicher Totengräber. Denn in all dem, was Menschen tun, die im Namen Christi Jesu um das Ende aller Dinge wissen, soll Gottes Lob laut werden.
Es sind deshalb eitrige Geschwüre auf der Haut einer Gemeinde, wenn sie sich zu Selbstinszenierungen hinreissen lässt. Man muss nicht dem Pfarrer danken, wenn einem durch Gottes Wort ein Licht aufgegangen ist, sondern Gott will gelobt sein. Und es geht nicht darum, ob die Pfarrerin schön gepredigt hat, sondern ob in ihrer Predigt etwas von Gottes Wahrheit, die befreit und hilft zu leben, auf einen fiel. "Gott loben das ist unser Amt", haben wir eingangs gesungen. Also lasst uns auch tun, was wir singen! Ob einer das richtige sagt oder tut und damit seinem Nächsten zum Helfer wird, hat weit weniger mit seiner Person als vielmehr mit Gottes Gnade zu tun. Das zu wissen, zeichnet einen reifen und in dieser Reife auch demütigen Glauben aus. In allem soll Gott gepriesen sein durch Jesus Christus. Darum geht es. Wer den Verwalter höher stellt als den Besitzer, macht einen grundsätzlichen Fehler.
Und wie gut, glauben zu dürfen und darauf hoffen zu können, dass Gott in Jesus Christus diese alte Welt ihrem Ziel und also ihrer Bestimmung zuführt und sie nicht einfach auf die Müllhalde kippt, wie wir das mit unserem Kehricht machen. Es sei noch einmal deutlich gesagt: Wer mit dem Ende droht, spricht nicht im Namen Christi. Mag ein Untergang auch schrecklich sein, er ist nicht das Ziel von Gott, sondern lediglich Zwischenstation auf dem Weg in die Vollendung. Dafür steht der Name Jesu Christi. Ihm gebührt der Ruhm und die Macht in alle Ewigkeit.
Und bevor wir jetzt Amen sagen, liebe Gemeinde, schreiben wir uns das hinter die Ohren: Ein Christenmensch, der ans Ende aller Dinge denkt, denkt nicht in erster Linie an Erdbeben, Feuersbrünste, Überschwemmungen, Kriege, Hungersnöte und was der Teufel sonst noch so an telegenen Horrorszenarien bereithält, und er rechnet und rätselt auch nicht Tag und Nacht daran herum, wie lange es wohl noch gehen werde und wo genau im göttlichen Fahrplan der grosse Welten-Zug momentan gerade stecke, sondern er bleibt nüchtern, besonnen, massvoll und dem Nächsten in Liebe verbunden. Und jetzt ist der richtige Moment da, um es zu sagen: Amen.

Interlaken, im Juli 2002