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Und dem Engel der Gemeinde in Laodicea schreibe: Dies sagt der "Amen", der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich weiss deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. O dass du kalt oder warm wärest! So aber, weil du lau bist und weder warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde. Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts, und nicht weisst, dass du der Elende und Bejammernswerte und arm und blind und nackt bist, rate ich dir, von mir Gold zu kaufen, das im Feuer geglüht ist, damit du reich wirst, und weisse Kleider, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Blösse nicht offenbar wird, und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du siehst. Ich strafe und züchtige alle, die ich liebhabe. So sei nun eifrig und tue Busse! Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und das Mahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich verleihen, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Offb 3, 14-22

Liebe Gemeinde! Das ist ein bittere Pille! Von allen sieben Gemeinden, welche in der Offenbarung des Johannes ein Sendschreiben erhalten ist Laodicea die einzige, die nur Tadel einstecken muss. Kein gutes Wort ist über sie zu hören. Man kann darüber streiten, ob das pädagogisch sinnvoll sei oder nicht. Die Bestandesanalyse ist jedenfalls katastrophal. Laodicea ist eindeutig auf dem falschen Weg, auf dem Holzweg. Kehrt die Gemeinde nicht um, wird sie ausgespuckt. Eines unserer stärksten Körpersignale, um Abneigung und Abscheu auszudrücken. Eine bittere Pille für diese Gemeinde.
Dabei ist sich doch die kleinasiatische Stadt ganz anderes gewöhnt. Selbstsicher tritt sie auf, ist reich und vielbereist, Knotenpunkt bedeutender Handelsstrassen. Ein florierendes Bankwesen, blühender Handel, eine weit herum bekannte Wollwarenmanufaktur, eine einflussreiche Ärzteschule, dies alles trägt zum Ansehen der Stadt bei. Wir würden heute sagen: Die Stadt boomt. Es lässt sich leben, gut leben in Laodicea. Zwar wurde die Stadt von Rückschlägen nicht verschont. Ein Erdbeben richtete grosse Zerstörungen an. Aber Laodicea hat die von Rom angebotene finanzielle Unterstützung zum Wiederaufbau mit den Worten ausgeschlagen: "Ich bin reich und brauche nichts." Die Stadt hilft sich selber. Ihr wirtschaftlicher Motor ist stark genug, um die Karre auch aus dem Dreck zu ziehen.
Und in dieser Stadt leben Christen. Im Unterschied zu den übrigen sechs Briefen hören wir nichts davon, dass diese Christengemeinde bedrängt oder gar verfolgt wurde. Sie scheint am Wohlstand der Stadt partizipiert zu haben und konnte wohl ungestört ihres Glaubens leben. Ja, man ist nicht nur reich in Laodicea, man ist auch tolerant. Leben und leben lassen. Das Extreme war seit jeher der erklärte Feind der Wohlstandsgesellschaft. Und die Botschaft vom baldigen Wiederkommen des Messias ist extrem. Sie ist extrem anders als die durchschnittliche Wurstigkeit einer in sich selbst verliebten Gesellschaft.
Wie selbstverliebt Laodicea war, das deckt der Brief schonungslos auf — das macht ihn zur bitteren Pille. Selbst- und Fremdeinschätzung Laodiceas sind nicht kongruent. Man wird zweimal leer geschluckt haben, als dieses Schreiben verlesen wurde. — Und ich stelle mir die konsternierten Gesichter vor, wenn unserer Gemeinde hier in Interlaken ein solches himmlisches Sendschreiben vorgelesen würde. Die Bettagsbotschaft des Synodalrates nimmt sich dagegen wie Zuckerwasser aus. Alles gut, alles wird noch besser. Wir sind auf dem richtigen Weg. — —
Selig all jene, die eine Gänsehaut bekommen, wenn sie plötzlich merken, zwischen Laodicea und Schweizer Christengemeinden gibt es Gemeinsamkeiten, allen historischen Differenzen zum Trotz. Selig all jene, welche das kritische Hinterfragen vordergründiger Selbstverständlichkeiten noch nicht verloren haben. Selig, wer die Klopfzeichen aus einer anderen Welt noch hört. Selig, wer diese Worte nicht auf Laodicea beruhen lässt, sondern auf sich selber bezieht. Selig, wer die Herausforderung Christi annimmt, sein Leben von ihm her in den Blick zu nehmen.
