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Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. 1. Joh 5, 11-13

Deshalb also, liebe Gemeinde, hat der Verfasser des ersten 1. Johannesbriefes diese Verse niedergeschrieben, damit wir wissen, dass wir das ewige Leben haben, damit wir uns also erinnern und es nicht vergessen oder, schlimmer noch, es gering achten. Deshalb also wurden diese Worte aufgeschrieben, damit wir wissen, was wir an Jesus Christus haben. Und es macht durchaus Sinn, sich dessen gerade zu Beginn eines neuen Jahres zu vergewissern. Wir dürfen und sollen und müssen auch als Christengemeinde wissen, dass wir das ewige Leben haben. Denn das ist das selige Wissen der Christen.
Egal was das neue Jahr mit uns auch anstellen mag, ob es uns nun mit Freude oder Enttäuschung aufwartet oder, was am wahrscheinlichsten ist, einem Mix aus beidem, egal ob wir dieses Schaltjahr schadlos überstehen oder gar nicht überleben, egal was die Sterne voraussagen und die Prognosen vorhersagen, ist alles völlig Wurst. Das ewige Leben, das haben wir auf sicher. Denn die Sicherheit des ewigen Lebens ist Christus selber. Und wir alle wissen ja, wann Sicherheiten gefragt sind. Wenn wir etwa eine Hypothek oder ein Darlehen aufnehmen, dann will die Bank doch Sicherheiten sehen, sonst macht sie mit uns keine Geschäfte. Ohne Christus wäre die Rede von einem ewigen Leben deshalb eine höchst unsichere Sache, ein Risikogeschäft, auf das wir uns besser nicht einliessen. In Christo aber sind wir gewiss: Es kommt gut.
Solch seliges Wissen können wir nicht für uns behalten. Eine Christengemeinde darf nicht im eigenen Saft schmoren wie ein Weihnachtsbraten. Das Evangelium will verkündet und nicht vertuscht werden. Denn die Christliche Botschaft und pars pro toto die Weihnachtsbotschaft ist eine Freudenbotschaft. Freude aber will geteilt und mitgeteilt werden, weil geteilte Freude bekanntlich doppelte Freude ist. Ergo: Je geteilter die Freude, desto grösser die Freude.
Dass "Jesu, meine Freude" ist, singe ich nicht nur mir zur Freude, sondern auch um eben diese Freude mit anderen zu teilen. Zudem ist echte Freude ansteckend. Ich spreche nicht von der aufgesetzten Freude jener, die gute Miene zum bösen Spiel machen, sondern davon: "Ich danke Gott und freue mich / Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, / Dass ich bin, bin! Und dass ich dich / Schön menschlich Antlitz habe." Wer wie Matthias Claudius weiss, was er Gott sei Dank alles hat, der kann gar nicht anders, als seiner Freude Ausdruck zu geben. Und wer wie Schiller weiss, dass die Freude ein schöner Götterfunken und eine Tochter aus Elysium ist, der weiss auch, dass alle Menschen Brüder werden, wo ihr sanfter Flügel weilt.
Wenn wir aber diese alte Welt und dieses noch in Windeln gepackte neue Jahr so beschauen, dann kommen wir nicht darum herum uns einzugestehen, wie sehr das Wissen um ein ewiges Leben und die damit verbundene Freude den Nahen wie den Fernen Not tut. Als Christengemeinde werden wir auch im neuen Jahr alle Hände voll zu tun haben, unser seliges Wissen an die Frau und an den Mann und an die Kinder zu bringen, ihnen allen also zu sagen, dass auch sie das ewige Leben im Glauben an den Namen des Sohnes Gottes haben dürfen, dass auch ihre Befürchtungen von Gottes Gnade umfangen sind, dass sie der Barmherzige um Christi Willen nicht im Stich lassen wird und dass Gottes Liebe weiter geht als unser Denkapparat mit einer Laufzeit von durchschnittlich 85 Jahren. Dafür gilt es Zeugnis abzulegen. An Gelegenheiten dazu wird es nicht fehlen. Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn.
Allein wir werden uns mit diesem Wissen nicht überall und immer beliebt machen. Bloss weil wir sagen, was wir glauben, liebt uns die Welt noch lange nicht. Im Gegenteil. Das wird auch Widerspruch und Ablehnung hervorrufen. So sehr die Welt das Evangelium von einem liebenden und vergebenden und also barmherzigen Gott nötig hat, so sehr lehnt sie es auch ab. Mit einem Mensch gewordenen und von Menschen gekreuzigten Gott, dann aber auferstandenen und somit alles Menschenmass überbietenden Gott, will von Hause aus niemand etwas zu tun haben. Die Geschichte Jesu von Nazareth ist einfach nicht glaubwürdig. Damit Menschen an ihn glauben können, muss er Menschen erst einmal würdigen. Will heissen, bevor wir sagen können: Wer den Sohn hat, der hat das Leben, muss der Sohn uns haben, muss er uns finden und einholen und auf Kurs bringen. Ohne sein Eingreifen greifen wir nämlich ins Leere.