So aber, da du lau bist, will ich dich ausspeien. Lauheit und Gottgefälligkeit, das verträgt sich nicht, liebe Gemeinde. Ein lauer, bequemer, unangefochtener, schmerzfreier Glaube, den gibt es nicht. Das ist eine Illusion, Ohrengeflüster. Glaube ist Kampf. Es ist letztlich der Kampf Christi gegen mich selber. Und so verrückt das jetzt in bestimmten Ohren auch klingen mag, wenn ich diesen Kampf verliere, wenn ich Christus unterliege, dann ist das für mich nicht der Untergang, sondern das Beste, was mir überhaupt widerfahren kann. Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen. Und jetzt sagen sie nur noch, das sei nicht extrem. Das ist so extrem, dass es sämtliche Koordinaten unserer Alltagswelt dermassen durcheinanderwirbelt, als wäre Sturm Lothar hundertmal stärker zu Werke gegangen. Und das will etwas heissen.
Wir können dem Schreiber der Offenbarung eigentlich nicht dankbar genug sein, dass er unser Augenmerk immer wieder auf diese extreme Dimension des Evangeliums lenkt. Die Offenbarung ist ja in sich schon ein extremes Buch. Extreme Grausamkeiten stehen neben extrem schönen Schilderungen für Frieden und Heil, eine extrem dichte Bildersprache und Symbolik macht das Buch für viele extrem schwierig zu verstehen, extrem verschieden wurde sie daher ausgelegt und wie sich das für Extremes gehört, scheiden sich an diesem Buch dann auch die Geister. Geliebt und verehrt von den einen, missverstanden und abgelehnt von den andern. Die Offenbarung polarisiert im ganzen nicht weniger als unsere Verse im kleinen. Heiss oder kalt — ein Dazwischen gibt es nicht. Wer lau ist, wird ausgespeit.
Es ist wahrscheinlich weit einfacher in Zeiten der Not in den Glauben an Christus zu finden, als ihn in Zeiten des Wohlstandes ehr und redlich und also ohne Kompromisse zu bewahren. Schuld daran ist nicht der Wohlstand als solches, sondern die hinter jedem Wohlstand lauernde Gefahr saturierter Selbstzufriedenheit. Laodicea ist hier nur ein Beispiel unter vielen. Die Gemeinde dort war und ist Typus eines in den Augen der Welt glänzenden aber in den Augen Gottes abscheulichen Christenhaufens, der sich lieber mit sich selber und der Welt arrangiert, als in der manchmal schmerzlichen Erwartung des kommenden Herrn zu leben.
Das ist der Grund des Übels, der Grund dafür, dass der Seher dermassen mit der Gemeinde in Laodicea und all ihren kleinen Schwestern ins Gericht geht: Sie leben nicht mehr in der Erwartung ihres kommenden Herrn. Aber der wird kommen, und der wird die Dinge mit Augen wie Feuerflammen ansehen, der wird sie nicht einfach zudrücken oder wegschauen vor dem was falsch und böse und ganz und gar nicht gottgemäss ist, sondern er wird aufräumen in einem endgültigen und umfassenden Sinne, wie wir uns das gar nicht vorstellen können, wie es uns aber von der Schrift her geweissagt ist. Siehe, ich mache alles neu. Alles macht er neu. Nicht nur teilweise. Der flickt nicht rum, der kommt in "allerneuernder Klarheit".
Noch steht er draussen. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Was für ein Bild, liebe Gemeinde! Ich erinnere mich an eine etwas kitschige aber irgendwie dann doch imposante Fotomontage, auf der man ein riesiges Hochhaus sieht. So ein Urbild menschlicher Schaffens- und Willenskraft, ein architektonisches Denkmal für Können und Koordination, ein Koloss aus Stahl und Beton. An diesem riesigen Wolkenkratzer steht ein übergrosser Mann in Lumpen und klopft an. Ob die wohl in ihrem Penthouse im 83. Stock die Klopfzeichen aus einer anderen Welt hören?