So prägnant und eingängig der Satz ja ist, so gefährlich ist er aber auch. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht. Das kann man sich gut merken. Das geht rein wie Honig. Aber wie ring kann es auch missverstanden und wie leicht missbraucht werden. – Wir haben ihn, aber ihr habt ihn nicht, und deshalb haben wir den Vorrang und ihr müsst hinten anstehen. Wir sind die Guten, weil wir ihn haben, und ihr habt ihn nicht, also seid ihr die Bösen und deshalb hauen wir euch jetzt eins auf die Rübe. Wie schnell doch die, die meinen recht zu haben, rechthaberisch und damit überheblich werden. Wer sich aber über andere erhebt, der hat genau den verloren, den er zu haben meinte.
Wir müssen hier ganz vorsichtig sein, liebe Gemeinde. Vorsichtig und umsichtig müssen wir mit diesen Worten ins Gespräch kommen, damit wir uns nicht eine Grube graben, in die wir selber fallen. Den Sohn haben, umschreibt hier nicht einen Besitz, als könnten wir den Sohn Gottes zu Hause in die Küche stellen wie einen Laib Brot oder eine Flasche Wein. Haben heisst hier ganz streng und eigentlich glauben und meint damit weit mehr ein Sein oder ein Werden als einen Besitz. Den Sohn haben, heisst an den Sohn glauben. Und nun ist dieser Sohn ja gerade nach den Schriften johanneischer Prägung der von Gott über alles geliebte Sohn, in welchem Gottes grenzenlose Liebe zu den Menschen sichtbar und greifbar wurde. So dass wir weiter präzisieren können: ´"Den Sohn haben" heisst: in der Macht seiner Liebe leben."ª Harbsmeier
Den Sohn kann man nicht anders haben, als dass man ihn liebt. Wer ihn nicht liebt, hat ihn auch nicht. Wer ihn aber liebt, der liebt auch seine Brüder und Schwestern im Herrn. Wer diese nicht liebt, der hat ihn ebenfalls nicht. Daran lässt der Schreiber unseres Briefes keinen Zweifel. Den Sohn haben, heisst den Sohn lieb haben. Und wen wir lieb haben, an den glauben wir auch.
Ich habe meine Kinder ganz fest lieb, deshalb glaube ich an sie und ihre Fähigkeiten. Mein Glaube gründet in meiner Liebe zu ihnen. Hätte ich sie nicht so lieb, würde ich nicht so sehr an sie glauben. Je lieber wir aber jemanden haben, desto mehr glauben wir doch an ihn und vertrauen ihm. Das meint hier, wer den Sohn hat, der hat das Leben. Und demzufolge meint die Umkehrung des Satzes – wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht – dann auch die Umkehrung dessen, was wir soeben heraus gearbeitet haben. Wer den Sohn nicht hat, der hat ihn auch nicht lieb und wird folglich auch nicht an ihn glauben. Entweder man hat ihn lieb oder nicht. Haben oder nicht haben. Entweder oder.
Und jetzt ganz wichtig! Wer den Sohn aber hat und wer nicht, liegt nicht an uns zu entscheiden. Das ist einzig und allein Gottes Entscheid. Wer mit diesem Satz bewaffnet auf innere oder äussere Mission geht, der erweist der Sache Gottes einen schlechten Dienst. Der meint vielleicht im Namen Christi zu handeln, in Wahrheit aber ist er ein Handlanger des Teufels. Denn das Absolute und Exklusive dieses Satzes ist nicht eine allgemein verständliche Wahrheit wie 2 + 2 = 4, sondern eine persönliche Wahrheit, welche nur von jenen bejaht und bejubelt werden kann, die sich in dieser Wahrheit wiederfinden. Wir bewegen uns hier denkerisch in einem Zirkel. Das heisst: Wer den Sohn hat, den hat auch der Sohn. Oder anders gesagt: Wer mit diesem Satz Menschen fischen will, der benutzt einen falschen Köder. In den Zirkel von Haben, Lieben und Glauben gelangt man nicht aus eigener Kraft, sondern einzig Kraft dessen, der uns eben liebt und uns deshalb Anteil gibt an seinem Leben, so dass wir ewiges Leben haben im Glauben an IHN.