Fragen wir uns selber! Hören wir die Klopfzeichen aus einer anderen Welt? Hören wir seine Stimme? Oder ist sie längst untergegangen im globalen Stimmengewirr? Ist die Kirche nur noch ein Sprechsaal der Meinungen? Ihre Botschaft verkocht und ohne Biss? Die letzte Stufe bevor sie endgültig bedeutungslos wird? Und das alles vielleicht als Resultat einer nicht erkannten Selbstverliebtheit? Selbstverliebtheit als Vorstufe zur Bedeutungslosigkeit?
Ich rate dir, von mir Gold zu kaufen, das im Feuer geglüht ist, damit du reich wirst, und weisse Kleider, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Blösse nicht offenbar wird, und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du siehst. Dies die Ratschläge an die Gemeinde Laodicea. Es scheint als hätte Johannes durchaus Humor. Den Bankiers der Stadt bietet er Gold zum Kauf an, den Textilproduzenten, die in der alten Welt besonders für ihre schwarze Wolle bekannt waren, empfiehlt er weisse Kleider zu erwerben und den Pharmazeuten verschreibt er Augensalbe, dem wichtigsten Arzneiexport im damaligen Laodicea.
Alles da, was bei uns auch da ist — genug Geld, hübsche Kleider, gute Medikamente — und trotzdem fehlt das Wichtigste: Ein Glaube, der sich nicht nur an den schönen Bergen und dem blauen Himmel entzündet, sondern im Leiden bewährt und geläutert ist, eine Hoffnung, die mehr in sich trägt als diese Welt vielleicht zu bieten hat, die nicht gleich schlapp macht, wenn es mal nicht so läuft, wie man sich das gewünscht hat, eine Hoffnung, die überhaupt mehr und anders ist als unsere Wünsche und eine Liebe, die nicht blind ist, sondern das Leiden der Kreatur sieht, die nicht das ihre sucht, sondern das, was anderen frommt und zugute kommt. Davon hatte es in Laodicea zu wenig. Und davon hat es auch bei uns zuwenig, weil man davon nie genug haben kann.
Es mag uns vielleicht ein kleiner Trost sein, dass es damals unter Christen nicht besser bestellt war als heute, aber es sollte uns nicht Entschuldigung sein für eigenes Versagen. Im Wesentlichen kämpfen Christengemeinden seit jeher mit den selben Problemen. Die unterschiedlichen Zeiten verschieben nur etwas die Akzente. Das hilft uns einerseits, ein idealistisch romantisiertes Bild der ersten Christengemeinden zu korrigieren, andererseits beschämt es uns zu recht. So viel Zeit verstrichen und immer noch nicht besser geworden! Aber es lehrt uns darüber hinaus auch etwas von der unfassbar grossen Geduld, die Gott im Umgang mit uns an den Tag legt. Ein anderer Gott, einer der nicht barmherzig und langmütig wäre, der hätte längstens den Vorhang gezogen und die Übung abgebrochen.
Und so ist auch das Letzte, was es von diesem Brief her zu sagen gibt, eben dies: Auch wenn hier mit der Gemeinde in Laodicea scharf ins Gericht gegangen wird, so geschieht das doch nur deshalb, weil sie noch eine Chance hat, noch ist es möglich, Dinge zum bessern hin zu verändern, noch kann sie auf die Bremse treten und vor dem drohenden Abgrund anhalten. Sie muss aber dazu ihre Lauheit verlieren. Sonst wird sie ausgespeit. — Und Lauheit, liebe Gemeinde, ist der Wahn eines schmerzfreien und immer wohlschmeckenden, allen bekömmlichen und niemanden verletzenden Evangeliums. Die Illusion Gottes Wahrheit in Christus schmecke immer süss und niemals bitter. Amen.
 
Interlaken, im September 2000