Wie wichtig es ist, das Absolute und Exklusive solcher evangelischer Spitzensätze richtig zu verstehen, illustrieren all jene zum Teil grauenvollen Versuche, den Christus-Glauben um jeden Preis unter die Leute zu bringen, wenn nötig auch unter Androhung und Zwang. Noch einmal: Die Wahrheit dieses Satzes ist eine Glaubenswahrheit und damit eine subjektive Wahrheit, auch wenn sie für mich als Glaubenden objektive Gültigkeit hat. Aber ich kann diese Wahrheit unmöglich meinen Mitmenschen als objektive Wahrheit überstülpen, ohne dass ich sie zwingend ins Gegenteil verkehre. Christliche Wahrheit lässt sich einzig mittels christlicher Liebe angemessen kommunizieren. Denn die Wahrheit Christi lebt von Christi Liebe und umgekehrt. Das sollten wir wissen, wenn wir uns schon über das selige Wissen einer Christengemeinde austauschen.
Wir kommen noch einmal kurz zum Anfang zurück. Wir wissen, dass wir das ewige Leben haben. Deshalb fühlen wir uns anderen aber noch lange nicht überlegen, die solches Wissen nicht haben, sondern wir sind dankbar, dass wir solches Wissen über die Jahre und Jahreswechsel hinaus pflegen dürfen. Wir wissen, dass wir im Glauben an den Sohn ewiges Leben haben. Aber wissen wir eigentlich, was genau hier Leben meint? Was ist das "das ewiges Leben"?
Wir setzen mit einer Negation ein. Ewiges Leben meint nicht ewige Jugend. Wer ewig zeitlich versteht im Sinne von zeitlos oder unbefristet, der hat noch kein ewiges Leben und auch keine Ahnung davon. Der meint vielleicht etwas zu haben, in Wahrheit aber hat er gar nichts ausser falschen Vorstellungen und leeren Hoffnungen. Ewiges Leben haben meint streng genommen nichts anderes als den Sohn haben. Was das heisst, haben wir oben ausgeführt. Ich muss mich nicht wiederholen, so dass wir fortschreitend sagen können: Ewiges Leben ist das von Gott regierte und durch seine Liebe angetriebene Leben. Kürzer: Ewiges Leben ist ein Leben in der Liebe gegenüber Gott und Menschen. Noch kürzer: Ewiges Leben ist ein Leben in und aus der Liebe. Und da die Liebe stärker ist als der Tod, ist auch das ewige Leben stärker als dieser. Mit seiner Liebe hat Christus den Tod besiegt.
Leben wir im neuen Jahr aus der Liebe, die uns Gott durch seinen Sohn erwiesen hat, so wird das Jahr 2004 ein ewiges Jahr werden, weil es dann ein göttliches Jahr wird, ein Jahr des Herrn eben. Gott möge uns dabei helfen! Das dürfen nicht nur Bundesräte sagen, sondern alle, die wissen, ohne sein Erbarmen läuft nichts. Amen.

Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Es ist einmalig, von dir in Jesus Christus geliebt zu werden. Und es ist wunderbar, dich durch Jesus Christus zu lieben. Er ist der Weg, der ans Ziel aller Ziele führt, die Wahrheit, die Vertrauen schafft und das Leben, das Freude macht. Wir danken dir für seine Wohltaten, die über all unseren Schandtaten stehen. Wir loben dich, indem wir seinen Namen preisen und dir also so recht geben in deinem Urteil über uns. Gut hast du alles gemacht und unerkannt gütig bist du, Himmlischer. – Im Namen Christi beten wir jetzt aber für ganz Irdisches. Deine gute Nachricht wird ja täglich in Frage gestellt, wenn wir unsere Nachrichten hören. Da ein Erdbeben, das Tausende ins Elend stürzt, hier ein Idiot, der meint, Terrorist sei eine Berufung, da eine Tragödie, die keiner fassen, geschweige denn verstehen kann und hier noch ein Unglück, für das es keine Worte mehr gibt. Sind das die Wehen einer kommenden oder nur die letzten Zuckungen einer sterbenden Epoche oder beides zusammen oder gar nichts davon? Wir stehen doch völlig im Abseits, wenn du uns nicht an den rechten Ort stellst. Wir tappen im Dunkeln ohne die erhellende Klarheit deines Heilgen Geistes. Gewiss vieles haben wir selber verschuldet. Aber für manches können wir einfach nichts dafür. Es gibt doch nicht nur den König Ahab, sondern auch den Hiob, und Judas ist nicht Stephanus. Wie bringen wir sie alle zusammen, ohne dass wir alles durcheinander bringen? Hilf uns, Vater, im grossen Durcheinander dieser Welt zurechtzukommen. Lass uns an dich und deine Weisheit glauben, damit wir nicht verzweifeln. Verhilf dem Rettenden zum Durchbruch. Du hast doch einen Kosmos geschaffen und nicht ein Chaos – oder? Wir haben keinen Gott ausser dir, du hast alle anderen entmachtet. Dann zeige dich jetzt überall mächtig und schaffe diesem blauen Planeten Heil, Wohlfahrt und Segen, damit wir dich ohne Wenn und Aber loben und preisen können. Amen.

Interlaken, Anfang Januar 2004